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StartseiteBüchermarktAuf dem Weg zur Hochzeit01.01.1980

Auf dem Weg zur Hochzeit

Das Werk des 1926 geborenen, in Frankreich lebenden John Berger ist äußerst vielgestaltig und widersetzt sich damit der nach wie vor bestehenden Parzellierung innerhalb des Kulturbetriebs. Der gebürtige Engländer fing als Maler an. Spätestens mit seinem Buch über Pablo Picasso machte er sich einen Namen als Kunstkritiker. Seine scharfsinnigen Essays sind engagierte Stellungnahmen zu aktuellen politischen Konflikten. Berger schrieb Drehbücher, etwa für Alain Tanner, und er arbeitete als Regisseur und Fotograf. Seine preisgekrönten Romane werden in alle Weltsprachen übersetzt.

Sabine Peters

Bei John Bergers neuem Roman "Auf dem Weg zur Hochzeit” handelt es sich um eine Liebesgeschichte; und sie entfaltet - ist das natürlich oder paradox? - ihre Intensität und Dynamik aus ihrer Beschränktheit, von ihrem Ende her. Ninon, die Braut, hat Aids. Wie beiläufig, ja verhalten, wird von ihr und von denen erzählt, die Anteil an ihrem Schicksal haben. Ninons Hochzeit wird im italienischen Gorino stattfinden. Ihr Vater, der Eisenbahner Jean Ferrero, fährt mit dem Motorrad aus Südfrankreich los. Ninons Mutter Zdena, Wissenschaftlerin, reist aus Bratislava mit dem Bus an. Sie war vor 17 Jahren, mit Einverständnis und Unterstützung ihres Mannes, in die CSSR zurückgekehrt, als die Charta '77 publik wurde.

Berger montiert die Geschichte aus den unterschiedlichen Stimmen seiner Figuren zusammen - wobei der Roman selbst sich als das Zeugnis eines griechischen Amulettverkäufers ausgibt. Der hatte Jean ein Tama verkauft, das die Tochter schützen sollte. Der Grieche ist blind, er hat aber andere Sinne geschärft und kann so hören und mitteilen, was um Ninon herum geschieht. Oder, was um sie herum geschehen könnte. Ninon ist 24 Jahre alt. Sie ist aufmerksam, spöttisch, warm und schön. In Toulon hat ein Fremder sie entzückt, sie hat mit ihm geschlafen. Längst lebt sie in Italien und hat ihre große Liebe kennengelernt, den Textilverkäufer Gino - da wird festgestellt, sie ist HIV-positiv. Der Leser weiß zwar von Anfang an, daß Jeans Tochter eine tödliche Krankheit hat. Und doch hallt es wie ein Donnerschlag, wenn in der Mitte des Romans die Fakten auf den Tisch kommen. Ninon sagt: "Ich bin 24, und ich werde sterben ... Die Gabe, mich zu geben, ist mir genommen. Wenn ich mich biete, biete ich den Tod ... Alles, was ich zu bieten hatte, so alt wie die Welt, gottgegeben, Balsam für Schmerzen, Honig für die Geschmacksknospen, Verheißung auf immer, seidiges Willkommen, ach, willkommen zu heißen... alles, was ich hatte, ist mir genommen."

Ginos Reaktion ist: Ja und nein. Er liebt sie und sie werden heiraten, die Hochzeit in Gorino wird ein sagenhaftes wildes Fest, ein Ausbruch von Glück. Hier biegt John Berger Gegenwart und Zukunft in äußerster Spannung aufeinander zu, verflicht sie ineinander, so da wir beides sehen: die tanzende Ninon, deren Hände den Rhythmus der Musik aus der Luft pflücken - und Ninon im Rollstuhl, unfähig, sich selbst zu kämmen. Ninon, barfuß auf schwarzen Zehenspitzen wirbelnd mit ihem Bräutigam, ihr Hochzeitskleid verschmiert wie eine Fahne nach der Schlacht, glänzend die Haut, leuchtend ihr Blick - und Ninon, der Gino mit einer Injektionsspritze ein paar Tropfen Wasser in den ausgetrockneten Mund zu geben versucht.

Der Roman will, in Solidarität mit den Aidskranken, erschüttern. Er erschüttert, ohne in Sentimentalität und Larmoyanz abzukippen. John Berger zeichnet sich auch hier wieder durch unangestrengte, konzentrierte Besonnenheit aus: Knappe Dialoge, nüchterne Schilderungen, ein Minimum an Details, Momentaufnahmen, Nachrichtenschnipsel reichen aus, eine dichte und doch luftige Atmosphäre herzustellen. Die Sprache, flüssig übersetzt von Jörg Trobitius, ist einfach, ohne simpel zu sein. Sie geht in müheloser Schönheit geradeaus.

Im Unterschied zu Romanen, die mit ihren beliebigen Aufzählungen überschütten und so ins verwirrte Vergessen von allem und jedem treiben, beherrscht Berger die Kunst des Anklingen-Lassens: Eine Schreibweise, die sich wie ein Echo im Leser fortsetzt, die aus behutsamen Anspielungen aktives Erinnern ermöglicht. Ein Beispiel: Ninon besucht mit einer Freundin eine Ausstellung altägyptischer Kunst. Ein Poster draußen zeigt einen Frauenkopf im Profil. Dazu fällt der Freundin ein: "Was für ein Hals. Die sexieste Giraffe der Welt" - und wir sehen sie vor uns, Nofretete, die Langhalsige. Und vielleicht bleibt der freche Vergleich, der sagt, auch Königinnen sind nur Menschen, eine Weile bei uns. Solche kleinen Szenen zeigen: es muß nicht viel geschehen, damit der Roman, mit einem altmodischen Wort gesagt, welthaltig wird. "Auf dem Weg zur Hochzeit" umfasst "Welt" horizontal und vertikal. Der Roman denkt Menschheitsgeschichte mit, und er vermittelt die Spannung gegenwärtiger

Gleichzeitigkeiten. Ninon findet im Museum ein Modell altägyptischer Häuser, und es scheint ihr "wie nebenan": auch dort hatten sie Küche, Toilette, Eßzimmer, Garage für den Karren. Sie versucht, sich zu bewegen wie die Leute auf den Reliefs. Eine produktive Aneignung von Geschichte, ein Sich-Einbinden in sie. Aber Berger ist nicht der Autor, der alles in allem harmonisch aufgehen läßt. Heutige, simultan ablaufende, widersprüchliche Ereignisse spannen den Roman oft an die Grenze des Zerreissens. "Welt" jetzt, das ist in Bratislawa der Arbeitslose, der auf Parkplätzen Touristenautos bewacht und Lohn erhofft; das ist die Nachricht von illegalen Organtransplantationen; das sind jugendliche, ratlos-verzweifelt fromme Computerhacker; das ist Ninon, die als Aidskranke auf der Straße niedergeschlagen wird, die gehaßt wird dafür, daß sie krank ist. Eine Paria.

Der Roman reißt trotz alledem nicht nieder. Denn in John Bergers Weltsicht ist der Wunsch geblieben, oder anders gesagt, das Andere, die Utopie. Man wirft ihm gelegentlich vor, er sei ein Ewiggestriger, oder, sein mediterraner Glückskult mache die Dinge zu schön, sei unglaubhaft. Solche Kritik überliest zum einen, daß der Roman, den der Blinde zusammensetzt, dessen Vorstellung ist. Zum anderen soll doch festgehalten werden: Ihrem Wesen nach ist Literatur immer konjunktivisch angelegt, sie ist Möglichkeit, Fiktion. John Bergers neuer Roman bewegt sich dies- und jenseits der Grenze dessen, was ist. Das Buch ist eine Verteidigung der Rechte des Einzelnen, ein nicht-reglementiertes Leben führen und ein eigenes Schicksal haben zu dürfen. Es macht aus Nummern in Statistiken Menschen. "Auf dem Weg zur Hochzeit" läßt Solidarität, Großzügigkeit, und Hoffnung spürbar werden, Phänomene also, die verloren zu gehen drohen oder schon verloren sind.

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