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StartseiteCampus & KarriereWerkschullehrer proben den Aufstand16.01.2018

Baden-WürttembergWerkschullehrer proben den Aufstand

Sie fühlen sich zu wenig wertgeschätzt, unterbezahlt und als Lehrer zweiter Klasse: Deshalb haben 13 von 37 Pädagogen der Bismarckschule in Stuttgart-Feuerbach ihre Versetzung an eine andere Schule beantragt. Aussicht auf Erfolg hat ihr Antrag aber wohl nicht.

Von Thomas Wagner

Leerer Klassenraum bei einem Lehrerstreik  (dpa/picture-alliance/ Peter Endig)
Leerer Klassenraum bei einem Lehrerstreik (dpa/picture-alliance/ Peter Endig)
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Pause in der "Bismarckschule" in Stuttgart-Feuerbach. Die rund 300 Mädchen und Jungen besuchen die Klassen eins bis zehn; die "Bismarckschule" ist eine "Werkrealschule", also eine Art Hauptschule, die aber zusätzlich auch den mittleren Bildungsabschluss, die 'mittlere Reife', anbietet.

"Also für mich ist es der wundervollste Schultyp, den es gibt. Ich bin für meine Kinder, die ich auch 'meine Kinder' nenne, nicht einfach nur Lehrerin, die vorbeikommt und ihnen etwas beibringt. Es sind wirklich kleine Familien, die sich da bilden. Man ist Fürsorger, Betreuer, Freund. Man hat so viele Möglichkeiten, für diese kleinen Menschen neues Selbstwertgefühl zu entwickeln. Es sind so viele Aufgaben, die uns am Herzen liegen, für die wir wirklich brennen - wir sind alle passionierte Werkrealschullehrer."

Jennifer Kolar ist eine von 37 Lehrerinnen und Lehrern der Bismarckschule. Die Arbeit dort ist für sie viel mehr als ein Job. Und trotzdem: Jetzt will sie weg...

"Wir haben uns alle gemeinsam beraten und dazu entschlossen, Versetzungsanträge weg von dieser Schule zu stellen, um in die Qualifizierungsmaßnahme für A 13 geraten zu können."

So sehr sie ihre Arbeit auch schätzen - Jennifer Kolar und ein Dutzend weiterer Kollegen fühlen sich auf dem bildungspolitischen Abstellgleis. Denn: Lehrerinnen an Haupt- und Werkrealschulen werden nach der Besoldungsstufe A 12 vergütet. Das bedeutet eine Einstiegsvergütung von knapp über 3.200 Euro. Nur über die Teilnahme an einem Programm zur pädagogischen Weiterbildung könnten sie die nächste Besoldungsstufe A 13 erreichen, was monatlich zwischen 400 und 600 Euro mehr ausmacht.

Lehrer zweiter Klasse

Die Sache hat allerdings einen Haken. Denn das Qualifizierungsprogramm steht nur denjenigen offen,

"Die an Realschulen oder an Gemeinschaftsschulen tätig sind schon. Und wir, die wir an Werkrealschulen tätig sind, wurden nicht berücksichtigt. Für uns gibt es keine Möglichkeit, aus dieser Schulart raus qualifiziert zu werden. Und deshalb unser Versetzungsantrag an eine Real- oder Gemeinschaftsschule, um eben diese Chance auf Qualifizierung zu bekommen."

Eine Chance, die ihnen an der Werkrealschule verwehrt bleibt, klagt Ann-Kathrin Schmidt, ebenfalls Lehrerin an der Bismarckschule.  Irgendwie, so ihr Kollege Jürgen Maus, fühle man sich dadurch als Lehrer zweiter Klasse:

"Natürlich ärgert das uns, weil wir dadurch das Gefühl vermittelt bekommen, dass wir von oberen Stellen wenig gewertschätzt werden, dass wir weniger Wert sind, als die Kollegen an anderen Schularten."

Pädagogen benötigen besondere Kenntnisse

Daher der Antrag auf Versetzung, den gleich ein Drittel des gesamten Kollegiums gestellt hat. Dass sie bei höherer Besoldung und Qualifizierung grundsätzlich unberücksichtigt bleiben, empfinden die betroffenen Lehrer der Stuttgarter Bismarckschule vor allem deshalb als unfair, weil gerade sie als Pädagogen einer Werkrealschule besondere Kenntnisse einbringen müssen. So verweist Werkrealschul-Lehrer Philipp Ellwanger zum Beispiel darauf:

"20 Prozent unserer Schülerschaft sind in der Inklusion."

Zur Integration von Schülern mit Behinderung in den Unterricht, die an sich schon ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl verlangt, kommen noch eine Reihe weiterer Anforderungen hinzu, ergänzt Jennifer Kolar.

"Wir haben teilweise sechs bis sieben Schüler pro Klasse, die einen besonderen Leistungsbedarf haben. Ich muss selber eine andere Einstellung zum Lernen haben im Umgang mit diesen Schülern. Ich muss mehr Zeit haben. Ich brauche eine intensivere Auseinandersetzung, muss stärker diagnostizieren zu können, um individuell fördern zu können. Das wird nicht gesehen, nicht anerkannt, nicht wertgeschätzt."

Daher also die Anträge auf Versetzung, deren Chancen auf Genehmigung allerdings überschaubar sein dürften.

"Wir gehen davon aus, dass unser Antrag auf Versetzung aufgrund des Lehrermangels nicht stattgegeben wird", so Jürgen Maus. Wichtig sei aber gewesen, auf die Problemlage an sich aufmerksam zu machen.

"Wollten ein Zeichen setzen"

"Wir wollten es einfach nicht auf uns sitzen lassen und es nicht einfach mit uns machen lassen. Wir wollten ein Zeichen setzen und vielleicht Lehrer an anderen Schulen inspirieren und nachher da rausgehen und sagen können: Wenigstens haben wir nicht Nichts gemacht."

Immerhin befinden sich in Baden-Württemberg nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft rund 4.000 Lehrerinnen und Lehrer in einer vergleichbaren Situation wie das Kollegium der Stuttgarter Bismarckschule. Dort denkt man über weitere Schritte nach, um doch noch an die Möglichkeit zur Weiterqualifizierung und damit zu höherer Besoldung zu kommen - beispielsweise mit einer Online-Petition.

Auch erste Kontakte zu Landtagsabgeordneten haben die Lehrer der Bismarckschule schon geknüpft. Allerdings:

"Das Feedback war eher enttäuschend. Es interessieren halt Zahlen, aber nicht die pädagogische Leistung, die wir hier erbringen. Es interessieren für die Haushaltsdebatte die Zahlen - und das war es. Aber man hat sich zumindest geäußert und kundgetan, was unserer Meinung nach im Bildungssystem ganz, ganz arg schief läuft."

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