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Auschwitz-Prozess
"Plötzlich gab es ja keine Nazis mehr"

Die Aufarbeitung des Holocaust sei in Deutschland noch lange Jahre auf massiven Widerstand gestoßen, sagt der Historiker Raphael Gross im DLF-Interview. Der Auschwitz-Prozess, der heute vor 50 Jahren begann, war da ein wichtiger Einschnitt.

20.12.2013
    Der Angeklagte Oswald Kaduk wird von drei Polizisten in einen Gerichtssaal geführt.
    Der Angeklagte Oswald Kaduk (Mitte) zum Auftakt des Auschwitz-Prozesses. (picture alliance / dpa / dpa team)
    Christoph Heinemann: Heute vor 50 Jahren begann in Frankfurt am Main der erste von sechs Strafprozessen gegen Mitglieder der Mannschaft des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz. Nicht das erste Verfahren gegen Verantwortliche von Auschwitz; Lagerkommandant Rudolf Höß war bereits 1947 in Polen zum Tode verurteilt worden und unmittelbar in der Nähe des Lagers gehängt worden. Der ranghöchste Täter im Frankfurter Prozess war Robert Mulka, der Adjutant des Lagerkommandanten. Robert Mulka wurde zu 14 Jahren Haft verurteilt.
    Über den ersten Auschwitz-Prozess sprechen wir mit dem Historiker Professor Raphael Gross, dem Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main und Leiter des Fritz-Bauer-Instituts. Herr Gross, warum begann die systematische juristische Aufarbeitung von Auschwitz erst 1963, also 18 Jahre nach der Befreiung und lange nach den Nürnberger Prozessen?
    Raphael Gross: Zunächst mal begannen die systematischen Ermittlungen für den sogenannten Auschwitz-Prozess schon mindestens vier Jahre vorher, nämlich Mitte 1959. Damals hat Fritz Bauer, der Generalstaatsanwalt in Hessen, Georg Friedrich Vogel und Joachim Kügler mit der Arbeit betraut. Andererseits waren natürlich die 50er- und auch 60er-Jahre durchaus keine Zeit, wo in Deutschland Anwaltschaften ein besonderes Interesse hatten, irgendwelche NS-Verfahren durchzuführen.
    Heinemann: Warum nicht?
    Gross: Zum einen waren natürlich viele der Juristen selber stark belastet. Das trifft sogar auf die Oberstaatsanwaltschaft während des Auschwitz-Prozesses zu. Heinz Wolf etwa, von dem weiß man heute, dass er eine einschlägige NS-Vergangenheit besaß. Zum anderen war die Gesellschaft insgesamt und auch während dem Kalten Krieg nicht besonders daran interessiert, massiv wirklich juristisch vorzugehen. Zu viele waren beteiligt.
    Heinemann: Gab es Geständnisse im Sinne der Anklage aus der Gruppe der Angeklagten?
    Portraitbild des Direktors des Fritz-Bauer-Instituts, Raphael Gross.
    Der Direktor des Fritz-Bauer-Instituts, Raphael Gross. (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)
    Gross: Eigentlich nur ein einziger Angeklagter Lukas hat am Ende der Beweisaufnahme, und nachdem er sehr lange geleugnet hat, zumindest ein Teilgeständnis abgelegt. Er hat gesagt, dass er an der Rampe in Birkenau tätig war, dass er an der Direktion teilgenommen hat, betonte aber, er habe dies nur unter Zwang getan.
    Heinemann: Welche Rolle spielte in der Strategie der Verteidigung der Begriff „Befehlsnotstand“?
    Gross: Das war in gewisser Weise ein Mythos, dieser Begriff, respektive die Vorstellung, die damit einherging. Es gab dann eine Expertise von der zentralen Stelle in Ludwigsburg, die sehr klar zeigte, dass einerseits es immer möglich war, sich von Auschwitz wegversetzen zu lassen, und zum anderen kein einziger Fall bekannt war, wo eine sogenannte Befehlsverweigerung dazu geführt hätte, dass jemand deswegen an Leib und Leben bedroht worden wäre.
    Heinemann: Professor Gross, Sie haben Fritz Bauer genannt, den hessischen Generalstaatsanwalt. Wie hat er das Verfahren aus Sicht der Anklage gesteuert?
    Gross: Er stand neun landgerichtlichen Staatsanwaltschaften vor und hat dem Landgericht in Frankfurt am Main, also einer nachgeordneten Behörde, diesen Fall übergeben. Er hatte die Möglichkeit, mit den Sachbearbeitern der Staatsanwaltschaft in Frankfurt über den Prozess und die Konzepte zu sprechen, eigene Überlegungen einzubringen. Aber es war natürlich auch so, dass die wirklich zuständigen Staatsanwälte immer wieder betont haben, dass sie unabhängig gearbeitet haben.
    Heinemann: Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, führte in seiner Villa, die quasi an die Gefangenenbaracken grenzte, ein, wie es beschrieben wird, idyllisches Familienleben, also ein Familienleben quasi im Schatten der Gaskammern. Hat die historische Forschung inzwischen Antworten auf die Frage, wie diese Menschen Massenmord und Familienglück an einem Tag unter einen Hut bekamen?
    Gross: Es ist natürlich in gewisser Weise gar keine Aufgabe der historischen Forschung, die Tatsachen …
    Heinemann: Aber eine spannende Frage.
    Gross: Es ist eine sehr spannende Menschheitsfrage, wie sich das vereinen lässt. Sicher ist auf jeden Fall, dass viele derjenigen, die aktiv in diese Verbrechen verwickelt waren, dies zu einem großen Teil letztendlich mit, man würde sagen, gutem Gewissen getan haben, weil sie sehr fanatisch überzeugt waren von der Ideologie, der sie gefolgt sind – etwas, was nach 1945 oftmals sehr ungern gesehen wurde, denn plötzlich gab es ja eigentlich keine Nazis mehr in der deutschen Gesellschaft. Sie waren plötzlich verschwunden und somit auch die ganze Ideologie und der Fanatismus, der dazu führte, was hier geschehen ist. Das macht es natürlich auch schwer und auch langwierig, um überhaupt an diese Fragen heranzukommen.
    Heinemann: Herr Professor Gross, ich habe gelesen, dass die Polizisten, die Polizeibeamten salutierten, als die angeklagten ehemaligen SS-Angehörigen den Gerichtssaal verließen. Ging von diesem Prozess eine pädagogische Wirkung auf die deutsche Gesellschaft aus?
    Gross: Das war sicherlich eine der Hoffnungen, die insbesondere Fritz Bauer damit verknüpfte. Es war ein Mammutprozess, es war ein Prozess, über den sehr viel berichtet wurde, fast täglich, sei es in der „FAZ“, der „Süddeutschen“, der „FR“, der „Welt“ oder auch der „Bild“-Zeitung. Da sind über Monate hinweg weit über tausend Artikel entstanden, auch Bücher dann davon angeschoben worden. Man muss aber nicht vergessen: Noch 1979, also lange Jahre nach dem Auschwitz-Prozess, war die Ausstrahlung der Holocaust-Serie über die Ermordung der Juden durch den Nationalsozialismus und das deutsche Reich sehr umstritten. Es wurde nur in den dritten Programmen ausgestrahlt, also weder im ZDF noch in der ARD war in dem Sinne dafür Platz da. Und die deutsche Gesellschaft war sehr geteilt.
    Das Fritz-Bauer-Institut, was das erste ist, was sich systematisch mit dem Holocaust und seinen Folgen für die deutsche Gesellschaft beschäftigt, ist erst 1995 gegründet worden, und auch das erste Jüdische Museum in Deutschland ist erst vor 25 Jahren gegründet worden. Dieses Thema hat in den 60er- und 70er-Jahren noch lange Zeit viel, viel Widerstand ausgelöst, und insofern: Ganz bestimmt ist der Auschwitz-Prozess ein wichtiges Moment, ein sehr bedeutender Einschnitt. Aber es hat eben noch sehr viele Jahre länger gedauert, bis in dem Sinne ein Bewusstsein, eine Vorstellung dessen entstanden ist, was in der NS-Zeit war, heute als Schoa oder Holocaust bezeichnet.
    Heinemann: Zeitungen berichten in dieser Woche, dass immer weniger junge Menschen aus Deutschland Auschwitz besuchen. Befürchten Sie, dass Auschwitz langsam aus dem Bildungskanon verschwindet?
    Robert Mulka (li.) spricht mit einem Journalisten.
    Robert Mulka (li.) war der ranghöchste Angeklagte im Frankfurter Prozess. (picture-alliance/ dpa / Schindler)
    Gross: Ich habe ja versucht zu beschreiben, dass von den 60er-, 70er-, 80er-Jahren ein großer Weg begangen wurde, dass überhaupt so viel über diese Themen berichtet wurde und so viel Wissen da ist. Ich glaube, es ist im Moment wahrscheinlich weit mehr da und auch mehr in den Schulbüchern über diese Themen zu finden. Trotzdem ist es ein ständiges Aushandeln, dass diese Themen, dass die Auseinandersetzung nicht nur mit dem Holocaust, auch mit der jüdischen Geschichte in Deutschland ein Thema in den Schulen und in der Erziehung und in den Medien bleibt. Ich wäre aber an und für sich nicht einfach pessimistisch, sondern würde sagen, das passiert ja auch viel.
    Heinemann: Der Historiker Professor Raphael Gross, der Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main und Leiter des Fritz-Bauer-Instituts.
    Raphael Gross ist ein Schweizer Historiker, der sich vor allem der deutsch-jüdischen Geschichte und dem Holocaust widmet. Er ist Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main und Leiter des Fritz-Bauer-Instituts. Zudem leitet er das Leo Baeck Institut in London und ist Honorarprofessor am Historischen Seminar der Universität Frankfurt.
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