Samstag, 03. Dezember 2022

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Ausstellung
Die ungeheime Welt der Spionage

Lassen sich in der langen Geschichte der Spionage Muster der Agenten erkennen? Ist Spionage nur ein Spiel? Und sind Spieler für den Agentenberuf am besten geeignet oder Bürokraten? Die geheime Welt der Spionage wird in Deutschland nur selten erforscht. Nach zwei Historikertreffen zum Thema wurde jüngst die Ausstellung "Achtung Spione" in Dresden eröffnet.

Von Wolfgang Noelke | 28.04.2016

    Ein Mann arbeitet an der Tastatur eines Laptops.
    Ein Mann arbeitet an der Tastatur eines Laptops. (dpa / picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
    "Der Einsatz von Spionen ist für die Kriegsführung von großer Bedeutung. Das ganze Heer verlässt sich bei allen Kampfhandlungen auf die von Spionen beschafften Nachrichten." Diese mindestens 2.500 Jahre alte Weisheit des chinesischen Militärstrategen Sun Zi, des "Meister Sun" verlor bis heute nicht an Gültigkeit.
    So oft, wie Sun Zis Militärklassiker bis heute unter sich ähnelnden Titeln, wie "Die Kunst des Krieges" immer wieder als Neuauflage erscheint und inzwischen sogar zum Training für Führungskräfte der Wirtschaft eingesetzt wird, so wenig scheint sich die geheime Welt der Spione verändert zu haben.
    Wenn die geheime Welt der Aufklärung ebenso alt ist, wie Strategien der Desinformation, darf die Frage gestellt werden, ob sich Muster erkennen lassen, nach denen sich Spione vor Finten des Gegners schützen, um diesen gleichzeitig in die Falle zu locken. Hilft moderne Technik, die eigene strategische Position, wenn auch nur kurzfristig zu verbessern und die gegnerische zu schwächen? Ist Spionage nur ein Spiel, allerdings eins mit manchmal tödlichem Ausgang? Und sind Spieler für den Agentenberuf am besten geeignet oder Bürokraten?
    Gleich zweimal im letzten halben Jahr diskutierten Historiker unter anderem über diese Fragen. Nach Greifswald im letzten Herbst, kürzlich im Dresdener Militärhistorischen Museum. Dort wurde gerade die Ausstellung "Achtung Spione" eröffnet, mit mehr als 600, vom Stempel "Streng Geheim" befreiter "ungeheimer" oder eher unheimlicher Dokumente und Agentenwerkzeuge.

    Das Manuskript:
    "Entschlüsseln kann man nur, wenn man den Schlüssel hat."
    Damals, 1914 als Christian Deubners Großvater Ludwig zur militärischen Legende werden sollte, gab es noch keine Stasi, über deren Zahlensender die Stimme der "klugen Frau" - so ihr Spitzname - verschlüsselte Nachrichten an die, überall auf der Welt verteilten - sogenannten Kundschafter des Friedens sendete. 1914, genau am 26. August begann im Ersten Weltkrieg die nur vier Tage dauernde "Schlacht bei Tannenberg" und der damals 37-jährige Ludwig Deubner leistete am Sieg der deutschen Truppen über den russischen Gegner einen entscheidenden Beitrag:
    "Und zwar nicht als Kämpfer, sondern als jemand, der die russischen Befehle, die über Funk gegeben wurden aufgefangen hätte und für den deutschen Generalstab zur Verfügung gestellt hätte."
    Von Entschlüsseln war an diesem Tag noch gar nicht die Rede, im akribisch geführten Tagebuch des später gefeierten ersten Funkcodeknackers, denn drahtlose Nachrichten zu chiffrieren war damals noch gar nicht üblich, so Christian Deubner:
    "Er begann das etwa zweieinhalb Wochen bevor die Schlacht von Tannenberg begann, in Königsberg auf der dortigen Funkstation und die Funksprüche, um die es dann bei Tannenberg ging, die können durch seine Hände gegangen sein, aber sie wurden nicht entschlüsselt, sie wurden noch im Klartext gesendet von den Russen und es gibt nicht einmal ganz 100 Prozent stichfeste Beweise dafür, dass mein Großvater diese Befehle tatsächlich gehabt hat."
    Die Konsequenz, die alle Militärs aus der Niederlage der russischen Truppen zogen war, künftig alle Nachrichten und Befehle zu verschlüsseln. Für Ludwig Deubner offensichtlich kein Problem, verschlüsselte Befehle wieder lesbar zu machen, dank seiner zivilberuflichen Erfahrungen:
    "Mein Großpapa zählte zu den Leuten, die sich an sowas ran machten er war Philologe und zwar für alte Sprachen, also gewohnt mit defekten Inschriften umzugehen, bei denen die Hälfte fehlt, bei denen man die Buchstaben erraten muss, mit alten Texten umzugehen, in Altgriechisch, lateinisch und anderen Dingen. Also jemand, der gewohnt war zu gucken - was ist denn in so einem Schriftstück drin, selbst wenn das nur noch halb vorhanden ist? Solche Leute haben insgesamt bei der Spionage – Pardon – bei der Aufklärung eine wichtige Rolle gespielt, vor allem bei der Funkaufklärung."
    Herumraten an einem dreistelligen russischen Schlüssel
    Nachrichten ohne Schlüssel zu dechiffrieren, war für Ludwig Deubner zunächst ein spielerischer Akt, aus dem er teilweise noch heute gültige Regeln und Algorithmen entwickelte:
    "Die erste Bemerkung dazu stammt vom Oktober 1914 und das schreibt er in seinem Tagebuch vom Herumraten an einem dreistelligen russischen Schlüssel. Ohne Ergebnis! Also es gibt so frustrierte Einträge - das ist nicht der Einzige - aus der Anfangszeit. Was man auch sieht, ist dann später, dass es eher ein automatisches Herangehen wird, an diese Schlüssel, die er innerhalb von drei, vier Tagen gewöhnlich komplett löst. Das muss man sich dann so vorstellen: Da sind dann immerhin in so einem Schlüssel, da sind ungefähr 900, oder mehr Buchstaben und Zahlengruppen, von denen jeder einzelne geklärt werden muss, was sie bedeutet."
    Für die russischen Truppen bedeutete die Arbeit des Abhörspezialisten die völlig unerwartete Niederlage. An diesem Beispiel wird ein zutiefst menschlicher Aspekt sichtbar, der sich ebenfalls bis in die heutige Zeit wiederholt: die sich stets entwickelnde "Pfadabhängigkeit" - so der Begriff aus der Sozialwissenschaft. Gibt es genügend positive Effekte – und die damals relativ neue, im Gegensatz zum drahtgebundenen Feldtelefon extrem schnelle Funktechnik empfand man als riesigen Fortschritt, so überstrahlen dieser positive Aspekt alles andere. Das verstärkt sich, je längere Zeit auf dem einmal gewählten Pfad alles gut geht. Im Fall der Russen funktionierte alles so perfekt, dass niemand Gedanken an Verschlüsselung verschwendete. Deswegen konnten sie dies als Ursache erster Niederlagen gar nicht erkennen, sondern wählten für ihre Fehlersuche erneut vertraute, aber falsche Pfade, einen konsequenten Weg ins Chaos:
    "Das können Sie auch in den Memoiren russischer Fachleute nachlesen, weil die nach dem Krieg natürlich auch darüber geschrieben haben und gesagt, dass sie einen Riesenfehler gemacht haben. Die haben ja zum Beispiel auch eine Riesen-Agentenjagd bei sich veranstaltet, weil sie gar nicht glauben konnten, dass die Deutschen anders, als über ihre Agenten diese Informationen hätten bekommen können. Also sind in Russland etliche hochmögende Militärs verurteilt worden, zum Teil hingerichtet worden, die überhaupt nichts verraten hatten, weil man eben dachte, es gebe da einen Spionagekreis der den Deutschen diese Informationen geben würde. Vor allem deutschstämmige oder mit deutschen Namen versehene russische Militärs sind da wohl dran gekommen."
    Die Enigma
    Ähnlich ein Beispiel aus dem Zweiten Weltkrieg und in der Dresdener Ausstellung auch zu sehen: Statt mühselig Textbotschaften handschriftlich zu ver- und entschlüsseln, funktionierte dies damals schnell und bequem mit der Enigma. Sie hat die Größe einer Schreibmaschine und ein einmal damit codierter Text galt als unknackbar, so einer der beiden Kuratoren der Dresdener Ausstellung, Dr. Magnus Pahl:
    "Wir zeigen anhand der Abwehr, in Kombination mit dem Bild von Canaris die Geschichte, dass die Wehrmachtelite nach dem Krieg nicht wusste, warum viele militärische Operationen gescheitert sind. Man hat festgestellt, dass die Alliierten, dass die sowjetischen Streitkräfte oftmals davon Wind bekommen hatten, was die Wehrmacht da plant, an Angriffen, an Operationen und konnte sich darauf keinen Reim machen, hat also vermutet, dass ganz klassisch ein Verräter im höchsten Hauptquartier um Hitler herum, wie Martin Bormann zum Beispiel, der Sekretär von Hitler für die sowjetische Staatsführung als Doppelagent arbeitet – und hat nicht gewusst zu dieser Zeit, bis in die 70er-Jahre, dass die Briten in ihrem Ultra-Programm den Code, der als nicht zu knackenden Enigma tatsächlich doch geknackt hatten."
    Spionagekamera fürs Knopfloch und Mini-Recorder für die Achselhöhle
    Neben der Enigma, deren Verschlüsselungsalgorithmus im Museum getestet werden darf, steht auch Agenten-Ausrüstung, ähnlich jener, früher James Bond-Filme. Zur klassischen Spionagekamera "Minox", für heimlich, aus dem Brillenetui oder dem Knopfloch geknipste Fotos gehört auch der kleinste und leistungsfähigste Recorder damaliger Zeit, das "Minifon". Nicht größer, als ein Taschenbuch passte es unter die Achselhöhle, bereit für zwei Stunden lange heimliche Tonaufnahmen. Nicht auf Band, sondern auf magnetisiertem dünnen Stahldraht wurde aufgezeichnet. Ein Sammler aus Hannover demonstriert hier den Unterschied zur heute üblichen Qualität:
    "Das konnten sich eigentlich nur sehr wenige Leute leisten. Dieses Gerät ist so Baujahr 1951 und hat damals 1.500 Mark gekostet. Das war also 1951 sehr, sehr viel Geld. Dieses Gerät gibt es tatsächlich noch in ziemlich großer Zahl. Aber das lag wohl auch daran, dass sich danach niemand von dem Gerät getrennt hat. Das war so teuer, dass es niemand weggeworfen hat, als es kaputt war. Das lag dann noch irgendwo im Keller. Deswegen sind noch einige gut erhaltene Exemplare davon da."
    Pahl: "Damals war das eine recht – ich möchte nicht sagen revolutionäre Technik, aber etwas Neues, Mitte der 50er-Jahre. Wir stellen ein Gerät von unserem Leihgeber, Bundesnachrichtendienst BND aus, ein Minifon P 55 und es ist verbürgt, dass Reinhard Gehlen das auch benutzt hat."
    Amerikanische Spezialgeräte, die nie zum Einsatz kamen
    Nicht zu konspirativen Zwecken, wie Magnus Pahl versichert. Dafür wurden oft Spezialgeräte handgefertigt, wie zum Beispiel kleinste Kurzwellensender mit drei Watt Leistung. Da Senderöhren damals noch nicht durch Transistoren ersetzt werden konnten, steckten sich Agenten ihr, aus vier Blöcken bestehendes Funkgerät selbst zusammen. Jedes Modul so groß, wie ein Wörterbuch. Die in Dresden präsentierten amerikanischen Geräte sollten in der sowjetisch besetzten Zone zum Einsatz kommen – im Ernstfall. So lange lagerten sie in zerbeulten, viereckige Metallbehältern:
    "Das sind Behälter für Agentenfunkgeräte. Sie waren wasserdicht. Man konnte also sein Agentenfunkgerät in diesen Behältern aufbewahren und konnte das Ganze unter Wasser verstecken und die Idee dahinter war, dass man sogenannte Schweigefunker hatte. Diese Schweigefunker, zum Beispiel der Organisation Gehlen sollten erst in einem Ernstfall, in einem Kriegsfall funken, weil natürlich bei jedem Funkbetrieb die Gefahr gegeben ist, dass man von der Funkabwehr aufgespürt wird. Insofern hat man eine kleine Reserve von ca. 40 bis 50 Schweigefunkern vorgehalten, die dafür vorgesehen waren, im Kriegsfall erst ihre Geräte zum Beispiel aus diesen Containern zu bergen und dann den Funkbetrieb aufzunehmen."
    Die Geräte kamen nie zum Einsatz. Die Vorbereitungen des Aufstands am 17. Juni 1953 wäre ein Anlass, wurden von den Schweigefunkern aber gar nicht bemerkt. Einige andere Schweigefunker und Agenten schwiegen aus anderen Gründen.
    "Abgeschaltet" schrieb der Führungsoffizier des BND-Agenten Karl Laurenz, in sein kleines Notizbuch, das in Dresden zu sehen ist. Für den in Ostberlin vor Gericht stehenden BND-Agenten und seine Quelle, die Sekretärin des damaligen DDR-Ministerpräsidenten Grotewohl bedeutete dieses lapidare Wort das Ende. Der Vorwurf:
    "Sie haben Boykotthetze betrieben! Sie haben Mitteilungen über Vorgänge in der Deutschen Demokratischen Republik an den Feind, an den Feind der Deutschen Demokratischen Republik, an die imperialistischen Kriegshetzer, an die Monopolkapitalisten, an die von Ihnen beauftragten, gelenkten, geleiteten Spionageorganisationen, haben Sie die weitergegeben. Sie wussten, was das für Organisationen sind. Sie wussten, dass diese Organisationen bezahlt werden von den Geldern der amerikanischen Monopolkapitalisten."
    Gnade vor Staatsanwälten und Richtern scheinen Agenten ebenso wenig zu finden, wie echte Freunde. Für die einen mögen sie vielleicht Freiheitskämpfer sein, für andere sind sie dann Spione, Terroristen oder "Boykotthetzer". Den, angesichts mancher Agentenschicksale vor Emotionen schützenden Technokratenjargon "Abgeschaltet" verwenden beide Seiten:
    Staatsanwalt: "Ich beantrage, wegen erwiesener Verbrechen nach diesem Gesetz gegen den Angeklagten Laurenz, Karl, geboren am 11.9. 1905 die Todesstrafe. Ich beantrage nach diesem Gesetz, wegen erwiesener Verbrechen gegen die Angeklagte Barcatis, Elli- Helene, geboren am 7.1.1912 die Todesstrafe. Die Angeklagten ... Den Angeklagten ist das Vermögen einzuziehen."
    Richter: "Vor den Ausführungen der Angeklagten und den Schlussworten tritt zunächst eine Pause von einer viertel Stunde ein."
    Ein Fall der das Verhältnis der USA zum BND beeinflusste
    Beispiel zwei tragischer Agentenschicksale. Im Vergleich dazu und seinen mehr als 100 Opfern, Agenten der CIA und des BND, die er an den KGB verriet, kam der erst 1961, durch einen sowjetischen Überläufer enttarnte Doppelagent Heinz Felfe relativ glimpflich davon. Nach nur sechs Jahren seiner hohen Haftstrafe wurde er ausgetauscht. Der am Woodrow Wilson Center in USA forschende Historiker Bernd Schaefer analysierte den Fall Felfe:
    "Er wurde rekrutiert von einem BND-Mann, der bereits für den KGB arbeitete und die beiden haben dann als Tandem gearbeitet. Er hat Agenten geführt aus der DDR, die für den BND arbeiteten oder Vorgaben, für den BND zu arbeiten, in Wirklichkeit aber auch vom KGB umgedreht wurden. Und er hat dann im Grunde genommen eine Show inszeniert, dass der BND Agenten in der DDR hat, die für die Westdeutschen arbeiten, aber in Wirklichkeit für den KGB gearbeitet haben. Felfe hat dann beides koordiniert und hat jede Menge Informationen dann an den KGB weitergegeben. Denn Felfe war auch zuständig für die Sicherheitsüberprüfung bundesdeutscher Offizieller in den Nachrichtendiensten und auch in der Regierung. Und die Daten, die er da bekommen hatte, bei diesen Ermittlungen, die hat er dann dem KGB auch weitergegeben, durch sehr geschickte Dreiecks-Operationen."
    Seitdem – und nicht erst seit Ereignissen jüngster Zeit, so der US-amerikanische Wissenschaftler - sei das Verhältnis der USA zum BND gestört:
    "Eine Lehre, die die Amerikaner daraus gezogen haben ist, dass der BND nur bedingt zuverlässig ist, weil er immer wieder von östlichen Geheimdiensten durchsetzt ist und dass man deshalb die Zusammenarbeit mit den BND auf keinen Fall noch einmal so eng machen sollte, wie es bis zum Mauerbau gewesen ist, weil die USA dadurch selbst Schaden nimmt."
    Ein wichtiger Teil deutscher Geschichte, die überall erforscht wird, nur noch zu selten in Deutschland, bemängelt Eva Jobs, ebenfalls Kuratorin der Dresdener Ausstellung. Die Historikerin, die zur Zeit ihre Dissertation zur Rolle des Vertrauens zwischen deutschen und amerikanischen Nachrichtendiensten schreibt, wünscht sich:
    "Eine Reform des BND-Gesetzes, glaube ich, wäre für alle Beteiligten ein großer Schritt. Wir brauchen eine Klärung der Zuständigkeiten bei der Auslandaufklärung, wir brauchen eine klar definierte Rolle bei der G10-Kommission und wir brauchen eine gute und sichere Durchsetzung der parlamentarischen Kontrolle und der Kooperation von allen Beteiligten."