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StartseiteBüchermarktJetzt erst recht!31.05.2021

Barbara Frischmuth: "Dein Schatten tanzt in der Küche"Jetzt erst recht!

Die Österreicherin Barbara Frischmuth liebt eigenwillige Frauenfiguren, die sich nicht unterkriegen lassen. Und genau das tun auch die fünf Heldinnen ihrer neuen Erzählungen nicht. Alle fünf hatten große Pläne - und alle fünf sind damit schuldlos gescheitert. Aber aufgeben? Niemals!

Von Eva Pfister

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Buchcover: Barbara Frischmuth: „Dein Schatten tanzt in der Küche. Erzählungen" (Buchcover: Aufbau Verlag, Hintergrund IMAGO / Westend61)
Wie macht man als gestrauchelte Frau weiter? Davon erzählen Frischmuths Geschichten (Buchcover: Aufbau Verlag, Hintergrund IMAGO / Westend61)
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Fünf Erzählungen mit fünf Heldinnen, die auf den ersten Blick wenig Heroisches vorzeigen können. Und doch ist ihr Überlebenswille und der Mut, mit dem sie ihren Weg gehen, bewundernswert. Denn das Schicksal hat es nicht gut mit ihnen gemeint, manche bleiben nach leidvollen Erfahrungen allein zurück. Die österreichische Autorin Barbara Frischmuth beschreibt ihre Heldinnen voll Empathie, aber auch lakonisch und unsentimental. In der Erzählung "Enkelhaft" bricht sie das Klischee der einsam verlassenen Frau gleich im ersten Abschnitt:

"Leo war zu einer anderen Frau gezogen, nach 25 Jahren. Kein Schmerz, der sie lähmte, keine Anklage, keine Verlassenheit, eher Erleichterung. Ein Sich-Dehnen und Strecken bei verminderter Schwerkraft."

Hinter den kargen Sätzen und dem undramatischen Tonfall verbirgt sich ein ungewöhnliches Schicksal. Agnes kommt aus Ungarn und aus prekären Verhältnissen. Ihr Ehemann Leo hatte ihr gerne vorgehalten, dass er sie "aus der Gosse" geholt habe. Auch deswegen ist sie über das Alleinsein erleichtert. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sich Agnes frei und unabhängig.

Endlich allein und unabhängig

Dann aber lädt ihre Tochter den Sohn ihres neuen Geliebten bei der Mutter ab, damit sie ein paar Tage ungestört Urlaub machen kann. Nur widerwillig kümmert sich Agnes um den fremden Jungen. Als er sich aber nach der Schule verspätet, wird sie von Ängsten überwältigt. Was ist mit ihm geschehen? Und wieso geht ihre Tochter nicht ans Telefon? Kann es sein, dass ihr gerade dasselbe widerfährt, wie Agnes selbst als junger Frau? Als sie in Ungarn verführt, missbraucht und zur Prostitution gezwungen wurde?

Die Erzählung "Enkelhaft" nimmt einen glücklichen Ausgang, anders als die Geschichte "Kein Engel vor meiner Tür". So heißt ein Film, in dem die Schauspielerin Amelie die einzige Hauptrolle ihres Lebens gespielt hat. Aber das ist lange her. Seit ihr Sohn mit seiner Frau und dem Enkel im Urlaub ums Leben gekommen ist, lebt Amelie ganz zurückgezogen. Bis sie eines Tages vor dem Bild steht, das sie als junge Schauspielerin zeigt, und sich plötzlich gegen das Gefühl auflehnt, ihre Zeit hinter sich zu haben:

Neustart als Schauspiel-Diva

"Meine Zeit heißt nicht irgendeine Zeit in meinem Leben. Meine Zeit heißt das ganze Leben. Ich weiß, was Veränderung bedeutet, aber auch das Veränderte geschah und geschieht in meiner Zeit, zumindest solange ich lebe. Und ich will leben. Ein Leben leben, das es mir wert ist, gelebt zu werden."

Mit neuem Elan zieht sich Amelie das Kostüm aus ihrem erfolgreichen Film an und geht ins Kaffeehaus frühstücken: ein Diven-Auftritt als Aufbruch in eine neue Zeit, den die Autorin mit leiser Ironie beschreibt – und scheitern lässt.  

Der Tod spielt in diesem Buch von Barbara Frischmuth eine große Rolle, und das liegt nicht nur am fortgeschrittenen Alter mancher Protagonistin. Oft wird ein Todesfall zum entscheidenden Wendepunkt, nach dem das Leben nicht mehr wie gewohnt weitergehen kann. So auch in der Erzählung, "Die Rötung der Tomaten im Winter", die mit dem Tod eines ungeborenen Kindes beginnt und mit dem tödlichen Unfall seiner jungen Mutter endet, die gerade erst eine neue glückliche Beziehung begonnen hat.

Diese Geschichte erzählt die Autorin zuerst aus der Sicht der Frau, danach aus der Perspektive des vorherigen Partners. Dadurch macht sie deutlich, wie weit zwei Liebende voneinander entfernt sein können, wenn sie ihre Probleme und ihre Vergangenheit voreinander geheim halten, und dass sie damit ihrer Beziehung keine wirkliche Chance geben.

Vom Trauma eingeholt

Und auch in Frischmuths Titelgeschichte "Dein Schatten tanzt in der Küche" steht ein tragischer Todesfall am Anfang. Darya flieht mit ihrem Geliebten Adnan aus Syrien und muss miterleben, wie er bei der Überfahrt in der Ägäis ertrinkt. Als sie völlig traumatisiert in Österreich ankommt, spricht Darya zwar noch ihre Muttersprache Englisch, hat aber die Erinnerung an ihre Vatersprache Arabisch ebenso verloren wie die an den Namen ihres Geliebten Adnan.

Dennoch integriert sich Darya gut und arbeitet in einer Nachmittagsbetreuung für Grundschüler. Dort trifft sie auf einen Flüchtlingsjungen, der Gedichte schreibt. Als sie aber hört, dass sein Name Adnan ist, zerbricht ihre Schutzhülle und die Erinnerung überwältigt sie:

"Sie spürte das Wasser wieder, das damals in sie eingedrungen war. Als sie bei dem Satz ankam, den Adnan gerade geschrieben hatte, sagte sie ihn sich laut vor, damit er nicht gleich im Tohuwabohu ihrer Vorstellungen und Wahrnehmungen verschwand. 'Dein Schatten tanzt in der Küche' stand da, mit einem blauen Stift geschrieben. …
Darya wollte … etwas dazu sagen, aber es schien ihr nicht und nicht zu gelingen. Und als sie endlich den Mund aufmachte, war es auf Arabisch: Was meinst du mit 'Dein Schatten'?
Adnan lächelte, unsicher, in welcher Sprache er ihr antworten sollte, dann sagte auch er auf Arabisch: Meine Mutter. Ich möchte, dass sie tanzt und nicht immer traurig ist."

Adnan, so kommt heraus, ist der Sohn ihres Geliebten, der seine Familie, von der Darya nichts wusste, bei der Flucht vorausgeschickt hatte. Diesen Verrat kann die junge Frau nicht mehr verkraften. Auch ihre Geschichte lässt Barbara Frischmuth tragisch enden. Und doch erzählt sie, wie in den anderen Texten dieses Buches, vor allem von weiblichem Lebensmut und Behauptungswillen.

Barbara Frischmuth: "Dein Schatten tanzt in der Küche". Erzählungen
Aufbau Verlag, Berlin. 224 Seiten, 19.50 Euro.

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