Mittwoch, 10. August 2022

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Atomenergiebehörde nimmt iranische Uran-Anreicherung unter die Lupe

Der Iran braucht nach Einschätzung der Internationalen Atomenergiebehörde noch mehrere Jahre, um eine Atombombe bauen zu können. Deshalb gebe es noch viel Zeit für Verhandlungen, sagte die Sprecherin der Organisation, Melissa Fleming. Sie äußerte zugleich ihr Unverständnis darüber, dass Teheran sein Programm zur Uran-Anreicherung nicht offenlegt.

Moderation: Jochen Spengler | 11.04.2007

    Jochen Spengler: 50 Jahre IAEO, ist das ein Grund zum Feiern?

    Melissa Fleming: Das ist schwer zu sagen. Auf der anderen Seite hat Kennedy in den 60er Jahren vorgewarnt, es würde wahrscheinlich in 20 Jahren, 10 oder 20, mehr Atommächte geben. So viele haben wir nicht. Haben wir viele verhindert? Das kann man nicht sagen. Also was gäbe es ohne einer IAEO? Vielleicht doch viel mehr Unsicherheit, viel mehr Misstrauen und viel mehr Atomwaffenländer. Also vielleicht haben wir doch Grund zu feiern.

    Spengler: Bleiben wir mal bei den zwei Punkten, die es da gibt: Einmal ist die friedliche Verbreitung der Atomenergie ja eine der Aufgaben, weswegen ja auch die IAEO nicht ganz unumstritten ist. Sind Sie als Sprecherin eigentlich verpflichtet, für Atomenergie zu sein?

    Fleming: Ja, das ist, glaube ich, ziemlich missverstanden, dass wir Atomenergie verbreiten. Das Meiste, was wir machen, ist die Förderung von friedlicher Nutzung im medizinischen Bereich, im Agrarbereich. Was wir nicht machen, ist Atomkraftwerke liefern oder überhaupt Atomkraftwerke fördern für Länder, die das gar nicht haben wollen. Also wenn ein Land zu uns kommt und sagt, wir wollen Atomkraft, dann werden wir versuchen, mit dem Land zu arbeiten, dass das so sicher wie möglich und verantwortlich wie möglich betrieben wird.

    Spengler: Ich habe es schon erwähnt, es gibt eine Tagung zur Zukunft der Atomkraft heute. Wie viel Zukunft hat denn die Atomkraft angesichts der begrenzten Uranvorkommen?

    Fleming: Also es gibt viele, die von einer Atomkraftrenaissance reden, aber das hängt davon ab, wo. Also in Deutschland sicher nicht, aber in vielen Entwicklungsländer, ja, in China gibt es einen Boom von Atomkraft, in Indien genauso. Es gibt bestimmt 30 Länder, die zu uns gekommen sind in den letzten Jahren und gesagt haben, wir interessieren uns für Atomkraft. Ob sie da hinkommen, ist die Frage, weil: Natürlich kostet es Geld, natürlich braucht man Leute, die fähig sind, so einen komplizierten Apparat zu bedienen, und eine Infrastruktur. Und wir beraten auch einige Länder, nein, also für sie ist Atomkraft sicher nicht das Richtige.

    Spengler: Muss uns das eigentlich mit Sorge erfüllen angesichts der Risiken, die Atomkraft ja immer noch bietet?

    Fleming: Natürlich gibt es Risiken. Das ist unsere Aufgabe eigentlich, dass, wenn Atomkraft benutzt wird, dass wir es so sicher wie möglich nutzen. Es gibt natürlich diese neuen Faktoren, das heißt Atomterrorismus. Das kommt noch dazu, und da müssen wir auch sehen, dass wir beraten können, wie man sich vor so einer Gefahr schützen kann.

    Spengler: Um mal eine Brücke zu schlagen zu Ihrer zweiten Aufgabe, also der Verhinderung der militärischen Nutzung der Atomkraft: Öffnet nicht die zivile Nutzung erst das Tor für die militärische Nutzung? Also ein Staat, der die militärische Nutzung der Atomkraft machen möchte, unternehmen möchte, der muss erst mal zivil die Fähigkeiten entwickeln.

    Fleming: Wir sehen wenig Verbindungen zwischen Atomkraftwerken und militärischer Benutzung. Wo wir eine Brücke sehen, ist die Fabrik, um Uran anzureichern oder Plutonium wieder herzustellen. Das sind die Probleme. Diese Fabriken wollen wir zukünftig verhindern. Wir haben auch Vorschläge, wie wir das machen können, aber es ist einfach leider so, dass der Nichtverbreitungsvertrag erlaubt, dass jedes Land so einen Berg haben kann.

    Spengler: Wenn Sie die Fabriken schon ansprechen, wie beunruhigend sind denn die Nachrichten dieser Tage aus dem Iran für Sie?

    Fleming: Also wir sind im Iran nach wie vor. Die Inspektoren sind eigentlich heute eingetroffen in Natans, und wir werden das beobachten, wie weit sie gekommen sind, und das bald berichten. Wir stehen nach wie vor dazu, dass, wenn Iran entscheiden würde für eine Atombombe, das haben wir, muss ich betonen, auch noch nicht gesehen, dann meinen wir, meint die CIA, meinen viele andere Länder, dass sie zwei bis vier Jahre, vier bis sechs Jahre davon sind. Also gibt es viel Zeit noch zu verhandeln.

    Spengler: Die Experten auch von Ihnen haben bislang immer von 1000 Zentrifugen gesprochen, die da in Betrieb seien. Jetzt hat Iran vorgestern gesagt, 3000 seien es. Halten Sie das für wahrscheinlich oder glauben Sie das nicht?

    Fleming: Da müssten sie ziemlich schnell arbeiten.

    Spengler: Also es ist eher unwahrscheinlich?

    Fleming: Das müssten wir sehen, aber wir werden bald berichten.

    Spengler: Warum will die internationale Gemeinschaft, dass Iran die Anreicherung aussetzt? Hat Iran als souveräner Staat nicht das Recht zur Atomanreicherung?

    Fleming: Iran hat das Recht, aber was Iran nicht gemacht hat, ist, uns alles erklärt, was sie in ihrem ehemaligen Atomprogramm gemacht haben. Sie haben eingekauft vom Ausland, von illegalen Märkten, sie haben Experimente durchgeführt, und es ist nicht alles aufgeklärt. Solange nicht alles aufgeklärt ist, gibt es sehr, sehr viel Misstrauen. Also die internationale Gemeinschaft in Form vom Sicherheitsrat hat gesagt, solange das alles nicht aufgeklärt ist, solange es so viel Misstrauen gibt, dann finden wir, dass Iran so eine empfindliche Fabrik nicht laufen lassen soll. Wenn man so was besitzt, ist man so nahe an der Fähigkeit, das noch weiterlaufen zu lassen und das Material für Atombomben zu haben, dass das einfach zu weit ist für die internationale Gemeinschaft. Wir sagen, machen Sie die Türen auf, seien Sie transparent. Wenn Sie nichts zu verbergen haben, dann zeigen Sie das uns. Wir verstehen nicht eigentlich, warum sie das nicht machen.

    Spengler: Dankeschön für das Gespräch. Das war Melissa Fleming, Sprecherin der Internationalen Atomenergiebehörde, die in diesem Jahr 50 Jahre alt wird.