Dienstag, 27. September 2022

"1922. Wunderjahr der Worte"
Aufbruch in die Moderne

Norbert Hummelt erzählt von einem Schlüsseljahr der modernen Literatur: Joyces Avantgarde-Roman "Ulysses" und T.S. Eliots epochales Langgedicht "The Waste Land" erscheinen gleichzeitig mit Rainer Maria Rilkes "Sonette an Orpheus". Sein Buch ist zugleich Chronik und Roman.

Von Michael Braun | 28.03.2022

Norbert Hummelt: "1922 - Wunderjahr der Worte"
Norbert Hummelt: "1922 - Wunderjahr der Worte" (Portrait: Laura Baginski / Buchcover: Penguin Verlag)
Diese Geschichte eines epochalen Jahres beginnt in der Parterrewohnung einer niederrheinischen Stadt, in der eine alte Frau Krippenfiguren wegräumt und in einem Seifenkarton verstaut. Mit dieser Erinnerung an seine Großmutter eröffnet der Dichter Norbert Hummelt seine weit ausgreifende literaturhistorische Phantasie über das Jahr 1922.

Dabei geht es nicht nur um eine akribische Chronik der poetischen Umwälzungen dieses Schlüsseljahres. In einer zweiten Dimension seines Buches betritt Hummelt auch einen fiktionalen Raum – nämlich mit seiner Erzählung über die Alltagserfahrungen seiner Großmutter Franziska Kemmerling, die er in seine Geschichtschronik eingeschrieben hat.  Es gehört mithin zu den kühnen Aspekten dieser lehrreichen Geschichtserzählung, dass sie durchweg objektive realgeschichtliche Daten mit poetischer Imagination verschränkt.

 Aufbruch ins „Wunderjahr der Worte“

Das Jahr 1922 beschreibt Hummelt nun ganz ungebrochen als das Annus mirabilis, das „Wunderjahr“ der modernen Literatur, in dem in einer Art Urknall ein neues literarisches Universum entstand: Meisterwerke wie James Joyces Ulysses und T.S. Eliots epochales Langgedicht The Waste Land erblickten das Licht der Literaturwelt, und Rainer Maria Rilke meldete in seinem schmucken Wohnturm in Muzot im Wallis die Vollendung seiner Sonette an Orpheus und der Duineser Elegien.

Im Blick auf die Aufbruchsbewegungen des Jahres 1922 fragt Hummelt nach den Kristallisationspunkten dieses „Wunderjahres der Worte“:

"Was mochte es bedeuten, dass so bedeutende wie gegensätzliche Werke einander fast in Raum und Zeit berührten? Texte, die in ihrem Werden einen Zeitraum spannen, der in die Jahre vor dem Weltkrieg zurückreicht, und deren Autoren persönliche und schöpferische Krisen durchlitten, während ringsum Europa in Trümmer sank."

In Hummelts  Chronik des Jahres 1922 ist eine gewisse kulturtheoretische Verlockung spürbar, die darin liegt, die mehr oder weniger zufällig zeitgleich verlaufenden Ereignisse zu einem großen Panorama einer weitreichenden ästhetischen Umwälzung umzudeuten. Ähnlich wie in Florian Illies' Bestseller zum Jahr 1913 montiert er die unterschiedlichsten Geschichtssplitter aus Europa und den USA zu einem Epochenbild.

1922 – die Platzkämpfe der Dichter


Die mehr oder minder aufregenden Begleitumstände rund um die Publikation des Ulysses und des Waste Land und die triumphalen Erfahrungen Rilkes werden zusammengeführt mit den einschneidenden Ereignissen der Zeitgeschichte, etwa der Ermordung des deutschen Außenministers Walther Rathenau oder dem damals aufflammenden Bürgerkrieg in Irland.

In einem lockeren, entspannten Erzählton schildert Hummelt das Gegeneinander der diversen avantgardistischen Impulse und die Rivalitäten zwischen den einzelnen Akteuren der Jahrhundertwerke. So ist es durchaus tröstlich zu beobachten, dass sich die damaligen Platzkämpfe unter den Stars der Literaturszene nur wenig von den heutigen Scharmützeln unterscheiden. Virginia Woolf etwa mokierte sich über den „langweiligen“ Ulysses:

"Eine Fehlzündung, notiert sie am 6. September in ihr Tagebuch, nicht ohne Genie, aber von der minderen Sorte. Das Buch sei brackig, diffus, prätentiös, unfein."

„Ein Haufen zerbrochener Bilder“


An manchen Stellen geraten Hummelts Streifzüge durch die avantgardistischen Aufbruchsbewegungen sehr ins Anekdotische:

"Wann immer sich die Gelegenheit ergab, gönnt sich Eliot ein paar nette Stunden mit Mary Hutchinson, die wir uns als seine beste Freundin vorstellen dürfen. Mary muss in diesen Wochen besonders beschwingt gewesen sein, denn sie hat Virginia Woolf auf der Treppe geküsst, wie diese in ihrem Tagebuch festhält."

Dafür entschädigen die hinreißenden Passagen, in denen Hummelt die Umtriebigkeit des passionierten Netzwerkers T.S. Eliot festhält, der seinem Jahrhundertgedicht, das nur aus einem „Haufen zerbrochener Bilder“ und Zitatmontagen geformt ist, die gebührende Aufmerksamkeit zu verschaffen versteht.

Die Schauplätze der poetischen Moderne werden in Hummelts furioser Collage kartographiert, die literarischen Akteure in ihren Alltagsritualen gezeigt, mit detaillierten Analysen der epochemachenden Werke hält sich der Autor jedoch zurück. Entstanden ist ein Mosaik aus privater Biographie, nüchterner Chronik und einem aufregenden Dossier zu den Eifersüchteleien herausragender Dichter.
Norbert Hummelt: "1922. Wunderjahr der Worte"
Luchterhand Verlag, München.
416 Seiten, 22 Euro.