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StartseiteWirtschaftsgesprächThyssenKrupp braucht Geld21.05.2019

AufsichtsratssitzungThyssenKrupp braucht Geld

Strategische Fehlentscheidungen, geplatzte Fusion und schwache Geschäftsfelder: ThyssenKrupp steckt in der Krise und braucht dringend Geld. Wohin das Unternehmen in Zukunft steuern soll, darüber wird in der anstehenden Aufsichtsratssitzung beraten - dabei geht es auch um 160.000 Arbeitsplätze.

Günter Hetzke im Gespräch mit Jörg Münchenberg

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Die Konzernzentrale der ThyssenKrupp AG in Essen. (imago )
Die Konzernzentrale der ThyssenKrupp AG in Essen. (imago )
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Jörg Münchenberg: Heute kommt der Aufsichtsrat von ThyssenKrupp zusammen, um über die weitere Zukunft des Stahl- und Industriekonzerns zu beraten. Und diese Zukunft, die betrifft immerhin rund 160.000 Mitarbeiter. Günter Hetzke aus unserer Wirtschaftsredaktion, worum geht es bei der Sitzung heute?

Günter Hetzke: Schlicht und einfach: Es geht um die Frage, wie kommt der Konzern so schnell wie möglich an Geld. Denn das fehlt. Es ist zwar noch gar nicht so lange her, 10, 12, 13 Jahre, da hat der Konzern noch Milliarden gescheffelt, aber 10, 12 Jahre sind dann eben in der Wirtschaft doch wieder eine lange Zeit, wenn man sich nicht bewegt, beziehungsweise sich, wie in diesem Fall, schon bewegt, dabei aber aufs falsche Pferd setzt – und das ja nicht nur einmal.

Das größte Desaster für diese deutsche Traditionsfirma

Münchenberg: Welche Fehlentscheidungen wurden denn getroffen?

Hetzke: Das größte Desaster für diese deutsche Traditionsfirma, das waren in diesen Goldgräberjahren die Milliardeninvestitionen in Brasilien und in den USA, die der ganz große Coup werden sollten und stattdessen komplett in den Sand gesetzt wurden. Allein diese Fehlentscheidung hat in der Summe rund acht Milliarden Euro gekostet – so viel, also acht Milliarden, das nebenbei, ist der Konzern heute insgesamt gerade so an der Börse wert.

Münchenberg: Und diese Fehlentscheidung, die hängt dem Konzern immer noch nach?

Hetzke: Ja, ganz klar. Sie ist immer noch ein Klotz am Bein. Und hinzu kommt dann ja noch der gescheiterte Versuch, den Stahl, das Herz von ThyssenKrupp herauszunehmen und die Sparte zu fusionieren mit der europäischen Stahlsparte von Tata Steel aus Indien, was sich als viel zu teuer herausstellte und deshalb abgeblasen wurde. Aber da war in der Zwischenzeit der Aktienkurs schon stetig gesunken, der Börsenwert des Unternehmens geschrumpft. Die Kredite aber müssen weiter abbezahlt werden, ThyssenKrupp muss zusehen, dass die Kreditwürdigkeit, die Bonität erhalten bleibt. Also, wie schon gesagt, der Konzern braucht dringend Geld.

Am besten läuft bei das Geschäft mit Aufzügen

Münchenberg: Und wie will er nun daran kommen?

Hetzke: Der Konzern ist ja in mehreren Geschäftsfeldern tätig, die derzeit alle nicht so sonderlich gut laufen, von der Stahlsparte über den Anlagenbau bis zum Geschäft mit Autoteilen. All diesen Bereichen will man künftig mehr Selbstständigkeit geben, sie sollen flexibler werden durch mehr Eigenverantwortung und dadurch Gewinne erzielen. Und: Am besten läuft insgesamt bei ThyssenKrupp noch das Geschäft mit Aufzügen. Und genau in diesem Bereich will man nun relativ kurzfristig an Geld kommen.

Münchenberg: Was ist da geplant?

Hetzke: Die Aufzugsparte soll teilweise an die Börse gebracht werden. Lange Zeit war das ein Tabuthema für den ThyssenKrupp-Chef Guido Kerkhoff, aber wenn man vor einem Scherbenhaufen steht, mit seinen anderen Strategien gescheitert ist, dann bleibt kaum eine andere Wahl. Denn der Börsengang der Aufzugssparte könnte einige Milliarden in die Kasse spülen.

Münchenberg: Und sind die Arbeitnehmervertreter damit einverstanden? Spielen sie mit?

Hetzke: Ja, tun sie. Denn die Alternative wäre ja ein Verkauf oder eine Fusion der Sparte mit einem anderen Anbieter von Aufzügen, wie Kone aus Finnland beispielsweise oder Schindler aus der Schweiz. Doch bei einem Verkauf oder auch bei einer Fusion, da werden dann ja insgesamt weniger Mitarbeiter beim Service oder der Instandhaltung gebraucht. Das hieße also in jedem Fall umfangreiche Entlassungen. Und das kann bei einem Börsengang zunächst größtenteils vermieden werden. Zumal die Neuausrichtung des Konzerns insgesamt ja schon Stellenabbau bedeutet – von 6.000 Arbeitsplätzen in den kommenden drei Jahren ist derzeit die Rede.

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