Samstag, 01. Oktober 2022

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Autorin Saphia Azzeddine
Schwindelerregendes Spiel mit den Klischees

Die marokkanisch-französische Autorin Saphia Azzeddine hat als Einwanderin in Frankreich soziale Ausgrenzung, den Kampf gegen Benachteiligung und für einen Platz in der Gesellschaft selbst erlebt. In ihrem Roman "Mein Vater ist Putzfrau" zeigt sie das Leben in den Pariser Vorstadtgettos und den Versuch eines Jungen, dem zu entfliehen.

Von Cornelius Wüllenkemper | 26.05.2015

    Wohnblocks aus den 60er- und 70er-Jahren im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois
    Wohnblocks aus den 60er- und 70er-Jahren im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois (picture-alliance / Robert B. Fishman)
    "Wörter, die Angst machen, bei denen man sich bis auf die Knochen blamiert, wenn man ihren Sinn nicht kennt": für den 14-jährigen Paul aus der fiktiven Pariser Vorstadt Saint-Thiers-lès-Osméoles sind sie der Fahrschein hinaus aus dem Sozialghetto. Pauls Mutter ist gelähmt und verbringt ihre Zeit im Bett damit, zu zappen, Zeitschriften durchzublättern und Psycho-Tests über Sex und Liebe auszufüllen. Pauls Schwester hat wenige Ziele im Leben außer denen, einen der Schwarzafrikaner aus ihrem Wohnblock abzukriegen, Fachfrau für künstliche Fingernägel zu werden und den regionalen Schönheitswettbewerb zu gewinnen. Und Pauls Vater Michel arbeitet, wie der Titel des Romans bereits verrät, als Putzfrau.
    "Ich liebe meinen Vater, aber es fällt mir schwer, ihn zu bewundern. Wenn ich ihn sehe, ist er oft auf allen Vieren, und in dieser Position fehlt es ihm zwangsläufig ein bisschen an Größe."
    Pauls Familie stammt ursprünglich aus der bretonischen Provinz. Dort wohnten sie mit der ganzen "schweinischen Sippschaft" im baufälligen Haus der Großvaters, verbittert von Armut und Enge. Doch damit nicht genug. Von seinem Onkel wird Paul brutal missbraucht, was er allein deswegen verschweigt, weil seine Mutter ihm nicht glauben und sein Vater Michel den Onkel umbringen würde. Als Pauls Vater schließlich eine Anstellung in der Pariser Vorstadt angeboten wird, scheint alles bereit zur Flucht aus der Hölle. Doch leider wird auch daraus nichts.
    "Sie haben einen Araber genommen, um die Quote zu erfüllen. Diese Quote, die beweist, dass du die Araber im Grunde genommen ganz gern hast. Meinen Vater hatte man nicht besonders gern. Es sprach auch nicht besonders viel für ihn, ehrlich gesagt."
    Jetzt hilft Paul seinem Vater Michel nach der Schule beim Putzen. In Pariser Büroräumen, in denen die anderen ihre Karriere durchziehen, in den Discos der jeunesse dorée, oder in der Bibliothek, in der die Werke der großen Autoren stehen, Michel de Montaigne, Primo Levi oder Gustave Flaubert.
    "Ich habe gelernt, dass ein Mann sich 400 Seiten Zeit lassen kann, um einer Frau zu sagen, dass er sie liebt. 400 Seiten vor dem ersten Kuss, 300 vor einer Umarmung, 200 um es zu wagen, sie anzusehen, 100, um es sich einzugestehen. In Zeiten, wo man eine SMS verschickt, wenn man Lust zum Vögeln hat, finde ich das außergewöhnlich, schwindelerregend, verrückt, unfassbar, extravagant, wahnsinnig, grandios ... So war das, beim Putzen habe ich Wörter gelernt. Immerhin..."
    Jede Woche lernt Paul beim Abstauben ein neues Wort. Nicht nur, um die Mädchen in der Schule zu beeindrucken, sondern auch, um Stück für Stück die unsichtbare Wand abzutragen zwischen ihm selbst und denen, die Erfolg haben werden im Leben.
    Autorin Saphia Azzeddine:
    "Pauls Vater Michel lässt nicht locker und ermuntert seinen Sohn zu einer ordentlichen Ausbildung. Auch das wird ihm zwar keinen Arbeitsplatz sichern, aber zumindest kann er so den Leuten später in die Augen blicken und wird die Sprache sprechen, die sie verstehen. Mehr kann er seinem Sohn nicht liefern. Er kann nicht mit einem Zauberstab die unsichtbaren Grenzen einreißen, die bewirken, dass du es immer schwerer haben wirst, wenn du von unten kommst."
    Spiel mit Klischees und Voruteilen
    In "Mein Vater ist Putzfrau" berichtet Saphia Azzeddine, wie sie selbst sagt, aus eigener Erfahrung. Mit neun Jahren zog sie mit ihren Eltern von Marokko nach Frankreich, wo ihr Vater fortan als Schneider arbeitete. Spätestens seit der preisgekrönten Verfilmung ihres Romans, bei der Azzeddine selbst Regie führte, hat sie den Sprung in die Gesellschaftskreise geschafft, die den Protagonisten ihres Romans verschlossen bleiben. Dabei spielt sie umso genüsslicher mit allen Klischees und Vorurteilen über die Parallelwelt der Banlieues, ein grob diskriminierender Sprachgebrauch inklusive.
    "Oft geht es um den sozialen oder den ethnischen Hintergrund, um das Äußere, um Behinderungen, die Hautfarbe oder die Größe. Ich erinnere mich gut daran, wie weh das tun kann. Als ich klein war, sagte man mir sehr unschöne Dinge, und zwar wirklich unschön, und nicht so wie das, was man heute in TV- oder Kinofilmen hört. Das war grob, böse und dazu gedacht, wehzutun. Ich wollte das weder beschönigen, noch mir diesen Humor verbieten. Es herrscht ein Wettbewerb der Witze und der Wörter. Ich bediene mich bei der Sprache dieser Jugendlichen, denn sie sagt viel aus."
    Bei der Museumsführung im Stadtzentrum erfährt Paul, dass er qua Herkunft nichts von Kunst verstehe. In der Schule lernt er ein Bildungssystem kennen, dem die republikanischen Werte nur als Feigenblatt dienen. Als "kleiner, weißer, hässlicher Franzose" ist auch er selbst Opfer der gesellschaftlichen Spaltung. In der Parallelwelt der Banlieue will Paul abwechselnd Jude, Muslim oder einfach "reicher amerikanischer Jugendlicher" sein, je nach dem, was am meisten Halt und Anerkennung verspricht.
    "Ich kenne Viertel, in denen einem irgendetwas sagt, dass man nicht wollkommen ist. Und das bleibt bis ans Lebensende. Auch wenn Paul am Ende etwas aus sich macht, bleibt es an ihm kleben. Wenn sie nicht das richtige Äußere haben – und ich spreche nicht nur von Schwarzen, Arabern oder Roma – wenn sie ein Prolo sind, wenn sie nicht den Richtigen Look haben, dann sind sie an vielen Orten bis heute nicht willkommen. Dann sagt man sich schnell: 'im Museum habe ich nichts verloren', oder 'In dieses Restaurant passe ich nicht'."
    Pauls Suche nach Identifikation und Identität beschreibt Saphia Azzeddine mit einer gewissen Lust an der Provokation und manchmal überschäumender Fabulierwut. Natürlich darf und soll eine Romansatire Realitäten phantasieren und persiflieren. Azzeddines Protagonist erscheint allerdings abwechselnd frühreif reflektiert und dann wieder unglaubwürdig naiv, so manche Handlungsvolte wirkt geradezu grotesk. Am Ende erkennt Paul Stück für Stück, dass Sprache Gedanken formt, und Gedanken das Leben formen können. Sein Abitur schafft er dennoch nur, indem er gegenüber seiner unnachsichtigen Lehrerin die Röntgenbilder eines an Krebs erkrankten Bekannten als seine eigenen ausgibt. Als Gesellschaftssatire hinterlässt Azzeddines Roman einen schalen Nachgeschmack der Albernheit.