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StartseiteCorsoKitchenstorys im Jahr 2050 01.06.2020

Ausstellung: "Future Food"Kitchenstorys im Jahr 2050

Kantinenessen, das von Robotern gekocht wird, Gemüse, das in Turmgewächshäusern wächst oder Kühe, die sich vom Biomüll der Stadtmenschen ernähren. Zukunftsmusik oder längst Realität? Das fragt die Ausstellung "Future Food - Essen für die Welt", mit Zutaten aus Kunst, Forschung und Utopie.

Von Heike Schwarzer

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Eine kunstvoll gestaltete Festtafel in der Ausstellung "Future Food - Essen für die Welt von morgen" im Deutschen Hygienemuseum in Dresden (dpa/Robert Michael)
Eine kunstvoll gestaltete Festtafel in der Ausstellung "Future Food - Essen für die Welt von morgen" im Deutschen Hygienemuseum in Dresden (dpa/Robert Michael)
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Hier kriegt jeder mehr als genug. Hier sind alle satt. Auf Tellern und in Wärmebehältern finden sich Reste von Erbsengemüse und dicken Fleischscheiben, was nicht weggeht, das landet im Müll. Und was gibt es morgen? Das unaufgeräumte Partyzelt gleicht einem symbolschweren Gruß aus der Küche, hier geht es hinein in die Ausstellung "Future Food – Essen für die Welt von morgen".

Von Hunger- oder Dürrekatastrophen ist hier keine Spur. Das Partybüffet: Nur Privatvergnügen oder doch Politikum? Der wohlstandssatte Mensch kann selbst in drei sich anschließenden Themenräumen nach Antworten suchen. Das ist nicht immer leichte Kost.

"In der Ausstellung geht es um zentrale Fragen, wie und nach welchen Kriterien wähle ich mein Essen aus", sagt Gisela Staupe, stellvertretende Direktorin des Deutschen Hygienemuseums Dresden. "Aber es geht auch darum, Wissen zu vermitteln, wie Essen produziert wird, wie der globale Lebensmittelhandel aussieht mit welchen Folgen, auch darum wie der Klimawandel und globale Lebensmittelhandel auch ganz gravierende Folgen hat, auf das was wir essen."

Vom Wesen des Unkrauts

Themenraum eins nimmt die Produktionsbedingungen von Nahrungsmitteln unter die Lupe und gräbt zwischen Breitgabel, Sämaschine und historischen Gartengeräten ganz erdverbunden in der Geschichte der Permakultur. Mit bunten Kreiden auf schwarzem Papier entwarf der Lebensreformer Rudolf Steiner 1924 noch sein Bild vom Wesen des Unkrauts.

Die Gewächshäuser der Zukunft  - Beispiele kommen aus Gatersleben oder Singapur - sind längst Labore. Hier bestimmt der Mensch über die Natur. "Die erste Abteilung ist eingebettet in ein Bild von Gewächshaus und die Durchdringung von Natur und Kultur in so einem Raum fanden wir sehr spannend", sagt Victoria Krason, Kuratorin der Ausstellung "Future Food" im Deutschen Hygienemuseum Dresden: "Sie sehen, die Tische werden auch immer höher, haben auch unterschiedliche Untergründe von Erde über Kunstrasen bis zu einem metallischen Untergrund, weil wir hier verschiedene Tendenzen zeigen."

Vom ökologischen Landbau verlaufen diese direkt bis zur zellulären Landwirtschaft mit Invitrofleisch aus der Petrischale. Fotoserien, Drohnen für den Pestizideinsatz oder Modelle von vertikalen oder Turmgewächshäuser erzählen von frühen Vorbildern einer futuristischen Landwirtschaft und dem, was inzwischen längst die Zukunft bestimmt. Nur im großformatigen Video des polnischen Künstlers Wojtek Doroszuk über die Arbeit auf Himbeer- und Brombeerplantagen in Norwegen macht sich für knappe 20 Minuten romantische Landlust breit.

Insektenburger und Würmersnacks

Wie sieht er aus, der Supermarkt von morgen? Was kommt noch auf unseren Tisch, wenn wir fair, klimaneutral und nachhaltig einkaufen? Woher kommt unser Fleisch und unsere Lust darauf? Und warum eigentlich tun wir uns schwer mit Larven von Mistkäfern oder schwarzen Soldatenfliegen als Fleischersatz?

Victoria Krason: "Und zwar sehen wir hier einen Auszug aus einem Dokumentationsfilm aus Skandinavien, in dem zwei junge Männer sich auf eine Reise begeben haben, um nach den besten Rezepten zu Insektengerichten zu suchen." Flankiert von Produkten wie Insektenburgern, Heuschreckenbolognese und Würmersnacks beschreibt diese Reportage auch den Erkenntnisprozess der jungen Spitzenköche aus dem Nordic Food Lab aus Kopenhagen

Victoria Krason: "Die von der Faszination über diese Gerichte gelangen zu einer Kritik an der Massenproduktion, wie sie jetzt hier bei uns geplant wird. Weil sie feststellen, weil die massenhafte Produktion die gleichen Probleme aufwerfen würde wie die vom Fleisch."

Eintopf aus Mistkäfern, das ist keine ausgeflippte Idee von heute. Schon im letzten Jahrhundert schrieb ein britischer Wissenschaftler. "Dass die englischen Arbeiter in der Industrialisierung besser Insekten essen sollten, weil sie dann besser arbeiten. Und das ist nie durchgedrungen", sagt Victoria Krason.

Seidenspinner-Schmetterling als Spezialität

Weil es den Menschen - einmal zu Wohlstand gelangt - eben nicht egal ist, was sie essen. Und gleich gar nicht, wenn Essen – in Familie oder unter Freunden - zum Ereignis wird. Die 1758 präparierten Seidenspinner-Schmetterlinge im gläsernen Lehrkasten, als Larve eine Spezialität in Südostasien, bringen im westlichen Kulturkreis nur wenige in Partylaune. "Eigentlich möchte die Ausstellung auf eine lustvolle, sehr wissensgetränkte Art und Weise die Besucher zu genussvollen, aber auch zu verantwortungsvollen Genießern machen", sagt Gisela Staupe.

"Future Food", eine Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum stillt - ohne Frage - den Wissenshunger, serviert Ausstellungsobjekte aus der historischen und futuristischen Landwirtschaft und Essensforschung, dazu appetitliche Gemälde, eine doppelte Portion digitale Essenskunst und als Zwischengang interaktive Stationen, um als Besucher selbst aktiv zu werden. Nach all der Völlerei findet sich neben einer riesigen, prallvoll drapierten Tafel im letzten Raum vielleicht auch noch einen freien Sitzplatz. Jetzt darf man erstmal verdauen.

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