Australien
Referendum für mehr Rechte von Aborigines

In Australien soll Ende des Jahres eine Volksabstimmung über die Frage stattfinden, ob Aborigines ein eigenes Gremium im Parlament erhalten sollen. Sportverbände unterstützen dieses Vorhaben. Diese Positionierung sorgt aber für viel Kritik.

Von Andreas Stummer | 09.07.2023
Aborigines führen während der Eröffnungszeremonie der Commonwealth Games 2018 an der Goldküste eine Raucherzeremonie im Carrara-Stadion durch
Bis heute sind die Aborigines parlamentarisch in Australien nicht vertreten. Die Ureinwohner werden von großen Teilen der weißen Mehrheit nach wie vor ausgegrenzt. Die meisten leben am Rand der Gesellschaft. (dpa / picture alliance / Mark Schiefelbein)
Australiens Spitzensport wollte ein Zeichen setzen. Ende des Jahres soll es eine Volksabstimmung darüber geben, ob Ureinwohner ein eigenes Gremium zur politischen Mitsprache erhalten sollen. Seit Ende Mai werben deshalb insgesamt 27 Verbände für die "Ja"-Kampagne der Regierung.
Die Aktion ging von der Abteilung für soziale Gerechtigkeit bei der AFL aus, der Australian Rules Football League – dem mächtigsten Sportverband des Landes. Man wolle niemandem sagen, wie sie abstimmen sollten, aber ein Zeichen für Werte setzen, die der AFL wichtig seien, hieß es. Die Kampagne wurde von früheren Sportgrößen unterstützt. Für die indigene AFL-Legende Michael Long ist die politische Anerkennung der Urbevölkerung in der australischen Verfassung längst überfällig. 
“Wir Aborigines kämpfen immer noch mit Dingen wie Lebenserwartung, Gesundheit und Bildung. Dabei leben wir im besten Land der Welt. So darf es nicht weitergehen. Deshalb heben wir unsere Hand, damit wir eine Stimme auf höchster Regierungsebene haben.“

Aborigines im Sport überdurchschnittlich vertreten

Nur etwa drei Prozent der Australier sind Aborigines, im Spitzensport aber sind es 15 Prozent. Seit jeher gehören indigene Athleten zur Sportelite des Landes, sind gefragte Werbeträger und Vorbilder für die Jugend. "Wir schauen auf zu all unseren Sportstars", sagt AFL-Fan Jim Moloney in Sydney. Von Rugby- oder Fußballspielern möchte er aber nicht belehrt werden. 
“Die können gut einen Ball kicken und sollten sich darauf konzentrieren zu gewinnen, das sind doch keine politischen Berater oder Verfassungsrechtler. Dieses Referendum spaltet uns nach ethnischer Herkunft. Beim Sport entscheidet auch nicht die Hautfarbe, wer das Team aufstellt. Warum soll das dann für die Arbeit der Regierung gelten?“

Viele lehnen das Referendum ab

Hier zeigt sich das Problem, das große Sportverbände wie die AFL haben. Bei einer Million Mitgliedern gibt es auch viele, die das Referendum ablehnen. Sollten sich die Verbände dann trotzdem so eindeutig positionieren? „Nein“, findet Bridget McKenzie, vor zwei Jahren noch Australiens Sportministerin in der damals konservativen Regierung. Sie kritisiert, dass die mehr als 20 Verbände der Kampagne offenbar zugestimmt hätten, ohne ihre Mitglieder zu fragen.
“Es gibt viele Vorbehalte, ob Athleten und Fans hinzugezogen wurden, bevor die einzelnen Sportverbände an die Öffentlichkeit gingen. In einem voll besetzten Stadion sind sich auch nicht alle einig. Ich werde mit 'Nein' stimmen. Und ich finde es beleidigend, wenn ich deshalb als Rassist gelte, dem es scheinbar egal ist, wenn sich das Leben der benachteiligsten Aborigines nicht verbessert.“

Bisher hat der Sport Australien immer vereint

Bisher hat der Sport Australien immer vereint. Seine Popularität wurde seit jeher benutzt: für einen guten Zweck, selbst zum Feiern von Gedenktagen. Niederknien gegen Rassismus, regenbogenfarbene Trikots für „Pride Month“ und ein spezieller Spieltag aus Respekt vor indigenen Athleten: Auch „Haltung zeigen“ ist in australischen Stadien nichts Neues. Diesmal aber seien die Verantwortlichen zu weit gegangen, glaubt der konservative Kommentator Chris Kenny, der eigentlich die „Ja“-Kampagne der Regierung unterstützt. Australier gingen ins Stadion, um Wettkampf und nicht um Wahlkampf zu sehen.
“Politik gehört nicht in Vereine. Sie haben Mitglieder mit völlig unterschiedlichen Ansichten. Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung. Aber jedem ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen, das geht gar nicht.“
Die öffentlichen Solidaritätsbekundungen der Sportverbände mit der Regierung hat bisher jedenfalls nicht die gewünschte Wirkung. Denn Umfragen zeigen: Seitdem wollen nur noch mehr Australier gegen das Referendum stimmen.