Freitag, 14.12.2018
 
Seit 11:55 Uhr Verbrauchertipp
StartseiteCorsoAuf der Spur des Vinyls04.05.2013

Auf der Spur des Vinyls

Schallplattenpresswerk in Leipzig

2012 wurden in Deutschland knapp eine Million Vinylschallplatten gekauft. Die Platte bleibt zwar ein Nischenprodukt, aber erlebt derzeit ein Revival. Ein kleines Presswerk in Leipzig stellt diese unhandlichen Tonträger her.

Von Martin Becker

Jede Platte ist ein Unikat. (Stock.XCHNG / Dave Dyet)
Jede Platte ist ein Unikat. (Stock.XCHNG / Dave Dyet)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

"Am Ende muss es jeder für sich entscheiden, also, für mich war die Schallplatte immer das einzig wahre Medium, ne!?"

Der Hund zerkaut die Festplatte. Der Umzug rafft die CDs reihenweise dahin. Und dann ist sie weg, die schöne Musik. Machen wir lieber was Sicheres. Machen wir was für die Rente. Machen wir uns eine Schallplatte. Jan Freund kann das. Für den ist die Schallplatte nicht nur das einzig wahre Medium. Er stellt sie her. R.A.N.D. MUZIK heißt seine Firma, die er vor rund zehn Jahren mitgegründet hat. Und der Laden läuft: 15 Leute arbeiten hier. Bald sogar in drei Schichten. Fangen wir mal von vorn an.

"Hier ist unser Schneidstudio und Mastering."

Zuerst muss das, was wir auf unserer Platte hören wollen, bearbeitet und überspielt werden. Vom Computer aus. Mithilfe einer Schneideapparatur. Dabei entsteht die Lackfolie. Der erste Schritt zum fertigen Vinyl. André Naszada ist für den Vertrieb bei R.A.N.D. MUZIK zuständig. Und bevor er die Lackfolie in die lärmenden Maschinenhallen im Erdgeschoss der alten Druckerei bringt, muss man ganz genau hingucken:

"Wir kontrollieren die Lackfolien, also, da dürfen halt keine Fingerabdrücke oder Kratzer drauf sein."

2012 wurden in Deutschland 112 Millionen Musikalben als Download im Internet oder als physische Tonträger verkauft. Knapp eine Million davon auf Vinyl. Insgesamt sind das 36 Prozent mehr verkaufte Schallplatten als im Vorjahr. Der beste Wert seit 15 Jahren, sagt der Verband der Musikindustrie. Bevor wir aber unser eigenes Vinyl auf den Markt werfen können, dauert es noch eine Weile. Wir stehen vor Säurebädern und surrenden Apparaturen. Die brauchen wir, um unser Goldstück zu versilbern:

"Wir sind jetzt hier unten in der Vorstufe, sozusagen, in der Galvanik, hier landen die Folien, die wir oben begutachtet haben hier wird aus der Lackfolie das Presswerkzeug und die Schallplattenmutter hergestellt."

Die Lackfolie mit unserer Musik drauf wandert jetzt. Durch verschiedene Galvanikbäder. So bekommt sie eine Nickelschicht, so entsteht die Schallplattenmutter. Aus der wiederum wird die Matrize gemacht, mit der wir unser Vinyl endlich pressen können. Zwei Stunden dauert die Behandlung in der Galvanik. Während wir warten, treffen wir jemanden, der sich mit so was auskennt. Der noch dazu zu dieser komischen Generation der unter 30-Jährigen gehört, die plötzlich wieder Schallplatten haben wollen. Rafael Vogel, Jahrgang 1985.

"Wenn jemand mit Platten auflegt, hab ich zumindest oft das Gefühl, dass irgendwas Anderes da noch mit im Raum schwingt, oder man anders davon berührt wird."

Rafael lebt in Leipzig und macht Musik, zusammen mit seinem Kumpel Konstantin Knust. Kettenkarussell heißt ihr Projekt, mit dem sie zuletzt in Paris, Berlin und Hamburg gespielt haben. Neben der Band betreiben sie auch ein Weimarer Label namens Giegling. 14 Veröffentlichungen haben sie mittlerweile. Alle auf Vinyl. Alle gepresst bei R.A.N.D. MUZIK.

"Wir haben in ganz geringer Stückzahl am Anfang produziert und die Cover auch selbst gemacht, selbst gestempelt, also, jede Platte ist ein Unikat gewesen."

Für Rafael ist die Sache klar: Eine Schallplatte ist individuell. Sie klingt immer anders und ist nicht der absolut glatte, absolut perfekte Sound. Vor allem aber: Mit der Schallplatte hast du deine eigene Mucke in der Hand. Wortwörtlich.

"Ja, es ist schon irgendwie verrückt, wenn diese Datei, die irgendwie auf deinem Computer rum liegt, auf einmal auf dieser Platte ist und du die rausholen kannst und auch die Rillen siehst und die Musik, zu was Echtem geworden ist."

Mittlerweile haben wir die Säurebäder verlassen. Mittlerweile stehen wir vor einem alten Schweden. Eigentlich: vor einer alten Schwedin. Die Plattenpresse heißt Toolex Alpha Typ AD 1202 und wurde Anfang der 80er in Schweden gebaut. In Leipzig presst sie heute weiter. Knapp eine halbe Minute braucht die Maschine für eine Platte, für rund 140 Gramm Musik.

"Hier müssen wir nur abspindeln. Den Rest macht die Maschine automatisch, also, Randabschnitt und so, und der gesamte Prozess: so 25 Sekunden circa. Hier siehst du den Druck. Circa 200 Bar. Da wird die Rille quasi in das Granulat gepresst."

Sieht man sich die aktuellen Zahlen an, dann könnte man sagen: Vinyl sells. Mehr und mehr. Aber ganz so einfach ist das dann doch nicht, sagt André von R.A.N.D. MUZIK, der glaubt, dass der wirklich große Boom schon länger vorbei ist. Denn die Schallplatte läuft zwar wieder runder, bleibt aber trotzdem ein Nischenprodukt:

"Also, wenn man sich diesen großen Kuchen anguckt, der war halt früher verteilt auf relativ große Major-Labels, auf wenige Majorlabels, die aber viel gepresst haben, also hohe Stückzahlen. Und mittlerweile ist es so, dass der Kuchen kleiner geworden ist und viele kleine Labels jetzt halt weniger pressen, aber die Stückzahlen letztlich so stagnieren."

Ist die Schallplatte gemacht, geht die Testpressung an den Kunden. Gibt der grünes Licht, startet die Serienproduktion. Die passenden Etiketten werden in der hauseigenen Druckerei gedruckt, gebohrt und zugeschnitten. Vinyl made in Leipzig also, vom ersten bis zum letzten Schritt. Am Anfang hat Jan Freund, einer der Gründer von R.A.N.D. MUZIK, uns erzählt, dass die Platte für ihn das einzig wahre Medium sei. Wie aber hat es bei ihm, sozusagen einem der Großmeister des Vinyls, angefangen? Jan Freund weiß es noch genau. Mit dem Plattenschrank seiner Eltern konnte er zwar nichts anfangen.

"Aber die erste Platte, die hab ich mir dann mitbringen lassen, ich weiß nicht mehr genau, welche das war, ich glaube, irgendeine Ärzte-LP. Ich weiß noch, ich wollte "Einstürzende Neubauten" haben, aber die haben meine Verwandten im Westen nicht ausfindig machen können, das war dann wahrscheinlich nicht ganz so populär."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk