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"Ausbildungspakt kann man nicht als Erfolg verkaufen"

Stefan Heinlein: Frau Sehrbrock, warum gönnen Sie der Bundesregierung nicht diesen Erfolg in Sachen Ausbildung?

Moderation: Stefan Heinlein |
    Ingrid Sehrbrock: Ich denke, man muss ja immer zwei Seiten einer Medaille betrachten. Und die eine Seite der Medaille ist, dass tatsächlich mehr betriebliche Ausbildungsplätze geschaffen worden sind: 4,3 Prozent. Aber wir haben gleichzeitig weniger außerbetriebliche Ausbildungsplätze, nämlich 11,6 Prozent, und die Nachfrage ist gestiegen. Und wenn man das alles zusammen betrachtet, dann ist der Ausbildungspakt eigentlich kein Erfolg. Denn die Relation zwischen Ausbildungsplatzbewerbern und -stellen ist schlechter geworden, wir haben im Durchschnitt 0,7 Stellen auf einen Bewerber und nur noch 0,5 in den neuen Bundesländern. Und das kann man nun tatsächlich nicht als einen Erfolg verkaufen. Die Situation hat sich für die Jugendlichen eigentlich verschlechtert.

    Heinlein: Also betreibt die Regierung Schönfärberei?

    Sehrbrock: Die Regierung nimmt nicht das ganze Bild zur Kenntnis. Die Ausbildungsplatzsituation, so wie ich sie gerade geschildert habe, ist das ganze Bild. Es gehört auch dazu, dass natürlich immer mehr Jugendliche gar keinen Ausbildungsplatz bekommen, in Ausweichmaßnahmen der Bundesagentur verwiesen werden, in schulische Ausbildung verwiesen werden. Wir haben erhebliche Steigerungen beispielsweise bei Berufsfachschülern in den letzten Jahren: von 70.000 auf 180.000 im Jahr 2003, bei berufsvorbereitenden Maßnahmen von 110.000 auf 160.000. Das sind alles sozusagen Verschiebebahnhöfe. Junge Leute, die keinen Ausbildungsplatz finden, gehen in solche Maßnahmen. Es gibt Berufsvorbereitungsmaßnahmen, es gibt Einstiegsqualifikationen. Das ist alles Ersatz für nicht vorhandene Ausbildungsplätze und deshalb kann das Problem aus unserer Sicht so nicht weiter vor sich hergeschoben werden, sondern wir müssen tatsächlich noch mal einen neuen Anlauf machen.

    Heinlein: Bei diesen ganzen Zahlen verliert man ganz rasch den Überblick. Bleiben wir bei einer Zahl, worauf die Bundesregierung ganz stolz ist. Sie sagt, die Zahl der Ausbildungsplätze ist kräftig gestiegen. Muss man nicht akzeptieren, dass dies ein Erfolg ist des Ausbildungspaktes?

    Sehrbrock: Ja, das habe ich ja nicht bestritten. Es ist richtig, die Unternehmen haben sich angestrengt im letzten Jahr. Aber wenn Sie sich die Relation anschauen zwischen Nachfrager und Ausbildungsplatz, dann ist sie schlechter geworden. Und das ist die Wahrheit. Und darüber täuschen auch die Anstrengungen nicht hinweg, die die Arbeitgeber tatsächlich geleistet haben. Für die einzelnen Schüler hat sich nichts verbessert. Das bestätigen uns auch die einzelnen Lehrerinnen und Lehrer, mit denen wir sprechen. Die sagen, sie haben sonst etwa zwei Drittel ihrer Jugendlichen in Ausbildungsplätze vermittelt oder sie haben dazu beitragen können. Und inzwischen ist das nur noch ein Drittel, und das kann man nun weiß Gott nicht als Erfolg des Pakts und auch nicht als Erfolg für die jungen Leute verzeichnen.

    Heinlein: Hätten denn Regierung und Wirtschaft mehr unternehmen können, um tatsächlich jedem Jugendlichen eine Lehrstelle zu garantieren?

    Sehrbrock: Wir haben ja die Situation, dass nur noch 23 Prozent der Betriebe ausbilden. Das muss man ja immer mal wieder sich bewusst machen. Das heißt 77 Prozent der Betriebe bilden nicht aus, selbst von den 1,2 Millionen Betrieben, die eine Ausbildungsberechtigung haben, bildet nur noch die Hälfte aus. Und ich denke, das ist einfach so nicht hinzunehmen. Wir brauchen einfach auch eine faire Verteilung und mehr Anreize für die Betriebe. Wir brauchen auch eine faire Verteilung der Kosten. Das war ja für uns auch der Grund, warum wir gesagt haben, wir wollen mit dieser Arbeitsplatzumlage sicherstellen, dass einerseits ein Anreiz geschaffen wird, andererseits eben auch Fairness herrscht zwischen den Betrieben, die ausbilden und die nicht ausbilden.

    Heinlein: Also, es braucht wieder die Ausbildungsplatzabgabe. Diese Keule will die Gewerkschaft nicht gänzlich aus der Hand legen.

    Sehrbrock: Ja, wir haben festgestellt, dass in der Diskussionsphase um die Ausbildungsplatzumlage sich doch eine ganze Reihe von Betrieben Gedanken gemacht haben, was sie denn jetzt tun. Wir haben Rückmeldungen bekommen, dass Betriebe, die viele Jahre nicht ausgebildet hatten, doch darüber nachgedacht haben, jetzt wieder auszubilden. Das ist allerdings leider dann kaputt gemacht worden durch den Pakt. Wir hatten im Übrigen auch Gespräche zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften, ob man nicht tarifvertragliche Regelungen treffen kann - so wie sie ja im Bau bestehen und seit vielen, vielen Jahren erfolgreich sind. Dort gibt es eine Umlage, dort gibt es eine Ausbildungsquote von etwa sechs Prozent, die ist akzeptiert. Die hat dazu beigetragen, dass auch im erforderlichen Umfang Jugendliche dort ausgebildet werden können und sie hat auch die Betriebe nicht ruiniert. Also ich glaube, wir brauchen doch mehr Druck auf die Betriebe und sie dürfen Ausbildung nicht nur als Kostenfaktor sehen, sondern sie sollten auch sehen, dass gut ausgebildete Fachkräfte in der Zukunft für sie selbst wichtig ist.

    Heinlein: Welchen Druck wird denn die Gewerkschaft ausüben auf Regierung und Wirtschaft?

    Sehrbrock: Wir werden immer auf die zwei Seiten der Medaille aufmerksam machen. Es genügt eben nicht, einfach Zahlen zu nennen, die Zuwächse bei den Ausbildungsplätzen, sondern es muss die Gesamtsituation im Blick bleiben. Wir wären ja auch unglaubwürdig, wenn junge Leute mit diesen Erfolgsmeldungen konfrontiert werden. Und sie haben 70 oder 80 Bewerbungen geschrieben, und sie geben es dann irgendwann auf. Sie finden sich in dieser Wirklichkeitsbeschreibung nicht mehr wieder und ich glaube, wir haben da auch eine Verpflichtung, am Ball zu bleiben, um jungen Leuten bessere Chancen zu ermöglichen. Denn Sie wissen selbst, wie das ist, junge Leute sind noch nicht gefestigt, wenn sie sozusagen von der Schule in den Arbeitsmarkt stolpern: über irgendwelche Maßnahmen, über irgendwelche Einstiegsqualifikationen, über die dritte Umschulung, die dritte Qualifizierung. Genau das kann nicht unser Ziel sein, sondern wir müssen sicherstellen, dass junge Leute einen vernünftigen Einstieg bekommen. Denn der prägt natürlich auch für das ganze Leben.

    Heinlein: Wie stufen Sie denn Ihre Chancen ein, dass die Regierung Ihre Forderung nach einer Ausbildungsplatzabgabe dann doch noch erhört?

    Sehrbrock: Wir sind ja keine Kämpfer, die gegen Windmühlen agieren. Wir sehen im Moment keine politische Mehrheit dafür. Aber wir werden natürlich dann, wenn die zweite Bilanz gezogen wird - der Ausbildungspakt läuft ja weiter - noch einmal ganz genau hinschauen. Wir werden auch die Zahlen weiterhin veröffentlichen, so wie ich sie gerade geschildert habe. Und wir werden natürlich darauf drängen, dass die Bundesregierung, so wie sie das ja auch angekündigt hat und wie es auch im Pakt vereinbart ist, am Ende des zweiten Vermittlungsjahres überprüft, ob man nicht doch andere Maßnahmen ergreifen muss, als das, was gerade getan wird.

    Heinlein: Das passt ins Bild dieser Art fatalistischen Grundhaltung, die Ihr Chef, DGB-Chef Herr Sommer, am Wochenende artikuliert hat, man könne zwar kritisieren, aber an den Tatsachen nicht mehr viel ändern.

    Sehrbrock: Ich halte das nicht für Fatalismus. Aber ich denke, es braucht auch eine gehörige Portion Realismus. Und die ist uns durchaus zueigen, auch wenn uns häufig anderes unterstellt wird.

    Heinlein: Müssen die Gewerkschaften sich nicht realistisch betrachtet damit abfinden, dass es immer eine Zahl von Jugendlichen geben wird, die nicht ausbildungsfähig oder ausbildungswillig sind, weil sie keinen Bock haben auf Arbeit oder ihre schulischen Leistungen ganz einfach zu schlecht sind?

    Sehrbrock: Es gibt natürlich junge Leute, die in der Tat nicht die entsprechenden Qualifikationen mitbringen. Das müssen wir zu Kenntnis nehmen. Wir müssen aber auch die Schulen in die Lage versetzen, dass sie die Qualifikation auch tatsächlich vermitteln müssen: kleine Klassen, sie brauchen sicherlich auch zusätzliches Personal in den Klassen, das ist keine Frage. Aber auf der anderen Seite: wir sind natürlich auch in Zeiten, wo die Ausbildungsplätze rar sind, die Anforderungen sehr hoch geschraubt und die Zahl derjenigen, die die Anforderungen nicht erfüllen, wird damit immer höher. Aber wir brauchen natürlich auch ausbildungsbegleitende Hilfen für Betriebe, die junge Leute ausbilden wollen - auch wenn sie nicht gerade die allerbesten Noten mitbringen. Das gibt es bisher schon, das muss man aber sicherlich noch verstärken.

    Heinlein: Also die Idee von Handwerkspräsident Schleyer nach einem nationalen Bildungspakt, um die schlechte Qualifikation vieler Schulabgänger in den Griff zu bekommen, hat durchaus die Sympathie der Gewerkschaft?

    Sehrbrock: Das kommt darauf an, was in diesem Pakt dann drin steht. Aber ich glaube, es gibt viele Partner, die wir brauchen in der Frage, bei den Schulen angefangen, über die Lehrerinnen und Lehrer, über die Ausbildungsbetriebe, die im übrigen auch Qualität abliefern müssen. Da muss man, denke ich, auch sehr genau hinschauen. Wir bekommen Rückmeldungen von jungen Leuten, die sich bitter beklagen über das, was in den Betrieben abläuft. Wir wollen nicht sagen, dass das überall so ist. Aber es gibt doch mehr Betriebe, die nicht so gut ausbilden oder sich kaum um junge Leute kümmern. Das müssen wir stärker unter die Lupe nehmen, das haben wir als Gewerkschaften der Vergangenheit nicht so genau genommen, weil uns wichtig war, dass junge Leute überhaupt einen Ausbildungsplatz bekommen haben. Das werden wir aber auf Dauer sicherlich so nicht hinnehmen können. Und es ist auch im Interesse der Betriebe, dass genauer hingeschaut wird, wie gut die Qualität der Ausbildung tatsächlich ist.