Mittwoch, 08.07.2020
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteForschung aktuellTumore haben ein ganz spezifisches Mikrobiom29.05.2020

Bakterien und KrebsTumore haben ein ganz spezifisches Mikrobiom

Ob im Darm, in der Nase, oder in der Lunge – überall bildet der Körper Gemeinschaften mit Bakterien, so genannte Mikrobiome. Neue Untersuchungen zeigen, dass auch Tumore eigene Mikrobiome besitzen, die sie vor Chemotherapie schützen. Diese Erkenntnis ermöglicht neue Ansätze in der Krebsforschung.

Von Christine Westerhaus

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Kolorierte Aufnahme eines Lungen-Tumors unter dem Rasterelektronenmikroskop (imago stock&people)
Kolorierte Aufnahme eines Lungen-Tumors unter dem Rasterelektronenmikroskop (imago stock&people)
Mehr zum Thema

Schwindende Bakterienvielfalt Eine Arche für das Mikrobiom

Frühes Mikrobiom Wie sich Bakterien im Darm etablieren

Mikrobiom Unliebsame Mitbewohner im Darm

Mikrobiom Unliebsame Mitbewohner im Darm

Wie so oft in der Forschung war auch diese Entdeckung eher ein Zufall. 2012 wies Ravid Straussman nach, dass so genannte Stroma- oder Stützzellen in einem Tumor einen Einfluss darauf haben, ob eine Chemotherapie wirkt oder nicht. Erst später entdeckte der Forscher vom Weizmann Institut in Israel gemeinsam mit seinen Kollegen, dass nicht die Stromazellen selbst dafür verantwortlich waren. Die Zellen waren von so genannten Mykobakterien infiziert. Und diese hatten den Tumor vor dem zerstörerischen Angriff der Chemotherapie geschützt.

"Wir konnten nachweisen, dass die Mikroben die wirksamen Substanzen in den Medikamenten abbauen und inaktivieren. Deshalb waren wir sehr daran interessiert herausfinden, ob solche Bakterien auch in anderen Tumorarten leben, welche Mikroben es sind, wo sie sich aufhalten und welche Rolle sie spielen."

Jede Krebsart besitzt spezifische Mikroben

Die Forscher untersuchten nun insgesamt 1500 Tumoren, die von Brust-, Lungen- und fünf weiteren Zellarten gebildet wurden. Dabei entdeckten sie, dass jede Tumorart ein spezifisches Mikrobiom, also eine charakteristische Bakteriengemeinschaft beherbergte. Außerdem stellten Straussman und sein Team mit aufwändigen Methoden sicher, dass die Bakterien in den Proben keine Verunreinigungen waren. Warum jede Krebsart spezifische Mikroben enthält, ist bislang unklar. Doch Straussman und sein Team haben Hinweise dafür gefunden, dass die Bakterien Krebszellen nicht nur vor Medikamenten schützen.

"Wir haben vorläufige Ergebnisse aus unserem Labor, die zeigen, dass die Mikroben im Tumor die körpereigene Abwehr, also das Immunsystem modulieren. Wir vermuten, dass sie den Krebszellen dabei helfen, dem Immunsystem auszuweichen. Und gleichzeitig werden auch die Mikroben dadurch nicht von den Abwehrzellen erkannt. Es ist also eine win-win Situation für Bakterien und Krebszellen."

Möglicherweise verbünden sich die Mikroben also mit den Krebszellen und bilden gemeinsam eine Festung, die den Tumor vor den Angriffen des Immunsystems schützt. Über die krebsspezifischen Bakterien würde sich damit ein neues Einfallstor für Behandlungsmöglichkeiten bieten. Beispielsweise könnten spezifische Antibiotika dazu führen, dass die Krebszellen empfindlicher auf eine Chemotherapie reagieren.

Das Mikrobiom hat Einfluß auf die Tumortherapie

"Wir und andere Forscher haben inzwischen gezeigt, dass diese komplexe Mikroumgebung eines Tumors einen entscheidenden Einfluss darauf hat, wie gut Krebszellen auf eine Chemotherapie ansprechen. Ich denke, es wird immer deutlicher, dass Bakterien ein wichtiger Bestandteil dieses Tumor-Ökosystems sind. Und wahrscheinlich haben sie einen Einfluss darauf, welche Therapie wirkt. Je mehr wir darüber wissen, umso besser können wir Patienten behandeln."

Vielleicht erklärt der Einfluss der Bakterien auch, warum manche Krebspatienten gut auf eine Immuntherapie ansprechen und andere nicht. Bei einer solchen Behandlung wird das Immunsystem der Patienten "scharf" gemacht, damit es die Tumorzellen von sich aus angreift und unschädlich macht. Doch diese Therapie wirkt nicht bei allen Patienten. Warum, war bislang unklar.

"Wir haben in einer Studie zwei Gruppen von Patienten mit Hautkrebs verglichen. Bei manchen wirkte die Immuntherapie, bei anderen nicht. Wir haben gesehen, dass es bei beiden Gruppen Unterschiede in der Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaften in den jeweiligen Tumoren gab. Jetzt sind wir dabei zu erforschen, in welchen Bakterienstämmen sich beide Gruppen unterscheiden und wie diese Mikroben möglicherweise die Reaktion des Tumors auf die Immuntherapie beeinflussen."

Möglicherweise finden die Forscher darunter auch Bakterien, die Krebszellen anfälliger für eine Immuntherapie machen. Das wäre ein Segen für viele Patienten. Denn wenn diese Behandlung anschlägt, ist sie meist sehr effektiv.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk