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Startseite@mediasresUnd was ist mit Kasachstan?04.07.2018

AuslandsberichterstattungUnd was ist mit Kasachstan?

Mosambik, Surinam, Turkmenistan - die drei Staaten stehen beispielhaft für weiße Flecken auf der medialen Landkarte. Bestimmte Welt-Regionen seien chronisch unterrepräsentiert, kritisieren Fachleute für Auslandsberichterstattung. Das hat auch mit Versäumnissen von Redaktionen zu tun.

Von Burkhard Schäfers

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Blinde Flecken in den Medien Zu viel Einheitsbrei

Edda Schlager berichtet als Journalistin aus Kasachstan und vier südlich angrenzenden zentralasiatischen Ländern - unter anderem fürs Radio, auch für den Deutschlandfunk. Sie ist, sagt sie, die einzige deutsche Korrespondentin vor Ort. Entsprechend selten tauchen Kirgistan, Tadschikistan oder Usbekistan in den hiesigen Medien auf.

"Die Region erstreckt sich über 2000 bis 3000 Kilometer in der Breite. Wenn man das vergleicht: Die Moskau-Korrespondenten haben Russland, den Kaukasus – das sind drei Länder. Zentralasien sind fünf Länder, Belarus, Ukraine. Die kommen nicht mal nach Wladiwostok, den äußersten Osten von Russland. Es ist geografisch schon sehr, sehr schwierig. Politisch natürlich dann ohnehin."

Themenangebote aus Zentralasien: Stiefmütterlich behandelt

Dabei sei Zentralasien als Bindeglied zwischen Ost und West durchaus interessant – mit seinen postsowjetischen und zugleich muslimischen Ländern, sagt die freie Korrespondentin. Aber ihre Themenangebote würden in den Redaktionen häufiger stiefmütterlich behandelt.

"Ich habe grad bei einem der größten öffentlich-rechtlichen dritten Programme gehört: 'Wir hatten grad zwei Stücke aus der Ukraine und eines aus Moldawien.' Und dann sag ich: 'Entschuldigung, Sie wissen schon, wir sind noch 3.000 Kilometer weiter östlich, das ist 'ne ganz andere Region.'"

Der Rest nach der Zone des Guten

Zentralasien ist nur ein weißer Fleck auf der medialen Landkarte. In Afrika oder Südamerika sind manche Korrespondenten für mehr als 50 Länder zuständig, sagt Kai Hafez, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Uni Erfurt.

"Wir übersehen unglaublich viel. In unserer Weltwahrnehmung gibt es sozusagen die Zone des Guten: Europa, vielleicht die USA. Und der Rest scheint mir doch oft als eine Art außersystemisches Chaos zu existieren: Kriege, Armut und so weiter. Die Widerstände gegen Globalisierung speisen sich auch aus diesen intuitiven Weltbildern. Das kann nicht in unserem Interesse sein, so zu denken. Denn in anderen Weltteilen passieren spannende Dinge, die für uns morgen – auch ökonomisch – unmittelbar relevant sind."

Medien – laufen häufig hinterher

In den Auslandsredaktionen werde zu häufig gefragt: Was ist mit Trump, was mit dem Brexit? Das verdränge vieles andere, so der Medienwissenschaftler. Natürlich scheitert manche Recherche im Ausland am fehlenden Geld. Aber der verengte Blick hänge auch damit zusammen, wo Redakteure studiert haben, welche Sprachen sie sprechen, welche Kultur ihnen nah ist oder fern, sagt Michael Thumann, außenpolitischer Korrespondent der Wochenzeitung "Die Zeit":

"Es gibt schlicht und einfach einen starken Verdrängungswettbewerb in der Redaktion. Und da werden dann eben die Themen ausgewählt, die Redakteuren entweder näher sind. Oder, das muss man leider sagen, die man dann in Konkurrenzmedien schon gelesen und gehört hat und wo man den Eindruck hat, dass das jetzt Thema sei und dass man daran gar nicht vorbeikomme."

Dass die Hälfte der Welt in der Auslandsberichterstattung deutschsprachiger Medien kaum vorkomme, habe Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft, ist der "Zeit"-Redakteur überzeugt. Aktuelles Beispiel: Die Debatte um Flüchtlinge.

"Wenn wir Bürgerkriege in Afrika, aber eben auch soziale Not, schon vor vielen Jahren stärker in den Medien gehabt hätten, dann wären wir nicht so überrascht gewesen. Medien können da auch als Frühwarnsystem wirken, auch als Politiker, die sich plötzlich, wenn Medien sich mit etwas beschäftigen, auch damit beschäftigen müssen. Man muss leider sagen, dass die Medien häufig, obwohl sie sich für die Avantgarde halten, hinterher laufen."

Scharfe Kritik und Kopfschütteln bei neuen Themen

Das häufige Argument in Redaktionen: "Das interessiert unsere Leser, Zuschauer, Hörer nicht", lassen die Auslands-Experten nicht gelten. Medien sollten umfassend und ausgewogen informieren - so könnten sich die Nutzer auch neue Themen erschließen. Redakteure bräuchten Mut, Widerstände von Kollegen zu überwinden und etwa eine ganze Zeitungsseite über Bulgarien zu machen, sagt Michael Thumann von der "Zeit".

"Die scharfe Kritik in der Redaktionskonferenz anschließend ist einem gewiss und das Kopfschütteln des Chefredakteurs, wie es denn zu diesem Ausrutscher nach Südosteuropa kommen konnte. Und da muss man dann durch und sich sagen: Das hast du jetzt mal gesetzt – die Aufmerksamkeit für ein Thema, das sehr wichtig sein kann für uns in Europa, und an dem wir kollektiv dran vorbeischauen, weil wir halt immer nur in eine Richtung sehen."

Zentralasien-Korrespondentin Edda Schlager versucht auch künftig von Kasachstan aus, den Blick ihrer Kollegen auf weiße Flecken zu lenken:

"Ich bin immer dankbar für die Redakteure, die sich auch eine Offenheit bewahrt haben und die diesen Regionen eine Chance geben."

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