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StartseiteEuropa heuteAuswandern ins Baltikum12.12.2005

Auswandern ins Baltikum

Lettland, Litauen und Estland bieten Deutschen einen Neuanfang

Im vergangenen Jahr versuchten 150.000 Deutsche ihr Glück im Ausland, bevorzugt in den USA, der Schweiz und Österreich. Doch auch Lettland, Litauen und Estland rücken immer mehr in den Blickwinkel der Emigranten. Seit 1999 bietet der Verein für Erwachsenenbildung "Arbeit und Leben" in Hamburg dreimonatige Berufspraktika in den drei baltischen Staaten an. Agnes Bührig berichtet aus Riga.

Die lettische Haupstadt Riga: hohe Mieten bei 240 Euro Durchschnittslohn.  (AP)
Die lettische Haupstadt Riga: hohe Mieten bei 240 Euro Durchschnittslohn. (AP)

Ein heller Backsteinbau in einem Vorort von Riga. Im ersten Stock toben zwei Dutzend Sechsjährige durch den Raum. Hinten stehen Bauklötze, aufgetürmt zu einer Phantasielandschaft für kleine Autos. Im Nebenzimmer liegen ausgediente Poket-Kameras, daneben leere Schachteln von Kosmetikprodukten vor einem Spiegel. Lettische Frauen machen sich gern schick, das fängt schon bei den Kleinen an, hat Sandra Blumentritt beobachtet. Die 22-jährige Kindergärtnerin aus Brandenburg sammelt seit zwei Monaten Berufserfahrung in der lettischen Hauptstadt. Die Unterschiede zu Deutschland sind deutlich:

"Dass es sehr viele Kinder sind und dass die Öffnungszeit sehr lang sind, dass eine Erzieherin zwölf Stunden arbeitet am Tag, das ist halt anders, und die Kinder sind auch anders, die sind irgendwie offener und robuster. Wenn die mal hinfallen, die fangen nicht gleich an zu weinen, das habe ich halt mitgekriegt und dass die Erzieher halt aufgrund, dass es so viele Kinder sind, nicht so gucken können und dass es halt schon Mal passieren kann, dass die Kinder mit einer Schere durch die Gegend rennen, was in Deutschland halt nicht passiert."

240 Euro beträgt der Durchschnittslohn in Lettland. Um über die Runden zu kommen haben viele Kindergärtnerinnen zwei Jobs, hat Sandra Blumentritt festgestellt. Da ist Unterstützung durch die deutsche Praktikantin willkommen. Nach ihrer Ausbildung in Brandenburg war die 22-Jährige ohne Arbeit. Über das Internet erfuhr sie vom Projekt Leobaltica, das jungen Berufstätigen ein dreimonatiges Praktikum in Litauen, Lettland und Estland vermittelt. Zusammen mit acht anderen Deutschen machte sie sich auf den Weg nach Riga. Betreut wird sie dort vom lettischen Verband für Erwachsenenbildung, der vor gut 10 Jahren mit deutscher Unterstützung aufgebaut wurde. Zanete Jekabsone betreut das Projekt:

"Diese jungen Arbeitnehmer haben verschiedene Berufe. In diesem Jahre waren es sehr viele Ergotherapeuten, und jetzt kommen sehr viele Grafikdesigner oder Mediengestalter, auch Tischler, Kindererzieherin und Kauffrauen und Kaufmänner. Leute, die gerade ihren Ausbildungsabschluss gemacht haben oder in den letzten zwei Jahren eine neue Ausbildung angefangen und noch keine Arbeitserfahrung haben. Die kommen zu uns und machen hier diese Erfahrung. Sie erfahren wie der Arbeitsmarkt in Osteuropa ist."

Für die Praktikanten gibt es einen Monat Sprachunterricht, eine Unterkunft in einer Wohngemeinschaft und aus einem EU-Fonds 200 Euro Taschengeld pro Monat. Für manche Letten ist das ein ganzer Monatslohn. Die schwierigen Bedingungen auf dem lettischen Arbeitsmarkt treiben viele ins Ausland: Im ersten Halbjahr verließen 1400 der 2,4 Millionen Letten das Land. Gut ausgebildete Arbeitskräfte sind daher willkommen, betont Jekobsone:

"Manche Teilnehmer wollen hier bleiben. Und auch die Betriebe sagen, ja, wir nehmen sie gern, weil auch bei uns jetzt viele junge Leute weg gehen. Wir brauchen gute Fachleute. Aber es gibt noch zu viel Bürokratie. Wenn man nur an diese Verträge, Arbeitsverträge, denkt und diese Visa, wenn sie länger bleiben möchten. Es ist auch nicht so einfach, die Löhne sind t nicht sehr hoch, aber die Wohnung teuer. Das Leben in Riga ist sehr teuer."

Das hat auch Sandra Blumentritt erfahren. Ein Arbeitsangebot hätte sie zwar im Kindergarten. Mit dem lettischen Gehalt könnte sie sich in Riga aber kaum finanzieren, meint die Kindergärtnerin nachdenklich, während sie ihren Sprösslingen beim Malen assistiert. Und deshalb kehrt sie jetzt erstmal nach Brandenburg zurück, in die Ungewissheit. Was aber hat ihr das Praktikum gebracht für ihre berufliche Weiterentwicklung?

"Dass es meine Einstellung verändert hat, zu ausländischen Praktikanten. Also früher wusste ich nicht, was ich mit denen anfangen sollte und jetzt habe ich es am eigenen Leib miterlebt, wie schlimm das ist, wenn man halt nicht beachtet wird und wenn man die Sprache nicht versteht und wie dankbar man dann doch ist, wenn einer auf einen zu kommt und sagt, ja, komm mal mit, ich zeig dir das jetzt."

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