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StartseiteKultur heuteKitt der Gesellschaft12.03.2019

Ausstellung in LeipzigKitt der Gesellschaft

Von wegen muffig und verstaubt: Über 600.000 Vereine mit Millionen Mitgliedern gibt es in Deutschland. Eine Ausstellung in Leipzig geht dem Gemeinschaftsphänomen auf den Grund - und zeigt auch die Unterschiede zwischen Ost und West auf.

Jürgen Reiche im Gespräch mit Maja Ellmenreich

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Fast die Hälfte der Deutschen ist Mitglied in einem Verein.   (© Schwind‘ Agentur für Medienkommunikation)
Von Narrenkappe bis Lederhose und Fußballschuhe: Fast die Hälfte der Deutschen ist Mitglied in einem Verein. (© Schwind‘ Agentur für Medienkommunikation)
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Maja Ellmenreich: Taubenzüchten oder Kegeln, Leseleidenschaft oder Kunstinteresse, die Sorge um eine bedrohte Vogelart oder die Begeisterung für ein historisches Gebäude - für die Gründung eines Vereins braucht es nur eins: Gleichgesinnte. Wenn die es dann ernst meinen mit der Gemeinsamkeit und der Gemeinschaft, dann lassen sie sich ins Vereinsregister eintragen und hängen ans Ende ihres Namens das bekannte "e.V.".

Über 600.000 Vereine soll es in Deutschland geben. Anlass für das Zeitgeschichtliche Forum, das "Vereinsphänomen" näher zu beleuchten. "Mein Verein" ist die aktuelle Wechselausstellung überschrieben. Und die Idee dazu hatte der Historiker Jürgen Reiche, der das "Zeitgeschichtliche Forum" in Leipzig leitet. Mit ihm habe ich vor der Sendung gesprochen.

Herr Reiche, "Vereinsmeier" - das ist ein typisch deutsches Wort, das sich nur mit mühevollen Erklärungen und Umschreibungen in eine andere Sprachen übersetzen lässt. Ist die "Vereinsmeierei" demzufolge auch eine typisch deutsche Eigenschaft?

Jürgen Reiche: Vielleicht ist es das. Aber wenn man genauer hinschaut, muss man einfach wahrnehmen, dass dieses Bonmot "Treffen sich drei Deutsche, gründen sie einen Verein" ja hinten und vorne nicht so richtig stimmt. Erst mal braucht man sieben Personen, die das gleiche Ziel verfolgen, um einen Verein gründen zu können, um sich ins Vereinsregister eintragen zu können. Außerdem: Vereinsmeierei klingt ja auch mit. Aber wenn man den europäischen Vergleich mal hinzuzieht, dann liegt Deutschland im Mittelfeld. Skandinavische Länder und die Niederlande sind da viel weiter vorne im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Und drittens ist ein gewisser Spott auch herauszuhören, aber dieser Spott ist eigentlich gar nicht angebracht, wenn man sich ein bisschen näher damit beschäftigt, weil - so ist unsere Überzeugung und meine Überzeugung - Vereine auch der Kitt der Gesellschaft sind.

"Der Deutsche ist ein Vereinsmensch"

Ellmenreich: Wann ging es denn los? Ab wann brauchte man diesen Kitt in Deutschland? Wann hat man angefangen, sich in Vereinen zu organisieren - und mit welchem Zweck überhaupt?

Reiche: Vereine lassen sich zurückverfolgen bis ins 16. Jahrhundert hinein. Die hießen dann vielleicht nicht Vereine, sondern Brüderschaften, Gemeinschaften. Aber das Vereinswesen hatte einen starken Zulauf im 19. Jahrhundert. Das hängt auch mit der Industrialisierung zusammen. Im Bürgerlichen Gesetzbuch von 1900 ist der Verein auch festgehalten als verbrieftes Recht aller Deutschen, findet sich übrigens auch im Artikel neun des Grundgesetzes heute wieder. Es ist also ein Grundrecht hier in unserem Land. Es gibt auch einen Spruch von Max Weber, der gesagt hat: "Der Deutsche ist ein Vereinsmensch, und die Herrschenden lieben den Vereinsmenschen." Ich glaube, das hat sich auch ein bisschen geändert, wenn man an Vereine denkt, die sich gegründet haben im Zusammenhang mit "Stuttgart 21" und mit Hambacher Forst und mit Gorleben. Das sind ja alles aus der Bürgerbewegung heraus gegründete Vereine. Die werden von den Herrschenden, glaube ich, nicht so geliebt.

Der Kitt der Gesellschaft ist - dieser Begriff ist, glaube ich, gerechtfertigt, weil sehr viele Vereine auch das System, die Gesellschaft schützen und stützen. Gerade Fördervereine sind unheimlich viele zu zählen von den von Ihnen genannten 600.000 Vereinen, die es in Deutschland gibt. Jeder Zweite - 44 Prozent - ist in einem Verein organisiert. Das ist schon eine große Zahl, und die Aktivitäten, die reichen von der bekannten Tafel bis hin zu aktiven Senioren.

"Vereine schaffen Bindungen"

Ellmenreich: Bleiben wir noch mal bei den Fördervereinen, die sich ja häufig dafür einsetzen, Institutionen oder Einrichtungen zu unterstützen. Da könnte man ja eigentlich sagen, dass sich dort die Gemeinschaftsform des Vereines bildet, wo der Staat sich zurückzieht, wo der Staat versagt.

Reiche: Könnte man sagen. Aber ich denke, dass es kein Staatsversagen ist, sondern der Staat ist ja keine abstrakte Größe, der irgendwie außerhalb der Gesellschaft steht, sondern der Staat sind wir. Je mehr wir aktiv sind und diesen Staat auch leben, desto besser ist dieser Staat.

Vereine schaffen auch Bindungen. Ich selber habe ja Jahrzehnte in Bonn gearbeitet. Und mit gewissen Vorurteilen bin ich nach Bonn gegangen, musste das, was Vereine zumindest angeht, ein bisschen revidieren, weil ich gesehen habe - in dem Ort, wo wir gewohnt haben, in Unkel -, wie dieses Vereinsleben auch die Kommune trägt. Da sind Menschen türkischer Herkunft organisiert, Russland-Deutsche. Es ist alles vertreten, und man ist aktiv. Dieses Aktive, das ist was ganz Entscheidendes, und das leisten Vereine.

Im Osten kontrolliert

Ellmenreich: Jetzt erinnern Sie sich aus der momentanen Leipziger Perspektive an Ihre Zeit in Unkel in der Nähe von Bonn. Das bringt mich zu der Frage, wie es eigentlich mit der deutsch-deutschen Geschichte aussieht, was die Vereine angeht. Denn Sie kümmern sich ja in dem Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig maßgeblich auch um die deutsch-deutsche Geschichte seit 1945. Gab es in beiden Teilen Deutschlands, in der BRD und der DDR, Vereine?

Reiche: Nein. Es gab im Westen Deutschlands sehr viele Vereine. Im Osten Deutschlands war der Staat nicht bereit, den Menschen ein eigenbestimmtes Leben und eigenbestimmte Organisationen zuzugestehen. Da gab es auch keine Vereine. Die hießen Vereinigungen, wurden aber vom Staat weitestgehend kontrolliert. Ein gewisses Eigenleben führten Kleingärtner und Kleintierzüchter, die vom Staat auch gebraucht wurden, weil sie - zumindest die Kleingärtner - die Gesellschaft auch bedienten, mit frischem Obst und Gemüse. Die wurden vom Staat abgekauft - kurioserweise zu einem höheren Preis, als sie dann wiederverkauft wurden.

Ellmenreich: Auch das ist offensichtlich "Vereinsgeschichte" – danke an Jürgen Reiche vom Zeithistorischen Forum in Leipzig! Die Wechselausstellung "Mein Verein" ist dort bis Ende August zu sehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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