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Aus der Krise gelernt

Die deutschen Institute werden nach Einschätzung des Bundesverbandes Deutscher Banken beim europäischen Stresstest insgesamt gut abschneiden. Auch das europäische Bankensystem, so Geschäftsführer Manfred Weber, werde besser dastehen, als von vielen erwartet.

Manfred Weber im Gespräch mit Christoph Heinemann |
    Christoph Heinemann: Am Telefon ist Professor Manfred Weber, der Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken, guten Morgen!

    Manfred Weber: Guten Morgen, Herr Heinemann!

    Heinemann: Professor Weber, die Hypo Real Estate sei durchgefallen, das berichteten Zeitungen in dieser Woche. Rechnen Sie damit, dass alle übrigen deutschen Geldinstitute inklusive Landesbanken das Klassenziel erreichen?

    Weber: Ich will die Zeitungsberichte zu einzelnen Häusern nicht weiter kommentieren. Wir werden heute Abend um sechs Uhr ja die Ergebnisse haben. Da bin ich zuversichtlich, dass die deutschen Banken insgesamt gesehen gut abschneiden werden, und ich glaube auch, dass das europäische Bankensystem, das ja zu zwei Dritteln in diesen Test einbezogen ist, besser dastehen wird, als das viele vorab erwartet haben.

    Heinemann: Können Sie Angaben machen, wer möglicherweise die Latte nicht reist?

    Weber: Nein, noch mal: Darüber will ich vorher nicht spekulieren. Da muss man die Ergebnisse abwarten und wir werden sie ja heute Abend um sechs Uhr bekommen.

    Heinemann: Herr Weber, aus der Schule wissen wir: Wenn alle einen Test bestehen, können die Aufgaben so schwer nicht gewesen sein.

    Weber: Ja. Nun ist ein Stresstest etwas anderes als eine einfache Rechenaufgabe, wo am Anfang eine Aufgabe steht und am Ende das Ergebnis "Bestanden" oder "Nicht bestanden". Ein Stresstest ist eine ziemlich komplizierte Veranstaltung, Herr Heinemann. Es ist vor allen Dingen keine Prognose. Es sind Modellrechnungen, die auf bestimmten Annahmen beruhen: Wenn das und das passieren würde, wie würde sich das auf die jeweilige Bank auswirken? Von daher müssen wir mit der Interpretation sehr vorsichtig, sehr umsichtig sein. Das war im Übrigen auch der Grund, warum Stresstests früher, die es ja schon lange gibt, an und für sich nicht veröffentlicht worden sind.

    Heinemann: War es klug, es diesmal zu veröffentlichen?

    Weber: Ich meine, schon. Wir haben ja nun das Jahr drei einer gravierenden globalen Wirtschafts- und Finanzkrise und wir haben im Mai gesehen, dass es auch eine Staatsschuldenkrise geworden ist in einigen Euroländern. Griechenland ist das Beispiel gewesen, an dem dies durchexerziert wurde, wir haben befürchten müssen, dass es Ansteckungseffekte in anderen Ländern gibt und das Vertrauen ist seither an den Märkten noch nicht wieder vollständig zurückgekehrt. Von daher glaube ich kann ein Stresstest – richtig aufgesetzt und richtig interpretiert – durchaus ein wichtiger Beitrag sein, hier wieder Vertrauen einkehren zu lassen. Das Szenario ist im Übrigen sehr ernst zu nehmen. Kommentare wie "weich gespült" kann ich schwer nachvollziehen. Wenn man unterstellt, dass Europa erneut in eine tiefe Rezession rutscht und wenn es am Staatsanleihenmarkt erneut erhebliche Probleme gibt, obwohl inzwischen doch die Regierungen einen 750-Milliarden-Rettungsschirm aufgespannt haben, kann man von weich gespült wirklich nicht reden.

    Heinemann: Herr Weber, Sie sagten eben, ein solcher Stresstest sei keine Prognose. Heißt das, dass stressgetestete und bestandene Banken durchaus künftig trotzdem in Schieflage geraten können?

    Weber: Sie spielen ja bestimmte Modellannahmen durch, eben der Rückgang, der gravierende Rückgang beim Wachstum und eben Probleme an den Märkten für Staatsanleihen. Wir haben die Erfahrung machen müssen in der Vergangenheit wie ja so oft im Leben, dass Probleme an anderer Stelle aufbrechen können. Dagegen ist man dann natürlich nie gewappnet, aber wir haben, wenn man den Test bestanden hat, doch das Resultat, dass hier genügend Kapital vorhanden ist, dass die Puffer groß genug sind, um einen solchen Stress aufseiten der Banken dann auch bewältigen zu können. Aber eine hundertprozentige Sicherheit, das wäre zu einfach, wenn ein Stresstest tatsächlich so arbeiten könnte.

    Heinemann: Eva Bahner hat es eben erklärt: Bisher wurden die Ergebnisse auch deshalb nicht veröffentlicht, um Börsenturbulenzen auszuschließen. Wird das Ergebnis, das jetzt veröffentlicht wird, die Märkte Ihrer Einschätzung nach beruhigen oder eher im Gegenteil zu nervösen Reaktionen führen?

    Weber: Nein, ich glaube, es wird ein beruhigender Beitrag sein, weil ich wirklich davon ausgehe, dass das europäische Bankensystem insgesamt betrachtet in besserer Verfassung ist, als dies manch einer vielleicht glauben mag. Es sind Lehren aus der Krise gezogen worden, zunächst in Banken selbst. Wir fahren bereits mit mehr Kapital, höherer Liquidität und haben das Risikomanagement Schritt für Schritt weiter verbessert, aber auch vonseiten der Regulatoren. Wir sind hier auf einem guten Weg, meine ich wirklich, die richtigen Lehren aus der Krise zu ziehen. Noch besser wäre es natürlich, es gelingt auch, dies international zu tun, koordiniert – zumindestens in Europa. Hier sehe ich mit Sorge ein bisschen eine Vereinzelung in den einzelnen Ländern, nationale Alleingänge bringen aber nicht mehr Stabilität für die Finanzmärkte.

    Heinemann: Was schlagen Sie vor?

    Weber: Das, was der G20-Gipfel schon in Pittsburgh beschlossen hat: kein Markt, kein Marktteilnehmer, kein Finanzprodukt ohne angemessene Regeln und Beaufsichtigung. Aber die Regeln müssen eben gleich sein, sonst haben wir unterschiedliche Bedingungen in einzelnen Märkten, dann verlagert sich nur das Geschäft und der Markt insgesamt, der heute ein globaler Markt ist, wird eben nicht stabiler dadurch. Das ist sehr wichtig, meine ich. Und wir müssen jede einzelne Maßnahme auf den Prüfstand stellen, ob sie diesem Grundsatz tatsächlich genügt und Rechnung trägt. Und als Drittes müssen wir auch sehen, dass es eine begrenzte Tragfähigkeit der Banken gibt. Wir diskutieren auf den verschiedenen Ebenen eine Fülle von Maßnahmen, ohne dass wir einen Überblick hätten, wie sie sich in der Summe auswirkt. Letztlich geht es um die Leistungsfähigkeit der Banken, um die Kritikversorgung der Wirtschaft und anderes mehr.

    Heinemann: Zur Reihenfolge noch einmal: Erst bringen die Euroländer ein Rettungspaket in Höhe von 750 Milliarden Euro auf den Weg und danach müssten die Banken dann Katastrophenszenarien durchspielen. Ist diese Reihenfolge nicht doch eher beunruhigend für die Märkte?

    Weber: Ja, das zeigt halt, wie groß die Nervosität gewesen ist nach dem Mai, nach Griechenland, als auch einige andere Euroländer Probleme hatten, Staatsanleihen am Markt unterzubringen. Das zeigt im Übrigen – da kann ich nur unterstützen die Forderung des Bundesfinanzministers –, dass wir auch ein geordnetes Verfahren für Staateninsolvenzen haben, damit wir nicht immer ad hoc reagieren müssen, wenn ein Problem schon an die Tür geklopft hat. Das Vertrauen, wie gesagt, ist noch nicht ganz wieder hergestellt. Von daher und unter diesen Umständen ist ein richtig konzipierter und ein richtig publizierter, kommentierter Stresstest ein durchaus ernst zu nehmender und wichtiger Beitrag.

    Heinemann: Herr Professor Weber, den Beratungstest der Stiftung Warentest haben die deutschen Banken nicht bestanden. Abermals miserable Noten für die Geldinstitute hierzulande. Wer garantiert den Kunden, dass beim Investmentgeschäft künftig nicht mehr Monopoly gespielt wird?

    Weber: Es wird Ihnen nicht reichen, dass Banken selbst ja ein großes Eigeninteresse haben, vernünftig zu arbeiten. An Monopoly, an Zockerei haben wir in den Banken kein Interesse …

    Heinemann: … aber das war, Entschuldigung …

    Weber: …, es ist zwar gemacht worden, Banken haben einen Beitrag, einen gravierenden Beitrag zu der Finanzmarktkrise geleistet, aber unsere Position ist es nicht, hier zurück zum alten Stand zu geraten, sondern wie gesagt, es müssen die richtigen Lehren gezogen werden. Und zuförderst sind ja auch die Banken selbst gefordert, das akzeptieren wir auch. Was den Test angeht, den Sie erwähnt haben mit Blick auf die privaten Verbraucher, ist das Ergebnis auch etwas differenziert zu sehen. Die Beratungsqualität hat sich auch nach diesem Test durchaus weiter verbessert. Was festgestellt wurde, ist, dass Nicht-Kunden kein Beratungsprotokoll in einigen Fällen ausgeliefert wurde, was dann insgesamt zu den schlechten Noten geführt hat. Das muss abgestellt werden, es gibt diese gesetzliche Regelung und da, wo das noch nicht so gehandhabt worden ist, hat jede Bank das ihre zu tun, dass so etwas nicht wieder passiert.

    Heinemann: Professor Manfred Weber, der Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken – danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören!

    Weber: Ich danke Ihnen!