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StartseiteKultur heuteBankrotte Opern und Dauerstreiks04.08.2010

Bankrotte Opern und Dauerstreiks

Zum kulturpolitischen Desaster in Italien

Unterfinanzierte Museen, bankrotte Opern, systematische Verblödung durch monopolisiertes Fernsehen: Italien steht kulturpolitisch am Abgrund. Noch einen Schritt näher könnte ein neues Gesetz führen, dass drastische Kürzungen des Etats für Opern und Orchester durchsetzt.

Von Thomas Migge

Mailänder Scala (AP Archiv)
Mailänder Scala (AP Archiv)

"Meine Musiker und ich sind sehr beunruhigt, weil Italien vergisst, dass es ein kulturelles Erbe besitzt, das gehegt und gepflegt werden muss. Der Belcanto ist in Italien entstanden! Keine musikalische Institution kann ohne staatliche Gelder auskommen! Unsere politischen Institutionen verfügen nicht über die nötige Sensibilität angesichts unserer Kultur."

Bruno Cagli, Musikhistoriker und Präsident der Accademia di Santa Cecilia, ist ärgerlich. Und mit ihm der Dirigent Zubin Metha vom Florentiner Festival Maggio Fiorentino, Scala-Intendant Stephane Lissner, Ricarrdo Muti und viele andere Künstler und Theaterdirektoren.

In zahlreichen Städten Italiens gehen seit der Verabschiedung des heftig umstrittenen Gesetzes zur Reform der Musiktheater Bühnenarbeiter, Theaterangestellte, Künstler und Intendanten auf die Straße. Sie demonstrieren und streiken seit Wochen gegen das Operndekret. Aufführungen fallen am laufenden Meter aus. Betroffen sind jetzt Italiens Sommerfestivals.

Kulturminister Sandro Bondi kann die Aufregung nicht nachvollziehen: mit dem Gesetz, erklärt er, werde endlich Ordnung in die öffentlichen Ausgaben für den Musikbereich gebracht:

"Ich habe versucht, hier eine Revolution einzuleiten. Der staatliche Fonds für die Musiktheater wird gekürzt. Damit soll die Eigeninitiative der Theater gefördert werden. Die Sponsorensuche und das Einsparen. Ich will den Kulturmachern doch nur helfen."

Helfen mit der Kürzung der Ausgaben für Konzert- und Opernhäuser: Die staatlichen Ausgaben sanken in diesem Jahr von rund 500 auf circa 300 Millionen Euro jährlich. Die Folge: Viele Theater stehen vor dem finanziellen Aus. Wie zum Beispiel das Teatro Carlo Felice in Genua. Das mit zwölf Millionen Euro verschuldete Haus wird aufgrund der Kürzungen wahrscheinlich schließen müssen. Ein Teil des Personals wurde bereits entlassen. Auch andere Opernhäuser drohen mit solchen radikalen Lösungen, stecken doch auch sie in der Kreide. Der Grund für die Schulden: In den letzten Jahren gaben die Intendanten zu viel Geld aus - in der Hoffnung, dass das Kulturministerium, die Regionen und Städte irgendwann die Rechnung begleichen würden. Was aber in fast allen Fällen nicht geschah.

Auch bei den Festivals herrscht jetzt Katzenjammer. Dazu Vincenzo de Vivo, künstlerischer Leiter des Festivals Pergolesi in Jesi. Dort wollte man anlässlich des 300. Geburtstages des Komponisten bis Jahresende dessen sämtliche Werke aufführen:

"Das sollte ein ganz großes Projekt werden. Alle Opern in Szene gesetzt, mit den besten italienischen und französischen Barockspezialisten. Der Staat hatte uns die Finanzierung zugesichert, will jetzt aber nicht zahlen. So fällt das Festival nun aus. Und das angesichts eines so wichtigen Künstlerjubiläums."

Im Italienischen sagt man: Fare un passo piu lungo della gamba - einen Schritt tun, der länger als das Bein ist. Genau das haben viele Theater- und Festivaldirektoren in der Vergangenheit gemacht. Sie planten ihre Saison, engagierten Künstler, Regisseure und Musiker, wie im Fall des Pergolesi-Festivals, und hofften, dass der Staat sich schon irgendwie finanziell darum kümmern würde . So wuchsen an vielen Opernhäusern zum Teil enorme Schuldenberge an.

Kulturminister Bondi will, und das ist gar nicht mal falsch, dass Intendanten und Festivalmacher endlich lernen, mit dem Geld zu wirtschaften, dass ihnen auch tatsächlich zur Verfügung steht und ihnen vom Staat, den Regionen und Städten garantiert wird. Doch der Kulturminister scheint zu übersehen, dass der Staat seine Ausgaben für die so genannte ernste Musik inzwischen so drastisch zusammengestrichen hat, dass in vielen Fällen ohne weitere Finanzmittel eine qualitativ gute Programmplanung nahezu unmöglich geworden ist.

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