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StartseiteCorsoDer Preis des Kapitalismus01.04.2019

Ausstellung "Generation Wealth"Der Preis des Kapitalismus

Fotografin Lauren Greenfield zeigt Extreme, um den Mainstream zu entlarven: den Jugend- und Schönheitswahn, den Materialismus und Starkult. Aktuell widmet sie sich in einer Ausstellung in Hamburg der "Generation Wealth". "Ich bin tief in die Obsessionen dieser Menschen eingetaucht", sagt Greenfield.

Von Alexandra Friedrich

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Blick in die Ausstellung LAUREN GREENFIELD - GENERATION WEALTH, 30. März - 23. Juni 2019 im Haus der Photographie/Deichtorhallen Hamburg. (Henning Rogge)
Das aus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen zeigt Lauren Greenfields "Generation Wealth" (Henning Rogge)
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Die Dokumentar-Fotografin und -Filmerin Lauren Greenfield gilt als eine der renommiertesten Chronistinnen von Konsumverhalten, Jugendkultur und Geschlechtsidentität. Für ihren Dokumentarfilm "The Queen of Versailles" wurde sie 2012 unter anderem mit dem Best Director Award beim Sundance Festival ausgezeichnet. Ihr #LikeAGirl-Spot wurde in der begehrtesten Werbepause der Welt gezeigt - während des American Football-Spektakels Super Bowl - und von 214 Millionen Zuschauern weltweit gesehen. Aktuell tourt Lauren Greenfield mit ihrem Projekt "Generation Wealth" durch die Welt, einer Trilogie aus Ausstellung, Buch und Film. Nach Stationen in Los Angeles, New York, Oslo und Den Haag gastiert sie seit dem Wochenende im Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen.

Jugend- und Schönheitswahn

Eine Frau kriecht nackt auf dem Boden eines Clubs, um Dollar-Scheine aufzusammeln. Ein Kleinkind mit dickem Make-up posiert im knappen Spitzenkleid vor der Kamera. Eine Spritze bohrt sich in die Lippen eines prallen Botox-Gesichts. Lauren Greenfield kritisiert mit ihren gleichzeitig faszinierenden wie verstörenden Fotografien den Jugend- und Schönheitswahn, den Materialismus und Starkult der westlichen Gesellschaften, insbesondere ihrer Heimat, den USA.

Lauren Greenfield: "Die Dinge, die uns und unsere Entscheidungen beeinflussen - wie die Popkultur und die Werte unserer Zeit - sind unsichtbar, wie die Luft, die wir atmen. Um sie zu zeigen, muss ich meinen Blick auf extreme Situationen, auf Subkulturen und bestimmte Momente richten. Es soll aber deutlich werden, dass es keine Extreme sind, sondern der Mainstream."

Lauren Greenfield zeigt Extreme, um den Mainstream zu entlarven. Dafür ist die 52-Jährige über 25 Jahre lang um die Welt gereist - eine Essenz von 200 Fotos aus 13 Ländern hat sie für das Projekt ausgewählt. In der Multimedia-Ausstellung werden außerdem Interviews, Slideshows und Videos gezeigt. Auch der 103-minütige Dokumentarfilm "Generation Wealth", in dem sie auch selbst vor die Kamera tritt, um ihre eigene Position zu reflektieren.

Mehr und Mehr

"Ich bin tief in die Obsessionen dieser Menschen eingetaucht und musste überrascht feststellen, dass die meine eigenen widerspiegeln. Ich jage meinen fixen Ideen oft und mit genauso viel Adrenalin hinterher wie die Menschen, die ich fotografiere. Und auch, wenn ich weder auf das große Geld, noch den perfekten Körper aus war, so wollte ich doch auch immer mehr und mehr."

Lauren Greenfield will mit ihren Arbeiten niemanden für seinen Lebensstil verurteilen. Alle sind in der "Generation Wealth" Opfer und Täter, sagt sie. Sie will über keinen ihrer Protagonisten richten - auch nicht über eine umstrittene Figur wie Florian Homm. Der Deutsch-Amerikaner ging Ende der Achtzigerjahre ins Bankgeschäft, um einem fiktiven Vorbild nachzueifern - dem von Michael Douglas verkörperten skrupellosen Börsenspekulanten Gordon Gekko aus dem Oliver Stone-Film "Wall Street".

Gordon Gecko: "The point is, ladies and gentleman, that greed, in the lack of a better word, is good, is right, greed works."

Gier ist gut, Gier ist richtig, Gier funktioniert. Florian Homm brachte es nach eigener Aussage zu rund 800 Millionen Dollar Vermögen mit diesem Motto und - laut der Anklageschrift eines kalifornischen Bundesgerichts - mittels Marktmanipulation und Betrug. Homm ist vor der Verurteilung von bis zu 220 Jahren Haft geflohen und lebt in Deutschland, von wo er nicht ausgeliefert wird.

Geld und Ruhm

Heute gibt er sich als guter Vater und frommer Christ - mit dickem Kreuz um den Hals. An dem Projekt habe er teilgenommen, nicht etwa um seine neue Karriere als Autor, Schauspieler und Influencer voranzutreiben, sondern um seine Botschaft zu verbreiten.

Florian Homm: "2007 hatte ich Privatjets und Schlösser und Superyacht, alles Mögliche. Und da habe ich gedacht: Deine Frau hat sich verzogen nach Florida, Deine Kinder kennen den Kapitän auf Deiner Jacht besser und Deinen Chauffeur als Dich. Das blinde Streben nach Geld und Ruhm ohne Inhalt ist brandgefährlich und natürlich auch der nackte Ehrgeiz, indem man alles Andere vernachlässigt. Es geht darum, dass wir glücklich und sinnvoll agieren und leben, und das schreit förmlich aus der Ausstellung und aus dem Film. Und es muss die Seelen berühren. Und deswegen bin ich hier, weil es Seelen berühren wird und tut."

Die teils tragischen Geschichten der Figuren berühren tatsächlich oft, aber einige der grellen Fotografien mit verzerrten Perspektiven stoßen ab. Die pervertierte Idee von Schönheit in zu Masken operierten Gesichtern und überdimensionierten Silikonbusen. Die absurde Maßlosigkeit einer 30 Meter langen Limousine oder des nachgebauten Weißen Haus als Privatresidenz erstaunt.

Und eine Frage stellt sich beim Betrachten aller Bilder unweigerlich: Wonach suchen wir Menschen eigentlich?

Lauren Greenfield: "Ich glaube, wir versuchen damit eine Leere zu füllen, und das ist der perfekte Motor für den Kapitalismus, der uns nur lehrt was wir kaufen, und nicht wie wir leben sollen. In der Kultur des Kapitalismus liegt etwas Entmenschlichtes, das uns die Würde nimmt. Was man in meiner Show sieht, ist, dass der Preis des Kapitalismus die Ökonomisierung des Menschen ist. Besonders tragisch wirkt sich die in der Vermarktung weiblicher Körper aus. Die menschliche Würde wird uns genommen und verkauft, wenn wir zur Ware werden."

Die Multimedia-Ausstellung "Generation Wealth" ist noch bis zum 23. Juni in den Deichtorhallen in Hamburg zu sehen. Der Film zur Schau wird werktags einmal, am Wochenende zweimal gezeigt.

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