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StartseiteKultur heute Irving Penn - der Jahrhundertfotograf 28.03.2018

Ausstellung in Berlin Irving Penn - der Jahrhundertfotograf

Männer, Models, Melonen - egal ob bestechende Porträts, glamouröse Modefotografie oder abstrakte Stillleben, die Bilder Irving Penns sind Ikonen der Fotokunst. Anlässlich seines 100. Geburtstages widmet ihm C/O Berlin eine große Retrospektive.

Von Julian Ignatowitsch

Irving Penn hat viele Prominente fotografiert - darunter auch Picasso (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Irving Penn hat viele Prominente fotografiert - darunter auch Picasso (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
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Aus besonderen Umständen entstehen (oftmals) besondere Fotos. Der beste Beleg ist dieses Porträt von Pablo Picasso, das Fotograf Irving Penn 1957 von ihm aufnahm: Picasso, mit Hut auf dem Kopf und Umhang um den Hals, blickt mit einem Auge und gesenktem Haupt herausfordernd in die Kamera, als würde er sie gleich zerstoßen wollen.

Kurator Jeff Rosenheim:
"Es ist, als ob ein Bulle einen anderen Bullen treffen würde. Wir kennen ja Picassos Vorliebe für Stierkämpfe. Dieses Foto hat eine wundervolle Spannung. Man kann sich diese beiden Männer vorstellen, wie sie sich treffen und beide als Sieger hervorgehen."

Die Spannung war nicht inszeniert. Denn Picasso hatte sich anfangs wie ein sturer Stier geweigert von Penn fotografiert zu werden, erzählt Kurator Rosenheim weiter.

"Das Foto sollte in Picassos Haus in Südfrankreich gemacht werden, für das Modemagazin "Vogue". Picasso hat einfach nicht die Tür aufgemacht, er hatte keine Lust. Penn hat seinen Assistenten dann über den Gartenzaun klettern lassen und so kamen sie doch rein. Sie sind quasi eingebrochen. Picasso hat sich gefügt."

Der Jahrhundertkünstler bekam so sein Jahrhundertfoto, von einem den man durchaus als Jahrhundertfotograf bezeichnen kann. "Centennial" - so ist dann auch die Schau betitelt - nach New York und Paris jetzt in Berlin -, die das Lebenswerk von Irving Penn zeigt.

Fotomodelle in die Ecke gedrängt

Zuerst und vor allem Porträts, in schwarz-weiß. Dafür ist Penn am bekanntesten. Alfred Hitchcock, Marlene Dietrich oder Yves Saint Laurent. Ganz nah rückt er an seine Modelle heran und quetscht sie in einer eigens von ihm erdachten Kulisse sogar zwischen zwei Wänden ein, zu sogenannten "Corner Portraits".

"Das ist doch eine verrückte Art, ein Foto zu machen. Jemanden zu umzingeln, dass er nicht entkommen kann. Das muss wie ein Nahtoderlebnis gewesen sein. Bei Penn im Studio wurde generell nicht viel geredet, er war eher ruhig und introvertiert. Da waren zwei Körper, eine Kamera und ein Problem, das gelöst werden musste. Penn hat das mit großartigem Verständnis von Balance, Form, visuellem Drama und der Psychologie, wie man jemanden durch ein Porträt sichtbar macht, gemeistert."

Penn, der eigentlich Maler werden wollte, kam Anfang der 40er-Jahre als Illustrator zur "Vogue", fasziniert von der Fotografie griff er bald zur Kamera und wurde schnell zum talentiertesten und wichtigsten Fotografen des Magazins. Den Blick des Malers behielt er. Schon seine Stillleben aus den Anfangsjahren mit Trauben, Wassermelone, Spielkarten und Würfeln erinnern an spanische Altmeister der Goldenen Ära, wie Velazquez oder Murillo. Genauso besessen experimentierte Penn mit Material und Entwicklung seiner Aufnahmen, die Kamera war für ihn "halb Geige, halb Skalpell".

"Im 20. Jahrhundert wurden Fotos normalerweise auf Silberpapier abgezogen. Penn hat Platin und Palladium für seine Abzüge verwendet. Diese haben eine besondere Tonalität, sind sanfter und haben eine langes Mittelspektrum und weniger intensive Hell-Dunkel-Extreme. Zu dieser Zeit konnte man solches Papier nicht kaufen, Penn musste es also im Labor selbst herstellen. Er hat damit Objekte erschaffen.

Sozialpolitisch interessiert

Schließlich fertigte er sogar seinen eigenen grau-braun changierenden Fotohintergrund an, vor dem er Bäcker, Metzger und Feuerwehrmänner in der Reihe "Small Trades" ablichtete. 

Die Ausstellung zeigt neben dem Mode- und Porträtfotografen Penn auch den sozialpolitisch interessierten Menschen, der Fotoreportagen von seinen Reisen nach Peru und Marokko veröffentlichte, und auch hier immer die Menschen im Fokus behält. Als solche will Penn auch seine Stillleben verstanden wissen, zu denen er im Spätwerk zurückgekehrte: Er sammelte Zigarettenstummel von den Straßen New Yorks und arrangierte sie zu Paaren. Eine der wenigen farbigen Reihen zeigt welkende exotische Blüten.

Irving Penn fotografierte bis zu seinem Tod 2009 in New York. Zwischen den Stars seiner Zeit und den einfachen Menschen von der Straße, die in sein Studio kamen, hat er keinen Unterschied gemacht. Für ihn waren sie alle: Allzumenschliche Motive.

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