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BahnstreckenSchienenverkehr soll leiser werden

Weil Verkehrslärm krank machen kann, müssen bei neuen Verkehrsprojekten die Auswirkungen auf Anwohner geprüft werden. Doch was ist bei Bahnstrecken zu tun, die teilweise über 100 Jahre alt sind? Darüber, wie die Bahn leiser werden kann, wird bei einer Veranstaltung von Bundesumweltministerium und der "Allianz pro Schiene" diskutiert.

Von Dieter Nürnberger | 01.07.2014

Ein teilweise mit neuartigen, sogenanten "Flüsterbremsen" ausgerüsteter Zug der Deutschen Bahn (DB) fährt im Hauptbahnhof in Bingen am Rhein zur Lautstärke-Messung an einem Mikrofon vorbei.
Zug der Deutschen Bahn fährt zur Lautstärke-Messung an einem Mikrofon vorbei (dpa picture alliance / Fredrik von Erichsen)
Das Problem von lärmenden Bahnen ist natürlich für die Betroffenen, die Anwohner der Bahnstrecken, schon seit Langem ein Ärgernis. Und die Politik nimmt nun auch langsam Fahrt auf, das Problem anzugehen. Grob gesagt: Bis 2020 - so die Vorstellungen auch im Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD auf Bundesebene - soll zumindest eine Halbierung des Lärmpegels, der von den Bahnen ausgeht, erreicht werden.
Das Problem Lärm müsse gelöst werden
Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg - und der Veranstalter des Projektes "Plattform Leise Bahnen", das ist die "Allianz pro Schiene", betonte heute Vormittag in Berlin deshalb auch die Notwendigkeit der Maßnahmen, um eben die Akzeptanz für den Bahnverkehr, der immerhin als der klimafreundlichste Verkehrsträger gilt, zu verbessern. Ins gleiche Horn blies denn auch Jochen Flasbarth, der Staatssekretär im Bundesumweltministerium - das prognostizierte steigende Verkehrsaufkommen in Deutschland sei am besten über die Bahn abzuwickeln. Deshalb müsse das Problem Lärm hier gelöst werden:
"Wir werden die Potenziale der Schiene im Güterverkehr nicht erschließen können, wenn wir mit der Bahn nicht leiser werden. Das ist sonst ausgeschlossen. Die Menschen fühlen sich heute schon zu einem erheblichen Maße von Schienenlärm belastet. Für 13.700 Kilometer Haupt-Eisenstrecken ist das in Deutschland kartiert worden: Das zeigt, dass 605.000 Menschen ganztags durch Schienenlärm oberhalb von 65 Dezibel belastet sind. Das ist wirklich enorm. Und nachts sind es 1,4 Millionen Menschen oberhalb von 55 Dezibel."
Die Lärmentwicklung wird in der Maßeinheit Dezibel angegeben - und zum Vergleich: Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht in der Nacht Lärmgeräusche von über 40 Dezibel als gesundheitsgefährdend für die Menschen an.
Einsatz von Flüsterbremsen
Das Ganze ist natürlich auch eine technische Frage: Bislang verursachen vor allem die herkömmlichen gusseisernen Bremsen der Züge die höchsten Lärmpegel. Bei der künftigen Lärmvorsorge sollen vor allem die sogenannten Flüsterbremsen zum Einsatz kommen. Die immerhin sind nun massentauglich - sagt zumindest Martin Schmitz, er ist Geschäftsführer Technik beim Verband Deutscher Verkehrsunternehmen:
"In den vergangenen zehn Jahren sind neue Kunststoffbremsen entwickelt worden - Kunststoffsohlen. Die verhindern das laute Aufrauen der Oberflächen. Das führt zu einem leiseren Rollen. Problematisch ist, dass die ersten entwickelten Sohlen nicht einfach so nachrüstbar waren. Da musste man die komplexen Brems-Sätze austauschen. Das führte zu hohen Kostenbelastungen. Die Entwicklung der neuen Sohlen hat nun zu einem Eins-zu-Eins-Austausch geführt. Dies ist wirtschaftlich machbar. Seit 2013 auch vom EBA zugelassen."
Das EBA ist das Eisenbahn-Bundesamt.
Laute Züge mit alter Technik sollen verschwinden
Der Katalog der möglichen Maßnahmen ist recht breit gefächert: Lärmschutz entlang der Strecken spielt natürlich eine Hauptrolle - also beispielsweise der Einbau von Lärmschutzfenstern für die Anwohner oder auch Lärmschutzwände an den Trassen. Mittelfristig sollen jedoch auch die lauten Züge mit alter Technik verschwinden. So gibt es seit dem Fahrplanwechsel 2012/2013 auch die Einführung lärmabhängiger Trassenpreise durch die Deutsche Bahn Netz AG. Für alte, lautere Züge wird seitdem ein Aufschlag erhoben. Martin Schmitz vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen.
"Die DB hat jetzt mit der Bundesregierung ein Trassen-Preis-System verändert, es ist nun auch lärmabhängig. Und mit dieser Gesetzgebung zur Marktbeeinflussung versucht man, die Wagen entsprechend umzurüsten - auf die leiseren Sohlen."
Mit diesem Bündel an Maßnahmen - direkter Lärmschutz vor Ort, neue Bremstechniken und auch einem Anreizsystem für leisere Züge - will man das Problem angehen. Bis 2020 sind es zwar noch 6 Jahre. Aber einzelne Akteure denken auch schon über weitere Schritte nach - beispielsweise Jochen Flasbarth, der Staatssekretär im Umweltministerium:
"Wenn bis 2016 - über die ja nicht unerhebliche Förderung, die wir bereitstellen - nicht mindestens die Hälfte des Waggonparks mit leisen bremsen ausgerüstet ist, dann kommen auch ordnungsrechtliche Maßnahmen in Betracht. Um Änderungen zu erbringen."
Daran hört man, dass die Politik das Problem nun wirklich ernsthaft angehen will. Mit dem Ordnungsrecht könnten Unternehmen auch gezwungen werden, leisere Technik oder Züge einzusetzen. Die Politik steht also im Wort, den Lärmpegel der Bahnen bis 2020 zu halbieren.