Samstag, 31.10.2020
 
Seit 23:05 Uhr Lange Nacht
StartseiteForschung aktuellEine Eismauer für Fukushima03.06.2014

AtomunfallEine Eismauer für Fukushima

Auf dem Gelände des havarierten Atomkraftwerks in Fukushima dringt Grundwasser in die Reaktorblöcke. Tausende Liter Wasser werden dadurch radioaktiv belastet. Die Betreiberfirma Tepco will deshalb einen Schutzwall aus Eis um die Reaktorblöcke bauen, um das Gelände vom Grundwasserstrom zu trennen. Die Genehmigung ist jetzt erteilt, die Idee aber hoch umstritten.

Von Dagmar Röhrlich

Mitglieder des japanischen Atomkraftregulierungsausschusses NRA inspizieren Behälter für kontaminiertes Wasser am havarierten Reaktor von Fukushima (picture alliance / dpa / NRA)
Mitglieder des japanischen Atomkraftregulierungsausschusses NRA inspizieren Behälter für kontaminiertes Wasser am havarierten Reaktor von Fukushima (picture alliance / dpa / NRA)
Weiterführende Information

Bittere Wahrheiten nach der Katastrophe (Deutschlandfunk, Hintergrund, 10.03.2012)

Endstation Fukushima (Deutschlandfunk, Hintergrund, 25.12.2011)

Kraftwerksbesitzer Tepco hat sich durchgesetzt: Damit kein Grundwasser mehr in die havarierten Reaktoren in Fukushima eindringt und sich mit dem radioaktiv belasteten Kühlwasser mischt, darf das Unternehmen nun die Blöcke 1-4 mit einem anderthalb Kilometer großen, unterirdischen Eisring umgeben. Dem hat die japanische Atomaufsichtsbehörde NRA zugestimmt - trotz Sicherheitsbedenken. Unter anderem fürchten Experten, die Barriere aus Permafrost könnte den Grundwasserstrom verändern. Dale Klein von der University of Texas teilt diese Ansicht:

"Die Frage ist, welche Nebenwirkungen dieser Eiswall haben könnte. Weiß Tepco wirklich, wie das Grundwasser, das aus den Bergen zum Meer fließt, reagiert? Wird es wirklich unterirdisch um diese große Barriere strömen, oder steigt es zur Oberfläche auf?"

Der Ingenieur ist ehemaliger Vorsitzende der US-amerikanischen Atomaufsichtsbehörde und gehört zu einer Gruppe unabhängiger Berater, die Tepco unterstützen sollen.

Die Hydrologie vor Ort gehöre zu den kompliziertesten, die er kenne, urteilt Dale Klein. Damit der Untergrund gefriert, werden nun rund um die Blöcke 1 bis 4 dicht an dicht Bohrlöcher gesetzt: Die werden verrohrt, und dann soll über Jahrzehnte hinweg Gefriermittel durch sie fließen. Die veranschlagten Baukosten liegen bei 460 Millionen Dollar. Die Stromrechnung für den Unterhalt wird pro Monat auf eine Million Dollar geschätzt. Im April 2015 soll der Eisring geschlossen sein und den Zustrom von Grundwasser in die Reaktoren unterbinden:

"Wir wissen einiges über Bodenvereisung, aber längst nicht alles. Es gibt keine Erfahrungen mit Eiswällen dieser Größe und auch nicht mit Zeiträumen von Jahrzehnten. Ich frage mich, ob Tepco wirklich alles bedacht hat, was im Lauf der Zeit passieren kann."

Jedenfalls möchte Tepco Sicherheitsbedenken mit zusätzlichen Unterlagen zerstreuen und vertraut dabei auf seinen bereits durchgeführten, kleinskaligen Gefrierversuch:

"Sie haben im März einen mehrere Meter langen Eiswall gefrieren lassen, um zu sehen, ob er den Grundwasserstrom unterbricht. Unter diesem Aspekt war das Experiment erfolgreich."

Allerdings lief der Test nur wenige Wochen. Daten, die das Verhalten über einen längeren Zeitraum widerspiegeln, fehlen. Damit gib es auch keine aussagekräftigen Simulationen, die beispielsweise durchspielen, was passiert, wenn der Grundwasserstrom durch extreme Niederschläge während der Taifunsaison anwächst. Könnte er die Eisbarriere überfluten?

"Ich wollte Tepco überzeugen, sich auf das Unerwartete vorzubereiten, vorneweg zu überlegen, was alles schief gehen kann. Aber die Firma konzentriert sich nur auf die eine Frage, ob der Wall den Grundwasserstrom stoppt oder nicht."

Aufgrund ihres Experiments hat Tepco auch berechnet, dass sich der Boden durch die Gefrierwand kaum setzen wird. Es sollte deshalb keine Probleme mit der Standfestigkeit von Gebäuden geben, so Tepco. Experten für Bodenvereisung fragen sich jedoch, wie gut sich der Untergrund überhaupt wird einfrieren lassen. Denn vor dem Bau ist das Gelände eingeebnet worden, sodass die Anlagen teils auf porösen Böden stehen, teils auf dichtem Fels. Fels ist jedoch bislang nur selten vereist worden. Außerdem funktionieren die Verfahren nur bei wasserdurchlässigem Untergrund. Ob das gigantische Eiswallprojekt tatsächlich von Erfolg gekrönt sein wird, ist deshalb alles andere als ausgemacht.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk