Auswanderungsverbot vor 80 JahrenWie das NS-Regime die Ermordung der Juden vorantrieb

Am 23. Oktober 1941 versendete das Reichssicherheitshauptamt einen geheimen Erlass. Die NS-Politik wurde damit radikal geändert: Ziel war nicht mehr die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung, sondern ihre Ermordung. Rund 160.000 noch in Deutschland lebende Juden hatten kaum noch eine Chance.

Von Otto Langels | 23.10.2021

Das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, ein schlichter grauer Bau, ist im Hintergrund zu sehen. Ein Weg führt dorthin.
Wo heute das Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors" steht, war in der NS-Zeit das Reichssicherheitshauptamt (IMAGO/McPHOTO)
"Berlin, den 23. Oktober 1941; Betrifft: Auswanderung von Juden. Geheim.
Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei hat angeordnet, dass die Auswanderung von Juden mit sofortiger Wirkung zu verhindern ist. Ich bitte, die in Frage kommenden innerdeutschen Behörden von dieser Anordnung zu unterrichten."
Dieser Erlass des Reichssicherheitshauptamtes, gezeichnet von Gestapochef Heinrich Müller, setzte das um, was Heinrich Himmler wenige Tage zuvor befohlen hatte. Die NS-Führung vollzog damit eine Kehrtwende in ihrer "Judenpolitik". Der Historiker Wolfgang Benz:
"Das war eine Zäsur in der Judenpolitik des nationalsozialistischen Regimes. Das ist ein harter Umschlag von der Diskriminierung, deren Ziel es war, die Juden aus Deutschland zu vertreiben."
Seit der Machtübernahme 1933 hatten die Nationalsozialisten alles getan, um der jüdischen Bevölkerung das Leben in Deutschland nahezu unmöglich zu machen: Berufsverbote, Boykott, Enteignungen, Entzug der Bürgerrechte, Terror.
Reichspräsident von Hindenburg und Adolf Hitler, winkend in einem Auto bei einer Jugendkundgebung im Lustgarten in Berlin. Postkarte aus der Weimarer Republik.
Neue Forschung - Geschichte ist nicht vorherbestimmt, aber auch nicht zufällig
Die NS-Diktatur hätte noch im Januar 1933 abgewendet werden können. Forschungen widerlegen die These, dass die deutsche Geschichte seit dem Kaiserreich zwangsläufig in den Faschismus führen musste.
Dem Ausreiseverbot gingen mehrere Verordnungen voraus. Im Mai 1941 untersagte Hermann Göring, von Hitler 1938 mit der sogenannten Gesamtlösung der Judenfrage beauftragt, der jüdischen Bevölkerung im besetzten Frankreich und Belgien die Auswanderung. Im Juli schrieb er an Reinhard Heydrich, den Chef der Sicherheitspolizei:
"Ich beauftrage Sie hiermit, alle erforderlichen Vorbereitungen zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflussgebiet in Europa. Ich beauftrage Sie weiter, mir in Bälde einen Gesamtentwurf zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen."
"Endlösung der Judenfrage" hieß in der Sprache der Nationalsozialisten nichts anderes als Ermordung.

Flucht wurde nahezu unmöglich

Zu dem Zeitpunkt konnten ohnehin nur noch wenige Jüdinnen und Juden Deutschland verlassen. Sichere Länder wie die USA, das britische Mandatsgebiet Palästina, Großbritannien oder Südafrika begrenzten die Aufnahme. Schanghai, einer der letzten Zufluchtsorte ohne Visumszwang, war seit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion fast unerreichbar.
Schließlich folgte die Kennzeichnungspflicht für alle Juden.
"Die Einführung des Judensterns im September 1941 ist natürlich unmittelbar im Zusammenhang mit der neuen Judenpolitik zu sehen. Jetzt sind sie ja öffentlich stigmatisiert, damit keine und keiner noch eine Fluchtmöglichkeit hat."
Lagerbegrenzung des KZ Sachsenhausen bei Berlin.
Holocaust-Erinnerung - "KZ-Gedenkstätten sind auch Zeitzeugen"
Erinnerung wach halten, auch wenn kaum noch Zeitzeugen leben – vor dieser Aufgabe stehen KZ-Gedenkstätten in den kommenden Jahren. Umso wichtiger werde das "topografische Gedächtnis", sagte Gedenkstätten-Leiter Axel Drecoll im Dlf.
Zeitgleich mit dem Ausreiseverbot begannen die systematischen Massendeportationen deutscher Juden in den Osten – gewissermaßen im Schatten des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion. Dort ermordeten seit dem Sommer 1941 Einsatzgruppen hinter der Front Hunderttausende von Juden. Der Krieg bot der NS-Führung die Gelegenheit, auch gegen die deutsche jüdische Bevölkerung vorzugehen.
Wolfgang Benz: "Dazu braucht es aber die Möglichkeit, den Raum, und das ist gegeben mit dem eroberten sowjetischen Territorium. Jetzt wollen wir sie vernichten, dazu müssen wir sie aber auch alle haben. Dazu das Verbot, dass sie auswandern aus Deutschland; der volle genozidale Impetus der NS-Rassenideologie: Jetzt wollen wir sie ausrotten."
Dies betrieb das NS-Regime mit einer Konsequenz, Radikalität und bürokratischen Perfektion, die nach dem Erlass vom 23. Oktober nur noch wenige Ausnahmen zuließ: "Lediglich in ganz besonders gelagerten Einzelfällen kann nach vorheriger Herbeiführung der Entscheidung des Reichssicherheitshauptamtes der Auswanderung einzelner Juden stattgegeben werden."
Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten Anfang 1933 lebten eine halbe Million Juden in Deutschland. Als der Erlass in Kraft trat, waren es noch circa 160.000.
Wolfgang Benz: "Die Juden, die sich noch in Deutschland befanden im Herbst 1941, das waren diejenigen, die kein Visum für irgendein Land bekommen hatten, die keine Aufenthaltserlaubnis für irgendein Land haben."
Im November 1941 verzeichnet die Statistik 114 ausgewanderte Jüdinnen und Juden, im Dezember nur noch 45. Mehreren tausend gelingt die Flucht oder sie überleben im Untergrund. Rund 150.000 werden ermordet.