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StartseiteKalenderblattAuf der Suche nach dem Unbewussten15.05.2012

Auf der Suche nach dem Unbewussten

Vor 150 Jahren wurde der österreichische Schriftsteller Arthur Schnitzler geboren

Er gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern des Fin de Siècle. Berühmt wurde er dafür, die Zustände der menschlichen Seele auf die raffinierteste Weise zu beschreiben. Arthur Schnitzler, nicht zufällig ein Zeitgenosse Sigmund Freuds, wurde am 15. Mai 1862 in Wien geboren.

Von Helmut Böttiger

Arthur Schnitzler führte den inneren Monolog in die deutschsprachige Literatur ein. (dpa)
Arthur Schnitzler führte den inneren Monolog in die deutschsprachige Literatur ein. (dpa)

Als Dreißigjähriger tritt der am 15. Mai 1862 geborene Mediziner Arthur Schnitzler auch als Theaterautor in Erscheinung. Premiere hat im Jahre 1892 "Anatol", eine Folge von Einaktern, und gleich im Prolog fällt ein klassischer Satz. Er charakterisiert die Epoche so genau wie kein anderer:

"Wir spielen immer. Wer es weiß, ist klug."

Schnitzler wird als Sohn eines großbürgerlichen Arztes geboren, und das dahindämmernde Wien des Kaisers Franz Joseph, das Fin de Siècle voller Melancholie, Hysterie und überfeinerter Nerven bildet für ihn das Sujet par excellence. Das Theater ist die ideale Bühne, die Verhaltensweisen, Spielformen und Gefühlszustände der maßgebenden Herren und Damen vorzuführen – all jener Ärzte und Offiziere der K&K-Monarchie, der Künstler und Dandys, die die Caféhäuser und bürgerlichen Salons bevölkern und ein schummeriges, immer ein bisschen zwielichtiges Milieu schaffen. Und auch seine Erzählungen macht Arthur Schnitzler zu einer Bühne aller psychischen Schwebe- und Ausnahmezustände, die im Gefühl einer Endzeit auftreten. Mit den Prosastücken "Leutnant Gustl" und "Fräulein Else" führt Schnitzler den "inneren Monolog" in die deutschsprachige Erzählliteratur ein, er decouvriert die Haltungen der Figuren, indem er sie selbst sprechen lässt.

"Das war ein ganz guter Abgang. Hoffentlich glauben die zwei nicht, dass ich eifersüchtig bin. Dass sie was miteinander haben, Cousin Paul und Cissy Mohr, darauf schwör ich. Nichts auf der Welt ist mir gleichgültiger. Nun wende ich mich noch einmal um und winke ihnen zu. Winke und lächle. Sehe ich nun gnädig aus?"

Schnitzler ist eine Zeitgenosse Sigmund Freuds, und gleichzeitig mit dem Erfinder der Psychoanalyse macht er sich auf die Suche nach dem menschlichen Unbewussten. Die Sexualität und der Tod werden von der herrschenden Moral ausgeklammert. Schnitzler kreiert den Typus des "süßen Mädels aus der Vorstadt" als Symbol für die schlüpfrigen bürgerlich-aristokratischen Verkehrsformen. Seine eigenen Liebschaften bleiben ungezählt, in seinem Tagebuch listet er sie nach geradezu sportlichen Gesichtspunkten auf, wie er überhaupt allem Neuen gegenüber offen ist. Er gehört zu den frühesten Wiener Telefon-Teilnehmern, und 1907 begibt er sich gar in das Physikalische Institut, um seine Stimme aufzeichnen zu lassen. Er wählt ein Zitat aus dem Einakter "Lebendige Stunden", das wie eine Definition des Schriftstellers anmutet, und man versteht es auch durch die technisch tückischen Schleier der Zeiten hindurch:

"Lebendige Stunden? Sie leben doch nicht länger als der letzte, der sich ihrer erinnert."

Als Jude verzeichnet Schnitzler sehr genau die immer stärker werdenden antisemitischen Tendenzen, und dass er wie Freud die Sexualität als treibende Kraft in den menschlichen Beziehungen darstellt, löst viele Aggressionen aus. Zum wahren Skandalstück wird "Der Reigen": In jeder Episode steht der Geschlechtsakt im Mittelpunkt. So direkt hat das noch niemand zu zeigen gewagt. Das 1900 geschriebene Stück wird zwar immer wieder verboten, erreicht aber im Druck wahre Rekordzahlen. Schnitzler stirbt, berühmt und angefeindet, nach familiären Tragödien wie seiner Scheidung und dem Selbstmord seiner Tochter, am 21. Oktober 1931. Er ist, trotz allen Wissens um alle Schattenseiten, bedingungslos ein Mann des Fortschritts, ein Neuerer, und es ist kein Zufall, dass er für die zweite kurze Aufnahme, in der seine eigene Stimme überliefert ist, den optimistischen Schluss seines Stücks "Der Schleier der Beatrice" aus dem Jahr 1900 spricht:

"Das Leben ist die Fülle, nicht die Zeit.
Und noch der nächste Augenblick ist weit."

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