Dienstag, 07. Dezember 2021

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Auslandsstudium und Stipendien   "Das deutsche Bildungssystem ist hochgradig sozial selektiv"

Eine Studie zeigt: Studierende aus bildungsfernen Schichten verbringen seltener ein Semster im Ausland als Akademiker-Kinder. Claudia Finger, Co-Autorin der Studie, macht dafür nicht nur die generelle soziale Ungleichheit im Bildungssystem verantwortlich - sondern auch die Folgen der Bildungsexpansion.

Claudia Finger im Gespräch mit Benedikt Schulz | 16.11.2016

793 Studenten sitzen bei der Erstsemesterbegrüßung am Campus Koblenz der Universität Koblenz-Landau in Koblenz-Rheinland-Pfalz im großen Hörsaal.
Weil die Zahl der Studierenden immer mehr steigt, verspüren sozial privilegierte Schichten nun den Drang, sich auch innerhalb des Hochschulsystems abzusetzen, meint Claudia Finger. (dpa / picture alliance / Thomas Frey)
Benedikt Schulz: Die Zahl der Studierenden, die ist in den vergangenen Jahren enorm angestiegen, und das ist und war politisch durchaus gewollt. Denn: Das heißt ja konkret, es nehmen immer mehr junge Menschen ein Studium auf, deren Eltern nicht studiert haben. Also eine grundsätzlich positive Entwicklung, aber, wie es aussieht, doch nur die halbe Wahrheit, denn es sind offenbar andere, neue Ungleichheiten entstanden. Es geht ums Auslandsstudium: Wenn man im Laufe seines Studiums im Ausland war, kann man später stolz im Lebenslauf darauf verweisen. Denn viele Arbeitgeber schätzen solche Erfahrungen, aber: Eine aktuelle Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung sagt nun, diejenigen, deren Eltern studiert haben, machen mehr Auslandssemester als Arbeiterkinder. Claudia Finger ist eine der Autoren der Studie. Hallo, Frau Finger!
Claudia Finger: Hallo, Herr Schulz!
Schulz: Also, Kinder von Akademikern verbringen häufiger Studienzeit im Ausland als Kinder von Nichtakademikern. Wundert Sie das?
Finger: Also generell vermutlich erst mal nicht, denn das Bildungssystem in Deutschland ist hochgradig sozial selektiv trotz der Bildungsexpansion, die Sie ja gerade bereits erwähnt haben. Das zieht sich hin vom Übergang nach der Grundschule bis zur Promotion, und Studierendenmobilität reiht sich hier einfach in diesen Kanon ein.
"Soziale Ungleichheit hat sich in den 90er-Jahren verschärft"
Schulz: Jetzt haben Sie einen Zeitraum untersucht von gut 20 Jahren, seit 1991. Wie haben sich die Ungleichheiten jetzt bezogen auf das Auslandsstudium entwickelt?
Finger: Hier muss man sagen, dass wir zunächst einmal über den gesamten Zeitraum, also über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren, sehr starke soziale Ungleichheiten sehen, also die auch generell in allen Jahren beobachtet werden können. Und zur Entwicklung ist es so, dass sich soziale Ungleichheit vor allem in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts verschärft haben und sich dann auf einem hohen Niveau stabilisiert haben.
"Die Studienleistung ist auch ungleich verteilt"
Schulz: Ein Ergebnis Ihrer Studie ist, dass es Ungleichheit auch und gerade bei Stipendien gibt, und das ist ja eigentlich die finanzielle Förderung, auf die Kinder aus eher bildungsfernen, dann meist oft einkommensschwachen Familien insbesondere angewiesen sind. Warum ist das so?
Finger: Ja, das ist in der Tat ein interessanter Befund. Vielleicht nur kurz: Wenn wir über Auslandsstipendien reden, ist natürlich das Auslands-BAföG, das es ja auch gibt und das eben vor allem auch für sozial Schwächere zur Verfügung steht, nicht mit inbegriffen, aber [unverständlich, Anm. d. Red.] sind Auslandsstipendien nun gerade sozial selektiv. Das kann ganz verschiedene Gründe haben.
Zum einen würde ich gerne erst mal auf das Bewerbungsverhalten eingehen, weil das ist natürlich der erste Schritt. Man muss sich erst mal für ein Stipendium bewerben, um eins bekommen zu können. Und hier ist es so, dass vor allem Informationen über Stipendienprogramme und auch über Auswahlverfahren eine sehr, sehr große Rolle spielen, und diese sind in der Regel sozial ungleich verteilt.
Aber auch die Unterstützung, auf die Studierende aus ihren sozialen Netzwerken, aus ihren familiären sozialen Netzwerken zurückgreifen können, ist in der Regel sozial ungleich verteilt. Dann sind es natürlich nicht nur die Studierenden, die sich bewerben müssen, sondern auch die Stipendiengeber entscheidend, wen sie letzten Endes fördern wollen. Und hier ist es ganz zentral oder sehr wichtig, um soziale Ungleichheit zu verstehen, dass das zentrale Auswahlkriterium meist die Studienleistung ist, und gerade diese ist auch sozial ungleich verteilt, eben weil sozial schwächere Studierende eben eine größere Distanz zum Studium haben und auch auf weniger Ressourcenunterstützung aus familiären Netzwerken zurückgreifen können.
Schulz: Förderung ist in der Regel an Leistung geknüpft, und Leistung ist sozial ungleich verteilt, aber wie soll man diese soziale Ungleichheit in Bezug auf die Stipendien verringern, wenn man die Stipendien jetzt nicht gerade verlosen will?
Finger: Gut, aber das ist vielleicht ein ganz, ganz zentraler Punkt, zu dem wir vielleicht doch einen größeren politischen oder gesamtgesellschaftlichen Diskurs brauchen. Wollen wir Stipendien tatsächlich nur nach Leistung, nur an die Besten, nur an die Elite vergeben? Oder wollen wir, dass eben ganz unterschiedliche Studierende aus ganz unterschiedlichen Gruppen gefördert werden können? Da ist es vielleicht doch angebracht, auch über positive Diskriminierung, über gruppenspezifische Förderprogramme nachzudenken.
"Sozial privilegierte Schichten verspüren den Drang, sich abzusetzen"
Schulz: Sie entwickeln insgesamt die These in Ihrer Studie, dass die gestiegene Anzahl der Studierenden ja dafür sorgt, dass diejenigen, die gestern noch durch das Studium an sich ja schon privilegiert waren, dass die heute, weil es einfach mehr Leute mit Studium oder Studienabschluss gibt, dass die nach anderen Auszeichnungen oder Prädikaten suchen, und das wäre jetzt zum Beispiel das Studium im Ausland. Dieser gefühlte Zwang, dass man aus der Masse herausstechen muss, unter anderem mit Auslandserfahrung, aber auch durch teilweise Praktika, das betrifft aber doch eigentlich alle Schichten heutzutage in der jungen Generation, oder?
Finger: Also aus einer rein theoretischen Perspektive wäre erst mal davon auszugehen, dass tatsächlich dadurch, dass der Hochschulabschluss, ein ganz normaler Hochschulabschluss an sich, erst mal an Wert verliert aufgrund der Bildungsexpansion und dadurch eben vor allem sozial privilegierte Schichten nun den Drang verspüren, sich auch innerhalb des Hochschulsystems abzusetzen. Wenn man sich nun Studierende aus sozial schwächeren Familien anschaut, könnte man davon ausgehen, dass diese eben schon durch den Hochschulabschluss an sich einen sozialen Aufstieg verzeichnen können und dadurch eben weniger stark auf zusätzliche Distinktionsmerkmale, nenne ich es mal, angewiesen sind. Aber ob das dann tatsächlich so ist, ist natürlich eine empirische Frage, aber unsere Ergebnisse weisen ja durchaus darauf hin.
Schulz: Kinder von Akademikern verbringen häufiger Studienzeit im Ausland als Kinder von Nichtakademikern. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Mit einer der Autoren der Studie, Claudia Finger, habe ich gerade gesprochen. Herzlichen Dank!
Finger: Vielen Dank!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.