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StartseiteKultur heutePathos und Propaganda11.11.2019

Ausstellung "Thymostraining" in DüsseldorfPathos und Propaganda

"Thymos" - Platons Idee von Wut, Mut, Zorn und Empörung als Teil des menschlichen Gemüts - wird zurzeit als Rechtfertigung für sogenannten "nationalen Widerstand" instrumentalisiert. Der Düsseldorfer Künstler Alex Wissel zeigt nun, wohin diese nationalistische Lesart führen kann.

Georg Imdahl im Gespräch mit Maja Ellmenreich

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Der Künstler Alex Wissel steht vor einem Bild in seiner Ausstellung "Thymostraining" in der Sammlung Philara in Düsseldorf. (Sammlung Philara / Susanne Diesner)
Anglerhut und Bratwurstschnecke: der Künstler Alex Wissel in seiner Ausstellung (Sammlung Philara / Susanne Diesner)
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Das Hermanns-Denkmal in Detmold, das Niederwalddenkmal mit der Germania in Rüdesheim am Rhein und das Kyffhäuserdenkmal in Thüringen mit den beiden "Reichsgründern" Barbarossa und Wilhelm I.: Mit hintergründigem Humor widmet sich Alex Wissel in der Düsseldorfer "Sammlung Philara" diesen Denkmälern, die nach wie vor auch politische Pilgerstätten sind. Mit Bildern und Skulpturen geht der 36-Jährige in seiner Ausstellung "Thymostraining" den damaligen nationalen Kostümfesten in Künstlervereinen wie dem Düsseldorfer "Malkasten" nach, aus denen wiederum populäre Bilder hervorgingen: Germania, Friedrich Barbarossa, Hermann wurden dort als "Tableaux vivants" inszeniert. 

Gleichzeitig, so Kunstkritiker Georg Imdahl im Deutschlandfunk, zeige Wissel, wie die beliebten Touristenhotspots heute wieder in aktuelle politische Kontexte eingebunden werden - wenn etwa Björn Höcke und der rechtsnationale, sogenannte "Flügel" der AfD das Kyffhäuserdenkmal als Kulisse für regelmäßige Treffen und gleichsam als Trainingscamp für den vermeintlichen "Thymos" nutzen.

Eine Detail aus der Arbeit "Kyffhäusertreffen 2019" von Alex Wissel, zu sehen in der Ausstellung "Thymostraining" in der Sammlung Philara, Düsseldorf. Bild: Courtesy of the artist and Ginerva Gambino (Sammlung Philara / Bild: Courtesy of Alex Wissel and Ginerva Gambino) (Sammlung Philara / Bild: Courtesy of Alex Wissel and Ginerva Gambino)Die Thymos-Debatte
Eine Re-Emotionalisierung des Denkens und Handelns fordern seit einiger Zeit Autorinnen und Autoren, die der rechtspopulistischen und in Teilen rechtsextremen Partei AfD nahestehen. Eine zentrale Rolle spielen für sie nationale Symbole und Denkmale - und der vom griechischen Philosophen Platon eingeführte Begriff des "Thymos". Er kann laut "Historischem Wörterbuch der Philosophie" sowohl für den "leidenschaftlich-zornigen Affekt ('Wut', 'Jähzorn')" als auch für die "Bereitschaft und Entschlossenheit zum Kampf (Beherztheit, Mut)" stehen. In der aktuellen Debatte soll der "Thymos" als Argument gegen die allein verstandes- und vernunftgemäße Behandlung von Fragen und Problemen in der Gesellschaft dienen. Der ehemalige Assistent des Philopsophen Peter Sloterdijk und heutige AfD-Politiker Marc Jongen sagte 2016 der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", die Bundesrepublik sei arm an Wut und Zorn und leide an einer "thymotischen Unterversorgung". Dem hielt der in Basel lehrende Philosoph Gunnar Hindrichs in der Zeitschrift "Merkur" entgegen, wer wie Jongen zum Zorn aufrufe, wolle eine Gesellschaft verfeindeter Individuen schaffen: "Die Bemühung des Thymos bemüht den Bürger, der das Gemeinwesen zerstört."

Erkennungszeichen der Gegenwart

Mit Objekten und großen Buntstiftzeichnungen hält Wissel Pathos und Propaganda den Spiegel vor. Er bedient sich dabei auch zeitgenössischer Erkennungszeichen der Gegenwart wie des schwarz-rot-goldenen Anglerhütchens eines Pegida-Demonstranten, der sich als Mitarbeiter des Verfassungsschutzes herausstellte, oder des im Internet vertriebenen Straßenschilds mit Aufschrift "Merkelmussweg".

Damit, so Imdahl, schließe sich in ironischer Brechung ein historischer Kreis von der deutschen Reichsgründung bis zu einem heutigen Wiedererstarken nationaler Symbolik. Die gigantischen Attribute der Riesenskulpturen werden wieder auf das Körpermaß zurückgebildet. Eine Inschrift wie "meine Stärke, Deutschlands Macht" erinnere auch daran, dass solche obskuren Slogans heute wieder für Geschichtsbilder tauglich gemacht werden sollen - und wie hoffähig solcher Populismus aus dem 19. Jahrhundert wieder sei.

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