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StartseiteBüchermarktBesser wird's kaum18.06.2021

Bachmann-Preis Tag zweiBesser wird's kaum

Auch an Tag zwei der 45. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt war das Niveau durchwachsen. In der Jury um Vorsitzende Insa Wilke bahnt sich ein Konflikt an. Positiv überraschten zwei Schriftstellerinnen: Anna Prizkau und Verena Gotthardt.

Von Christoph Schröder

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"45. Tage der deutschsprachigen Literatur", "Ingeborg Bachmann Preis 2021." Am 20. Juni wird in Klagenfurt am Wörthersee der 45. Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben. Die Tage der deutschsprachigen Literatur 2021 finden vom 16. bis 20. Juni im ORF-Theater statt.Im Bild: Verena Gotthardt. SENDUNG: 3sat - SO - 20.06.2021 - 11:00 UHR. - Veroeffentlichung fuer Pressezwecke honorarfrei ausschliesslich im Zusammenhang mit oben genannter Sendung oder Veranstaltung des ORF bei Urhebernennung. Foto: ORF/LST Kärnten/Sima Prodinger. Anderweitige Verwendung honorarpflichtig und nur nach schriftlicher Genehmigung der ORF-Fotoredaktion. Copyright: ORF, Wuerzburggasse 30, A-1136 Wien, Tel. +43-(0)1-87878-13606 (LST Kärnten)
Positive Überraschung: Verena Gotthardt (LST Kärnten)

Kontrovers diskutiert, aber von der literarischen Qualität nicht eben herausragend zeigten sich die Texte auch an Tag zwei des Klagenfurter Wettbewerbs. Zur Eröffnung las der 1985 geborene Leander Steinkopf eine Geschichte mit dem Titel "Ein Fest am See", danach fragend, ob das alte Spiel mit der ironischen Decouvrierung eines Milieus durch ein Mitglied desselben nicht mittlerweile ausgespielt sein könne. Steinkopfs Protagonist ist ein mittelalter Mann, der zur Hochzeit seiner Ex-Freundin anreist, in der Tasche eine Zigarre, im Kopf eine Menge Wut und Verachtung für die Gesellschaft, in die er da hineinkommt.

Im Schneidersitz hocken sie selbst gebrautes Bier trinkend auf der großen Rasenfläche vor einer Villa am See und warten auf die Trauung, während der Ich-Erzähler seinen selbst gekauften Whisky trinkt und mit Ekel auf das vegane Büffet schaut, das vor ihm aufgebaut wurde. Sehr viele Hülsenfrüchten wie er missbilligend feststellt. Die Jury konnte sich zum Teil sogar mit Steinkopfs Text anfreunden, merkte aber in Person von Mara Delius an, dass der Text auch in einem Hochglanzmagazin hätte veröffentlicht werden können.

Ideal der Literatur erfüllt

Einen komplett anderen Tonfall schlug die 1986 in Moskau geborene Anna Prizkau in ihrem Beitrag "Frauen im Sanatorium" an. In einer dezidiert parataktischen Sprache erzählte Prizkau, Redakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, von einer jungen Frau, die sich in einer Heilanstalt aufhält und deren Erinnerung zurückgeht an die Ankunft ihrer Familie in Deutschland, nach der es heißt, nun habe man endlich eine Zukunft. Doch die Familie zerbricht; der Vater brennt mit der Sprachlehrerein durch; Mutter und Tochter sind in einem Verhältnis miteinander verbunden, das sich durchaus auch als psychische Missbrauchserfahrung lesen ließe.

Prizkau verbindet geschickt diverse Motivebenen miteinander zu einem geschlossenen, atmosphärisch schlüssigen System, in dem die Jury unterschiedliche Vorzüge entdeckte, aber auch Kritik anbrachte: Während Philipp Tingler, der Prizkau zum Wettbewerb eingeladen hatte, sein Ideal von Literatur verkörpert sah, merkte Klaus Kastberger an, ob der Text einem nicht deshalb bedeutsam vorkommen könne, weil er Leerstellen lasse, die er gar nicht füllen könne.

Es wurde aggressiver

Die Jurydiskussionen sollten im Verlauf des Tages noch wesentlich aggressiver werden. Doch ging man mit dem Beitrag der 1996 in Klagenfurt geborenen Lokalmatadorin Verena Gotthardt ausgesprochen sanft und freundlich um, und das zurecht, denn Gotthardt war die positive Überraschung eines alles in allem erneut eher enttäuschenden Bachmannpreis-Tages. "Die jüngste Zeit" ist ein nahezu handlungsfreier Text, in dem sich Beschreibungen von Bildern und Fotografien aus der Familiengeschichte der Erzählinstanz aneinanderreihen. Ein klassischer Topos, angesiedelt in einem ländlichen Raum.

Es geht um Almhütten und Kindheitserinnerungen an Großtanten und Onkels, um Waldgänge, Kuhglocken und Kartoffelklopse. Stilistisch ungewöhnlich, verzichtet Gotthardt in ihrer Erzählung kalkuliert an vielen Stellen auf Verben, was dem Text in seinen besten Momenten einen geradezu Peter Kurzeck-ähnlichen Sog verleiht, auch wenn dieser in der etwas defensiven Art von Gotthardts Vortrag ein wenig verloren ging. Kein perfekter Wettbewerbsbeitrag, aber ein impressionistischer und imponierender Versuch, das Vergehen der Zeit und das Verschwinden der Menschen in ihr in Sprache zu fassen.

Allegro Pastell als Referenz

Bereits am ersten Lesetag hatte sich angedeutet, dass unterschiedliche Bewertungsparameter im Hinblick auf die Beiträge innerhalb der Jury für Spannung sorgen würden. Die entlud sich dann in einer zum Teil polemisch geführten Debatte anlässlich des Textes des 1987 geborenen Schweizers Lukas Maisel. Es geht um zwei junge Menschen, die sich über die Dating-App Tinder kennen lernen, um die Unverbindlichkeit von Beziehungen, um die Reflexionshintergründe der Millennials. Leif Randt und dessen im vergangenen Jahr erschienener Roman "Allegro Pastell" wurde als Referenzgröße ins Spiel gebracht – davon ist Lukas Maisel, der mit seinem "Buch der geträumten Inseln" 2020 einen beachtlichen Debütroman vorgelegt hat, zumindest in diesem Text qualitativ weit entfernt. Der Vorwurf des Jurors Philipp Tingler, Kritiker des Beitrags hätten diesen schlicht nicht verstanden (ein in den vergangenen beiden Tagen unerfreulicherweise reihum oft vorgebrachter Einwand) gipfelte in dem Argument, dass "die Leute da draußen" sich für das Thema durchaus interessierten. Ja, mag sein. Nur vielleicht nicht, wenn es so behandelt wird.

Konflikt bahnt sich an

Zum Abschluss des zweiten Lesetages zog der 1958 in Graz geborene Fritz Krenn noch einmal alle Register der performativen Möglichkeiten. Krenn hatte bereits 1992 das 3sat-Stipendium beim Bachmannpreis gewonnen, und angesichts mangelnder Alternativen dürfte seine satirisch aufgeladene Literaturbetriebsstudie "Mr. Dog" auch in diesem Jahr durchaus Preischancen haben. Krenn erzählt darin vom Besuch eines Schriftstellers bei einer "großen Staatsschriftstellerin", die sich angesichts der äußeren Umstände als Christa Wolf identifizieren lässt und deren Grundstück von einem aggressiv wirkenden Hund bewacht wird. Doch die Gatekeeper-Metapher ist glücklicherweise nicht der originellste Einfall Krenns, dessen Text im weiteren Verlauf durchaus einnehmende sprachliche und historische Volten schlägt.

Der Wettbewerb wird am Samstag ab 10 Uhr mit vier weiteren Lesungen fortgesetzt. Den Abschluss der 45. Tage der deutschsprachigen Literatur wird von Nadine Schneider gesetzt, die als eine der Favoritinnen gilt und die im vergangenen Jahr mit "Drei Kilometer" einen überzeugenden und mehrfach ausgezeichneten Debütroman vorgelegt hat. Bereits nach dem zweiten Lesetag allerdings lässt sich feststellen, dass der Jahrgang 2021 als einer der schwächeren gelten wird und auch, dass die Jury unter dem Vorsitz der am zweiten Tag souverän agierenden Insa Wilke mit der österreichischen Schriftstellerin Vea Kaiser eine neue Jurorin in ihren Reihen hat, die ihre persönlichen Empfindungen als kritischen Maßstab absolut setzt. Hier bahnt sich ein Konflikt an, der sich nicht von selbst wieder einpendeln dürfte.

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