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Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Bislang schlummerte sie im Depot. Jetzt bietet die neue "Abteilung für die Künste des Islam" im Louvre auf 3000 Quadratmetern Raum für eine der weltweit größten Sammlungen islamischer Kunst. Sie reicht von der Zeit des Propheten Mohammed im frühen 7. Jahrhundert bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Von Kathrin Hondl |
    Wie ein gigantisches Spinnennetz überspannt im Visconti-Hof des Louvre eine wellenförmige Glas- und Stahlkonstruktion die neuen Räume des Museums: 3000 Quadratmeter Ausstellungsfläche für eine der weltweit größten Sammlungen islamischer Kunst.

    "Abteilung für die Künste des Islam" heißt der neue Louvre-Bereich, "Département des Arts de l'Islam", wobei das Wort Islam hier groß geschrieben ist. Ein wichtiges Detail – denn klein geschrieben bedeutet "islam" im Französischen die Religion, groß geschrieben aber sehr viel mehr, erklärt Sophie Makariou, die Leiterin der neuen Abteilung:

    "Wenn man Islam groß schreibt, geht es um die Kultur, es geht also um die islamische Welt, nicht die muslimische. Eine Welt, zu der viele Völker, Gruppen und Gemeinschaften gehörten, die diese Kultur begründet und errichtet haben. Es ist eine Kultur, die nicht einer Gemeinschaft allein gehört sondern allen, die im Orient lebten – sei es im Maghreb oder im Nahen und Mittleren Osten. Gerade heute ist es sehr wichtig, daran zu erinnern, wie umfassend die islamische Welt und Kultur sind."

    Oder anders gesagt: Es geht darum, den Islam und seine Kultur nicht irgendwelchen radikalen Salafisten oder Dschihadisten zu überlassen. Die Eröffnung der neuen Louvre-Abteilung ist nicht nur ein kulturelles sondern auch ein politisches Ereignis, das machte auch Frankreichs Präsident François Hollande in seiner Eröffnungsrede deutlich:

    "Die islamischen Kulturen sind älter, lebendiger und toleranter als die, die heute missbräuchlich in ihrem Namen reden. Sie sind das exakte Gegenteil dieser Aufklärungsfeindlichkeit, die die Werte des Islam zerstört und überall auf der Welt Gewalt sät. Es ist ein Angriff auf alle Kulturen, wenn Kulturerbe vernichtet wird wie kürzlich bei der Zerstörung der Mausoleen in Timbuktu"

    Die neue Abteilung im Louvre erweckt nun die enorme Islam-Sammlung des Museums aus dem Dornröschenschlaf in den Depots. Zu den etwa 15.000 Objekten aus hauseigenen Beständen kommen noch mehr als 3000 Gegenstände aus der Sammlung des benachbarten Musée des Arts décoratifs, sodass Sophie Makariou bei der Bestückung der neuen Räume unter dem imposanten Glasdach aus dem Vollen schöpfen konnte.

    "Die Sammlung hat eine außergewöhnlich weitreichende Geschichte. Manche Objekte stammen noch saus den königlichen Sammlungen, die schon bei der Museumsgründung 1793 in den Louvre kamen. Objekte, die eng mit der französischen Geschichte verbunden sind. Die Rezeption islamischer Kunst hat eine lange Tradition."

    Der Ausstellungsparcours führt von der Zeit des Propheten Mohammed im frühen 7. Jahrhundert bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, geografisch geht es von Andalusien bis nach Indien, vom Maghreb bis nach Afghanistan. Entgrenzung signalisiert auch die Architektur: Es gibt keine Mauern, die die sich über zwei Ebenen erstreckende Ausstellungsfläche in kleine Sonderbereiche aufteilen würden. Fließend sind die Übergänge von der Rekonstruktion des Mosaiks aus der Großen Moschee von Damaskus zu den kunstvoll gearbeiteten Bronze- und Messingfiguren, die im Iran im 11. Jahrhundert für das Verbrennen von Parfum hergestellt wurden, von Teppichen aus Indien zum sogenannten Löwen von Monzon, einem Bronze-Meisterwerk aus dem maurischen Spanien.

    Und zu sehen ist auch ein sehr französisches Objekt islamischer Kunst: Das legendäre Taufbecken des französischen Königs Saint Louis alias "Ludwig, der Heilige": eine mit Gold und Silber reich verzierte Kupferschüssel, die in Syrien oder Ägypten gefertigt wurde und in der alle französischen Königskinder getauft wurden.

    Auch das also – das Taufbecken eines europäischen Herrschers, der für seine Kreuzzüge heilig gesprochen wurde – auch das gehört zur Kultur des Islam. Zur Kultur des groß geschriebenen Islam, der im Louvre nun endlich seine eigene Abteilung bekommen hat.