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StartseiteInterviewLaumann (CDU): "Entdecken der Dunkelziffer hilft uns mehr"01.04.2021

Ausnahmen von Corona-Notbremse in NRWLaumann (CDU): "Entdecken der Dunkelziffer hilft uns mehr"

Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hat die Ausnahmen von der Corona-Notbremse für Menschen mit tagesaktuellem negativem Schnelltest in seinem Bundesland verteidigt. So habe man in den letzten Tagen schon viele positive Corona-Fälle herausfiltern können, sagte er im Dlf.

Karl-Josef Laumann im Gespräch mit Christoph Heinemann

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Karl-Josef Laumann (CDU), Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfalen, spricht zur aktuellen Lage in der Corona-Pandemie. (dpa/picture alliance/Marcel Kusch)
Karl-Josef Laumann (CDU), Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfalen, spricht zur aktuellen Lage in der Corona-Pandemie. (dpa/picture alliance/Marcel Kusch)
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Die Infektionslage in Deutschland ist weiter angespannt. Auch NRW setze deshalb die Corona-Beschlüsse konsequent um, sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann im Dlf. Die Notbremse zieht in NRW jedoch nur in Kommunen mit besonders hohem Infektionsgeschehen.

Laumann verteidigte in diesem Zusammenhang die Ausnahmen in NRW für Menschen mit tagesaktuellem negativem Schnelltest - zum Beispiel der Einlass in Geschäfte oder Baumärkte. Mithilfe der weitreichenden Testung habe man in den letzten Tagen so schon viele positive Corona-Fälle herausfiltern können. "Diese Menschen hätten wir nicht identifiziert, wenn wir nicht die Möglichkeit gehabt hätten, sie in Tests zu kriegen", betonte NRW-Minister Laumann. "Und die Tests machen Leute nur, wenn sie etwas davon haben."

Astrazeneca für bestimmte Altersgruppen weiter sinnvoll

Der NRW-Gesundheitsminister hält den Einsatz von Astrezeneca in der Altersgruppe ab 60 zudem weiter für sehr vertretbar und richtig. Er würde sich auch selbst mit Astrazeneca impfen lassen. Das Risiko, schwer an Corona zu erkranken, sei viel höher als das durch Impfnebenwirkungen. In Nordrhein-Westfalen werde nun 3,2 Millionen Menschen aus der Altersgruppe der 60- bis 70-Jährigen ein Impfangebot mit Astrazeneca gemacht. Ansonsten halte das Land aber an der Impfreihenfolge fest.

Lösungen für Abschlussklassen finden

Mit Blick auf die Öffnungsfrage der Schulen nach Ostern müsse ein gemeinsamer Weg der Schulminister eingeschlagen werden, sagte Laumann. Dafür sei ein differenzierter Blick auf die einzelnen Schulklassen wichtig. Vor allem für die Abschlussklassen müssten vernüftige Lösungen gefunden werden. "Wir brauchen gute Abschlüsse", forderte Laumann. Laumann versicherte, dass in seinem Bundesland nach den Osterferien zwei Tests pro Woche für alle Schülerinnen und Schüler ermöglicht würden. 

Bund-Länder-Streit nicht zielführend

Der NRW-Gesundheitsminister plädierte zudem für ein gemeinsames Handeln in der Pandemie. Vorwürfe zwischen Bund und Ländern seien aktuell nicht zielführend. "Wir können diese Pandemie nur gemeinsam in den Griff bekommen", so Laumann. Die Inszidenz-Lage sei, bis auf einzelne Ausnahmen wie zum Beispiel Schleswig-Holstein, überall in Deutschland schwierig. 

Drei Impfampullen der Hersteller Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca stehen nebeneinander (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Luka Dakskobler) (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Luka Dakskobler)Was über Wirksamkeit und Nebenwirkungen bekannt ist 
Die Ständige Impfkommission der Bundesregierung empfiehlt den Impfstoff jetzt nur noch für Menschen ab 60 Jahren. Ein Überblick über Wirksamkeit und Nebenwirkungen.

Das Interview im Wortlaut:

Heinemann: Herr Laumann, ab Samstag können sich in Nordrhein-Westfalen die 60jährigen einen Impftermin buchen. Das ist die gute Nachricht. Allerdings nur für AstraZeneca. Ist das die schlechte Nachricht?

Laumann: Es ist auf jeden Fall eine Nachricht, dass wir 460.000 Menschen in Nordrhein-Westfalen die Möglichkeit geben, in den nächsten zwei Wochen oder drei Wochen geimpft zu werden. Wir werden damit über die Ostertage beginnen. Ich halte den AstraZeneca-Impfstoff für die Älteren für sehr vertretbar. Das ist ja auch die Meinung unserer Ständigen Impfkommission in Deutschland.

Astrazeneca: Hoch wirksam und vertretbar

Die Entscheidung der EMA von gestern macht ja deutlich, dass dieser Impfstoff schon ein hoch wirksamer und vertretbarer Impfstoff ist. Nur wir halten uns natürlich an dem, was die deutschen Institutionen uns sagen. Und dass wir jetzt zu einem Stopp für die unter 60jährigen gekommen sind, hängt ja damit zusammen, dass wir schon in Deutschland sehr, sehr hohe Ansprüche an die Frage der Sicherheit eines Impfstoffes haben, und vor allen Dingen, was mich sehr beruhigt, dass auch die vielen Daten, die wir erheben, ausgewertet werden und dass man dann auch auf diese Situation relativ schnell reagiert. Wir haben auch in Nordrhein-Westfalen Fälle gehabt und das sind alles Menschen unter 60. Bis auf einen Fall sind es im Übrigen auch alles Frauen. Ich glaube, dass das jetzt richtig ist, diesen Impfstoff schnell in die ältere Generation zu bringen, denn wir sind ja mitten in einer dritten Welle. Deswegen ist ja jeder Mensch, der geimpft ist, auf der sicheren Seite.

Heinemann: Sie kennen die Skepsis. Wie wirbt man für einen Impfstoff, der erst für ältere und dann für jüngere Menschen gesperrt wurde?

Laumann: Ich werbe deswegen dafür, weil ich in die Institutionen in Deutschland sehr viel Vertrauen habe, und ich glaube, das haben auch sehr viele Menschen. Wir werden das ja in Nordrhein-Westfalen am Samstag, am Sonntag sehen, ob dieser Impfstoff in breiten Schichten der Bevölkerung noch eine Akzeptanz hat.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Wir bieten 460.000 Dosen"

Das was wir jetzt machen mit dieser großen Aktion, ist ja auch, finde ich, jetzt einfach mal der Beweis dafür, wie ist dieser Impfstoff in der Bevölkerung akzeptiert. Wir bieten wie gesagt 460.000 Dosen im Grunde 3,2 Millionen Menschen an.

Heinemann: Warum sollte man sich für AstraZeneca entscheiden, wenn andere Impfstoffe keine tödlichen Nebenwirkungen erkennen lassen?

Laumann: Ich würde mich deswegen dafür entscheiden, weil wenn man älter ist das Risiko, an Corona zu erkranken und schlimm krank zu werden, sehr viel größer ist wie das Risiko bei einer Impfung mit diesem Impfstoff.

"Ich würde mich selbstverständlich mit Astrazeneca impfen lassen"

Heinemann: Herr Laumann, wenn jetzt die 60-Jährigen an der Reihe sind, was heißt das für die 70-Jährigen?

Laumann: In Nordrhein-Westfalen heißt das für die 70-Jährigen gar nichts gegenüber unserem bisherigen Impfplan, weil wir vorgesehen hatten, beginnend ab Osterdienstag, Jahrgang für Jahrgang die über 70-Jährigen mit BioNTech zu impfen, und die Impfstoffe sind dafür auch bei uns in der Planung vollkommen vorhanden, dass wir dann jede Woche zwischen 130 und 150.000 Menschen aus dieser Altersgruppe ein Impfangebot machen können.

Heinemann: In den Zentren oder in den Praxen?

Laumann: In den Zentren. Dass noch 400.000 Dosen in die Praxen gehen, kommt ja noch dazu. Unsere Ärzte werden aber, denke ich, die ersten Dosen sehr stark den Chronikern geben. Allerdings sind ja auch Chroniker über 70 Jahre.

Heinemann: Herr Laumann, sollten sich Politikerinnen und Politiker vor laufenden Kameras mit AstraZeneca impfen lassen? Wir haben eben in der Presseschau eine Stimme aus Leipzig gehört, die das Vorbild Serbien nannte, wo genau das passiert.

Laumann: Als Politiker ist man in dieser Frage immer in einer Zwickmühle. Ich bin ja 63 und ich habe gestern in einer Pressekonferenz gesagt, ich würde mich selbstverständlich mit Astrazeneca impfen lassen. Ich habe mir das jetzt so überlegt: Wenn wir wirklich Probleme haben, dass der Impfstoff nicht begehrt ist – das werden wir ja am Samstag und Sonntag in den Terminbuchungen sehen -, dann werde ich es machen. Wenn wir aber die Situation anders haben, dass er völlig überbucht ist, dann werde ich mich sehr zurückhalten, denn als Gesundheitsminister kannst Du da immer alles nur verkehrt machen. Wenn Du es nicht machst, sagen sie, er traut dem Impfstoff nicht, und wenn Du es machst, dann sagen sie, er drängelt sich vor. Also warten wir die Sache schlicht und ergreifend mal ab.

Heike Werner (Die Linke), Gesundheitsministerin von Thüringen, spricht in einer  Regierungsmedienkonferenz  (dpa / Martin Schutt) (dpa / Martin Schutt)Nach Astrazeneca-Einschränkung - "Sind gewohnt, dass wir unsere Impfstrategie immer wieder anpassen müssen"
Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner (Die Linke) ist zuversichtlich, dass auch nach der Einschränkung von Astrazeneca allen Bürgern bis zum Sommer ein Impfangebot gemacht werden kann. 

Heinemann: Keine gute Ausgangssituation, das versteht man. – Herr Laumann, Frankreich schließt die Schulen für vier Wochen. Womit rechnen Sie nach den Osterferien in Deutschland?

Laumann: Das weiß ich nicht. Wir haben ja jetzt noch nach den Ostertagen eine ganze Woche Ferien. Ich bin jetzt nicht hier der Schulminister. Soweit ich weiß, werden ja die Schulminister unmittelbar nach den Feiertagen sich aus ganz Deutschland zusammensetzen und überlegen, was ist verantwortbar. Ich bin nur in dieser Frage ernsthaft der Meinung, dass es gut wäre, wenn es einen gemeinsamen Vorschlag der Schulminister gibt und dass es dann auch gleich in Deutschland gemacht wird.

Schule und Ausbildung: "Wir brauchen gute Abschlüsse"

Heinemann: Eine bundesweite Lösung?

Laumann: Ja. Jetzt steht man, was Schule angeht, vor Fragen. Wie macht man es jetzt mit den Abschlussklassen, die bald Abitur machen oder die im Sommer aus der Schule kommen und in eine Lehre gehen? Wie kriegen wir das mit vernünftigen Schulabschlüssen hin? Ich glaube, dass man sehr differenziert auch unter den Schulklassen sehen muss. Ich bin in Nordrhein-Westfalen ja auch Arbeitsminister und in dieser Funktion für die duale Ausbildung verantwortlich und auch da ist es ja so, dass wir gute Abschlüsse brauchen anschließend für die Lehrstellen.

Heinemann: Kann denn wirklich mehrfach pro Woche getestet werden? Darum geht es ja vor allem.

Laumann: Ja! Das, denke ich, wird nach Ostern – ich kann das zumindest für Nordrhein-Westfalen sagen – gehen. Wir haben die Teste bestellt und wir kriegen sie auch, dass zwei Testungen pro Schülerin, pro Schüler in der Woche möglich sind mit den sogenannten Selbsttesten.

Heinemann: Herr Laumann, Sie sind auch Mitglied des CDU-Präsidiums, habe ich am Anfang bei der Vorstellung gesagt. Wie haben Sie Angela Merkels namentliche Kritik an Armin Laschet am vergangenen Sonntag im Fernsehen aufgenommen?

Laumann: Ja gut, ich habe sie aufgenommen und bin in dieser Frage einfach der Meinung, dass das gar nichts bringt, jetzt egal von welcher Seite, wenn wir jetzt anfangen, uns Vorwürfe zwischen Bund und Ländern zu machen. Ich bin sehr davon überzeugt, dass wir diese Pandemie nur gemeinsam in den Griff bekommen werden und auch das Vertrauen, was man natürlich für viele auch einschränkende Entscheidungen braucht, behalten, wenn man da sehr eng zusammen bleibt. Denn wir haben jetzt ja bis auf ganz wenige Ausnahmen, Schleswig-Holstein zum Beispiel, in Deutschland fast eine gleiche und gleich schwierige Lage der Inzidenzen.

"Verhältnis zwischen Armin Laschet und Angela Merkel ist gut"

Heinemann: Schadet Frau Merkels Kritik dem CDU-Vorsitzenden?

Laumann: Ich würde es mal so sagen: Es ist auf jeden Fall nicht zum Vorteil gewesen. Aber ich glaube, dass das Verhältnis zwischen Armin Laschet und Angela Merkel so gut ist, dass auch diese Frage keine große Rolle spielen wird. Wir müssen einfach in dieser Frage zusammenhalten, und nicht nur in dieser Frage. Ich glaube, ich sage es noch einmal, dass das Hin- und Herschieben von Verantwortung nichts bringt. Und ich will hier noch mal für Nordrhein-Westfalen ganz klar sagen: Wir setzen hier sehr konsequent die MPK-Beschlüsse um. In jeder Kommune, wo die Inzidenz über 100 geht, ist es in Nordrhein-Westfalen so –da ist ja das Gesundheitsministerium zuständig -, dass, wenn das drei Tage passiert, über eine Landesverfügung in diesen Kreisen und Städten alles geschlossen wird, außer das, was vorm 8. März offen war, im Wesentlichen der Lebensmittel-Bereich und der Bereich, der verderbliche Ware verkauft.

Dann haben wir eine Option gemacht, dass wir gesagt haben, wenn der Kreis sagt, wir haben genug Teststellen - wir haben in Nordrhein-Westfalen fast 7.000 Teststellen -, dann können die Leute weiterhin in ein Textilgeschäft gehen, in einen Baumarkt gehen mit einem negativen Test, der nicht älter wie 24 Stunden ist.

"Teste machen Leute nur, wenn sie etwas davon haben"

Und jetzt sage ich Ihnen mal: Wir haben Montag dieser Woche in Nordrhein-Westfalen 157.000 Menschen getestet und haben dabei 1.250 positive gefunden. Das sind 0,8 Prozent. Diese Menschen hätten wir nicht identifiziert, wenn wir nicht die Möglichkeit gehabt hätten, sie in Teste zu kriegen. Und die Teste machen die Leute nur, wenn sie etwas davon haben. Ich glaube, dass das Entdecken der Dunkelziffer uns mehr hilft, denn wenn Sie in einen Baumarkt gehen, wo pro 40 Quadratmeter ein Mensch reingehen darf bei uns in Nordrhein-Westfalen, wo man eine Maske tragen muss, wo es Hygienevorschriften gibt und alle, die im Baumarkt sind, einen negativen Test haben, dann glaube ich wirklich, dass wir den Shutdown in vollem Umfang umgesetzt haben.

Heinemann: Ich möchte noch mal kurz auf das Verhältnis Merkel-Laschet kommen. Gestern fragte eine Zeitung in gewohnt großen Buchstaben: Will Merkel keinen Kanzler aus der Union? – Herr Laumann, kennen Sie die Antwort?

Laumann: Da bin ich mir ganz sicher, dass Angela Merkel alles dafür tun wird, dass der Kanzlerkandidat der Union Bundeskanzler wird, und ich bin auch ganz sicher, dass sie sich eher Armin Laschet wünscht wie Herrn Söder.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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