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StartseiteKultur heute"Den Umbruch gab es nur im Osten"03.10.2020

Ausstellung zur Wiedervereinigung"Den Umbruch gab es nur im Osten"

Der Alltag der deutschen Einheit ist Thema der Ausstellung „Umbruch Ost“, die der Leiter des DDR-Museums Stefan Wolle als Poster-Set konzipiert hat. Für die Menschen in Ostdeutschland sei der Umbruch "radikal und brutal" gewesen, sagte der Historiker - geprägt durch den Verlust von Lebens- und Arbeitswelten.

Stefan Wolle im Gespräch mit Anja Reinhardt

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Berlin: Der deutsche Denkmalsturz verläuft anders, als in den einstigen kommunistisch regierten osteuropäischen Ländern. Nach langen Verhandlungen, Absetzung von der Denkmalliste und gewissenhaften bautechnischen Vorbereitungen ging Lenins Kopf am 13.11.1991 wohlbehalten und sanft am Berliner Leninplatz zu Boden. Preußisch exakt zerlegt, soll das Denkmal des einstigen großen Revolutionärs in einer Kiesgrube zwischengelagert werden. (Bernd Settnik/ picture-alliance)
Behutsamer Umsturz: Das Lenin Denkmal hat nach der Wiedervereinigung ausgedient (Bernd Settnik/ picture-alliance)
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Schon vergangenes Jahr, bei der Rückschau auf den Fall der Mauer vor 30 Jahren, wurde deutlich, dass es zwischen Ost und West immer noch Brüche gibt. Von der Euphorie der ersten Wochen war schon nach spätestens anderthalb Jahren nicht mehr viel zu spüren, als zum Beispiel im Mai 1991 der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in Halle mit Eiern beworfen wurde. Arbeitslosigkeit, enttäuschte Erwartungen, das Vorgehen der Treuhand - das alles schaffte kein Vertrauen in ein gleichberechtigtes Zusammenwachsen. Auch nicht eine Politik und Wirtschaft, in der wichtige Posten mit Personal aus dem Westen besetzt wurden.

Vor allem aber seien vertraute Lebenswelten verlorengegangen. "Den Umbruch gab es nur im Osten", sagte der Historiker Stefen Wolle, der selbst in der DDR aufwuchs und studierte, im Gespräch mit dem Dlf. Ökonomische und berufliche Probleme seien die Folge gewesen. "Zwei Drittel der Bevölkerung erlebten eine berufliche Veränderung", so Wolle.

Arbeitsplatzverlust bedeutete Lebensweltverlust

Diese Veränderung sei für die Menschen im Osten "radikal und brutal" gewesen, da mit dem Verlust der Arbeitsstelle auch ein wichtiger Teil ihres Lebens weggefallen sei, erläuterte Wolle: "Die Arbeit hatte in der DDR einen höheren Stellenwert." Viele hätten ihre Arbeitsstelle nie gewechselt, seien von der Ausbildung bis zur Rente im gleichen Betrieb geblieben. "Da war viel angebunden, auch Kultur-Freizeit und Sozialeinrichtungen."

Der viel gepriesene soziale Zusammenhalt in der DDR sei aber vor allem der herrschenden Mangelwirtschaft geschuldet gewesen. Das Kollektiv sei nicht nur böse gewesen, sondern "war auch ein Schutzraum", betonte Wolle. Karriere zu machen, sei dagegen nicht so wichtig gewesen. Zumal man dazu auch in die Sozialistische Einheitspartei (SED) hätte eintreten müssen.

Mentale Einheit ist nicht notwendig

Trotz alle Widrigkeiten sei die "ökonomische Einheit auf einem guten Weg", glaubt Wolle. Und das sei auch ausreichend, "eine innere Einheit im Mentalen" sei gar nicht notwendig. "Wir brauchen Vielfalt und Föderalismus - das ist unsere deutsche Tradition. Dabei soll es bleiben, dabei wird es bleiben", betonte der Historiker. Er schätze den kulturellen Reichtum Deutschlands, der auch dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung groß sei und das Land ausmache: "Kultur gibt es auch in der Provinz."

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