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StartseiteBüchermarktNöte eines Kunstsammlers12.04.2019

Barbara Zeman: "Immerjahn"Nöte eines Kunstsammlers

Was tun, wenn die gesammelte Kunst überhand nimmt? Der verschrobene Millionenerbe Gotthold Immerjahn hat in Barbara Zemans Debütroman die Idee, seine Mies-van-der-Rohe-Villa zu einem Museum umzubauen. Dabei kommt er ins Grübeln - nicht nur über seine Kunstsammlung. Erzählt wird das mit großem Einfallsreichtum.

Von Melanie Weidemüller

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Die Schriftstellerin Barbara Zeman und ihr Roman „Immerjahn“ (Cover Hoffman & Campe Verlag, Autorenportrait  (c) Judith Stehlick)
Neue Literaturstimme aus Österreich: Barbara Zeman (Cover Hoffman & Campe Verlag, Autorenportrait (c) Judith Stehlick)
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Es ist schon seltsam, wenn eine 37-jährige Frau als neues Wunderkind der Literatur gefeiert wird. Die Österreicherin Barbara Zeman reagiert auf den Medientrubel um ihren Debütroman sympathisch gelassen und selbstironisch. Ironie (die Verächter seien hiermit gewarnt) ist auch der Grundton ihres Romans mit dem schlichten Titel "Immerjahn". Es ist der Name der Hauptfigur, ein steinreicher, verschrobener Fabrikanten-Erbe und Kunstsammler Anfang fünfzig, der auf den verdächtig musealen Vornamen "Gotthold" hört.

Ein Millionär namens Gotthold

Seit dem Tod der Eltern lebt Gotthold Immerjahn in einer mit Kunst und Antiquitäten vollgestopften Mies-van-der-Rohe-Villa auf dem sogenannten Hagebuttenberg, dem Familienanwesen der Immerjahns. Jüngst hat Gotthold beschlossen, seine millionenschwere Kunstsammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und das Erdgeschoss der Villa zum Museum umzubauen; bis zum Eröffnungstermin bleiben knappe zwei Wochen.

Und während man sich als Leser noch fragt, warum uns diese seltsam antiquierte Story um einen dekadenten Milliardär interessieren sollte, nimmt einen die Autorin mit ihrer suggestiven Erzählstimme gefangen. Hinter Barbara Zemans eleganten Satzgirlanden lauern Abgründe, die Dialoge funkeln böse, subversiver Witz steckt noch im unschuldigsten Detail. "Geld macht nicht glücklich", wie viel poetischer klingt diese Binsenweisheit in ihrer Prosaversion aus der Hagebuttenberg-Perspektive:

"Keine Sekunde in ihrem Leben hatten sie alle für dieses obszöne Vermögen gearbeitet, und es war schwieriger, es zu verprassen, als diese immense Menge von Geld und Wertpapieren zu immer bedrückenderen Bergen anwachsen zu sehen, (...) wie sie Tag für Tag sein ganzes Haus überschwemmte, ins Reflexionsbecken sich ergoss, die Steinwiesen überzog und den ganzen Hagebuttenberg unter sich zum Verschwinden brachte. Und irgendwo unter dieser Masse lagen Benedickt sen., Benedickt jun. eingegraben, würde Immerjahn liegen, denn wo so viel Geld war, war genug Platz für viele schöne Gräber."

Tod, Kunst, Erotik und Geld sind Leitmotive in Barbara Zemans hintergründiger Immerjahn-Saga; Witz ist ein nicht unerheblicher Teil des Lektürespaßes. Durch die Villa geistern allerlei schräge Nebenfiguren, tote und lebendige: das Gespenst des Großvaters mit der unvorstellbar kostbaren Sammlung russischer Ikonen und die mondäne Großmutter Etel, die so viel mehr Stil hatte als die Mutter, ein ehemaliges Mannequin, das mit dem Vater eine verkorkste offene Ehe führte. Die Haushälterin Frau Manzur kocht opulent, wenn sie nicht gerade heimlich am Küchentisch aus Obst, Gemüse und pittoresk angewelkten Blumen in stundenlangen Sitzungen flämische Stillleben nachbaut. Immerjahns Ehefrau Katka ist ein unergründliches Wesen, das wie eine Katze durch das Haus streicht, manchmal tagelang verschwunden ist und ständig im Internet neue Kleider und Schuhe ordert.

Absurde Menge an Kunstwerken

"Immerjahn hatte gelesen, sich Dinge zu kaufen sei Substitut für Religion, Ausdruck von Angst und großer, blind machender Leere. Man konnte sich Dinge kaufen gegen die Angst. Katka kaufte Kleider und er Bilder."

Kokoschka, Malewitsch, Van Gogh, Lehmbruck, Francis Bacon – Immerjahn häuft Gemälde in absurder Menge an, die ihn bald langweilen, bis auf wenige Werke, deren Intensität ihn immer noch zu fesseln vermag:

"Er liebte die Art, wie Paula Modersohn-Becker Farben verwendete. Sie machte ihn hungrig. Sie konnte Obst malen oder Gemüse oder eine Wiese im Moor oder auch Gesichter, egal, wie mies ihm zumute war, er wollte essen, sich die Welt einverleiben, wenn er das sah. Ihre Farben, so dicht und stark, pastos, ein Leuchten noch aus dem hintersten Waldkiesel heraus."

Barbara Zeman hat ihrem Protagonisten genug Ambivalenz mitgegeben um seinen Fall interessant zu machen, und bald erweist sich ihr Roman als höchst zeitgenössisch: Gotthold Immerjahn verkörpert die Tragik des dekadenten weißen Mannes, der mit seinem Reichtum und exklusiven Geschmack die innere Leere nicht zu füllen weiß. Die schillernde Spezies des Kunstsammlers, der gleichermaßen von Besitzstreben, Erlebnishunger und geistigem Interesse getrieben wird, eignet sich bestens für Zemans philosophisch-psychologische Betrachtung. Aber es wäre billig, würde hier nur ein Exempel statuiert. Vielmehr liefert Zeman eine kenntnisreiche, einfühlsame Reflexion über Kunst und ihre Funktion – als Statussymbol, Projektionsfläche, als Surrogat für gelebtes Leben, vor allem aber als Schule des Sehens. Dabei gelingt etwas Zauberhaftes: Barbara Zeman beschreibt Menschen, Dinge, Kunstwerke so bildhaft und detailversessen, als würde sie mit Wörtern malen.

"Katka hatte die Hände hinter dem Kopf auf das Kissen gelegt. Er betrachtete ihre Ellenbogen, die Innenseite ihrer Oberarme, dann die Achseln, sie hatte sich länger nicht rasiert, aber das machte nichts, er mochte diese Haltung, sie lag oft so da, wenn er mit ihr schlief, wenn er mit ihr geschlafen hatte, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Der Stoff des Kleides spannte über ihren Brüsten, eine Brustwarze schimmerte durch den Stoff, oder war es eine Falte, die der Stoff dort warf, und er stand auf und ging zu ihr."

Kritik an kapitalistischer Kulturindustrie

Allein wegen solcher Bildhaftigkeit lohnt die Lektüre, doch erst die intellektuelle Herausforderung verleiht dem Roman Substanz. Als tragische Figur verdient dieser Immerjahn boshaften Spott und Empathie gleichermaßen. Nicht nur sein Museumsprojekt droht zu scheitern; mit der Erkenntnis, dass er sich in seiner Frau und seinem besten Freund getäuscht hat, zerrinnt ihm sein gesamtes Leben in Zweifeln. Was nach typischer Midlifecrisis klingt, ist tatsächlich weit mehr: der Sinnverlust und die Verlorenheit eines Mannes, dessen Zeit abgelaufen ist, vielleicht immer schon abgelaufen war. Über die gesellschaftlichen Zusammenhänge macht der schwerreichen Kunstsammler sich durchaus Gedanken – bemerkenswert antikapitalistische:

"Der Kapitalismus machte ihn melancholisch. So viele Abschiede brachte er mit sich, von Hunderten Dingen, die man wegwarf, ohne sie im Geringsten gebraucht zu haben. (...) Er mutmaßte, vielleicht sei er so traurig, weil er die Bilder, die ihm nicht mehr gefielen, nicht wegwarf, so wie man es sonst auch mit jeder Sache machte. Holm sagte, dass Pasolini sagte, die Bourgeoisie zerstöre in ihrer güterseligen Dummheit jede Kultur. Die repressive Herrschaft des Konsums höhle Köpfe und Herzen und Seelen aus, bis ein Heer von gleichförmigen hohlen Menschen bleibe, die, um überhaupt zu existieren, fröhlich ihren Besitz um sich präsentierten."

Vielleicht gäbe es sogar noch eine weitere Lesart von Zemans komplexem Helden und spätberufenen Museumsgründer, diesem Gotthold Immerjahn mit seiner Van-der-Rohe-Villa, seinem Van-de-Felde-Schreibtisch und seiner letztlich stockkonservativen Kunstsammlung, in der zeitgenössische Werke fehlen: Ist die einst progressive Kunst- und Architektur-Moderne nicht längst selbst ein Museum? "Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden", dieser Satz von Karl Marx geht dem Protagonisten einmal durch den Kopf – er könnte auch, ganz unironisch, als Motto über seinem Leben stehen.

So bleibt zusammenzufassen: Barbara Zemans Debütroman "Immerjahn" wirft ästhetische und soziale Fragen auf, vor allem aber ist er wegen einer starken Erzählstimme lesenswert, bis ins originelle Detail. Servietten fliegen durch die Luft wie "übergewichtige Konfetti", auf dem Wurstbrot an der Imbissbude liegen rote Zwiebelringe, die Immerjahn betrachtet "wie Kreise, die das Sinken eines Steins auf der Wasseroberfläche begleiten". Solche Formulierungen muss dieser Autorin erst mal jemand nachmachen.

Barbara Zeman: "Immerjahn"
Hoffmann & Campe, Hamburg 2019. 288 Seiten, 22 Euro

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