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StartseiteForschung aktuellDer treppensteigende Rollstuhl24.11.2020

BarrierefreiheitDer treppensteigende Rollstuhl

Jede Stufe und erst recht jede Treppe kann für Rollstuhlfahrer und -fahrerinnen zum unüberwindbaren Hindernis werden. Zwei Forschungsgruppen wollten dieses Problem lösen. Aber nur eine hat ihren Rollstuhl bis zur Marktreife gebracht.

Von Claudia Doyle

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Der treppensteigende Rollstuhl des Schweizer Unternehmens Scewo. (Scewo)
Der treppensteigende Rollstuhl des Schweizer Unternehmens Scewo. (Scewo)
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Das Leben ist voller Hindernisse. Erst recht für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Für sie sind die Stufen am Eingang zum Restaurant genauso ein Problem wie Bordsteinkanten oder Treppen. Ein Abendessen auswärts, ein Ausflug in die Stadt oder der Familienurlaub müssen daher oft akribisch geplant werden. "Da ist immer diese Abklärerei. Ich muss immer schauen, wie komme ich dahin? Gibt es eine Treppe? Gibt es einen Absatz?", sagt Michael Hartmann aus dem schweizerischen Rheintal.

Der Familienvater leidet an einer seltenen Muskelerkrankung, der sogenannten Bethlem-Myopathie. Ein Gendefekt führt dazu, dass seine Muskeln immer schwächer werden und er inzwischen nur noch schlecht laufen und keine Treppen mehr steigen kann. "Was als nächstes ansteht: Meine Tochter geht ins Gymnasium und da ist Elternabend und die haben keinen Lift in dem Gebäude. Und weißt du, die Leute sind dann zum Teil gar nicht vorbereitet. So: 'Scheiße, Rollstuhl! Was, der kann nicht Treppen gehen?' Also nicht bösartig, aber einfach nicht dran gedacht."

Rollstuhl und Autositz in einem

Selbst wenn Rollstuhlfahrer mit einem eigens umgebauten Auto noch selbst Autofahren können, stehen sie oft vor dem Problem, dass sie ohne fremde Hilfe nicht ein- oder aussteigen können. Bernhard Wolf, emeritierter Professor von der Technischen Universität München, wollte genau dieses Problem angehen. "Der Rollstuhl sollte nicht nur als Rollstuhl benutzt werden, sondern auch als interaktionsfähiges Gerät, dass man es auch als Fahrersitz im Auto benutzen kann. Das hieß, er sollte sich auch über die Schwelle, die ja jedes Auto hat, hinüberheben können und dann die Position des Fahrersitzes einnehmen, damit der Mensch in einem Zug von der Straßenbewegung auf die Fahrbewegung im Auto umsteigen kann."

Damit das klappt, musste der Rollstuhl in der Lage sein, Hindernisse zu überwinden. Bernhard Wolf und seine Mitarbeiter bauten also einen Prototypen ihres treppensteigenden Rollstuhls. Zwei große Räder, in der Mitte absenkbare Füße, die den Rollstuhl samt Fahrer Stufe für Stufe nach oben heben können. Im Prinzip funktioniert das Ganze. Doch seit drei Jahren verstaubt das Modell in den Räumen der Universität. Denn der Ingenieur braucht für die Weiterentwicklung unbedingt einen Partner aus der Industrie.

"Nur ein Modell"

"Wir hatten verschiedene interessante Kontakte auch zu großen Automobilhersteller", erklärt Bernhard Wolf. "Die Automobilhersteller sind dann im Rahmen der Schwierigkeiten, die sie bekommen haben, ein bisschen vorsichtig geworden und haben das zunächst zurückgestellt. Die Kontakte, die wir hatten, aus einem anderen Bereich, waren zwar sehr euphorisch, haben aber noch viel Entwicklungsbedarf gesehen, denn es ist ja nur ein Modell."

Der treppensteigende Rollstuhl der TU München hat zwischen den Rädern zwei "Beine" versteckt. (Uli Benz / TU München)Der treppensteigende Rollstuhl der TU München hat zwischen den Rädern zwei "Beine" versteckt. (Uli Benz / TU München)

Das Projekt stagniert also. Anders sieht es bei dem jungen Start-up Scewo aus der Schweiz aus, das ebenfalls seit Jahren an einem treppensteigenden Rollstuhl forscht. Die Idee dazu stammte aus einem Uni-Seminar, einer Kooperation von Studenten der ETH Zürich und der Züricher Hochschule der Künste. Die Maschinenbauer kümmerten sich um Hard- und Software, die Designer um ein ansprechendes Äußeres.

"Das war dann ein Team von zehn Studenten die eigentlich den ersten Prototypen gebaut haben", erklärt Tabita Rüegg, die sich heute um Marketing und Kommunikation für den treppensteigenden Rollstuhl der Firma Scewo kümmert. "Damit gingen sie ja dann raus, es gab ein Video, das in kürzester Zeit viral ging. Dann hat man eigentlich erkannt, dass da irgendwo doch Potential steckt. Es gab dann auch die ersten Leute, die da angerufen haben und gefragt haben, wo man diesen Rollstuhl bestellen kann."

Umschalten auf Raupenantrieb

Motiviert durch das positive Feedback auf den Prototypen entschieden sich drei Studenten dazu, eine Firma zu gründen und den Rollstuhl weiterzuentwickeln. Dabei stand von Anfang an fest, dass er wie ein Segway-Roller nur auf zwei Rädern fahren soll. Mit Hilfe von Ultraschellsensoren erkennt der Rollstuhl Treppen oder andere Hindernisse. Dann schaltet er auf Raupenantrieb um. Zwischen den großen Rädern senken sich zwei Förderbänder ab, darauf gleitet der Rollstuhl die Treppe hinauf oder hinunter. Doch wie genau steuert man das? Michael Hartmann, einer der ersten Kunden, erklärt es.

"Wenn du runter fährst, dann fährst du 50 cm vor die Treppe, aktivierst den Treppenmodus. Dann fährst du auf die Treppe los und muss dann halt noch überprüfen ob er sie erkannt hat oder nicht. Visuell oder mit Tönen zeigt er dir das an. Dann fährst du einfach runter. Wenn du die Treppe rauf fährst, dann musst du quasi rückwärts rauffahren."

Kein Ersatz für barrierefreies Bauen

Hält man den Rollstuhl an, sorgen kleine Stützräder für zusätzliche Stabilität. Genau wie bei modernen Autos auch, verfügt das Gefährt außerdem über eine Rückfahrkamera, damit man immer weiß, was hinter einem los ist. 36.000 Franken kostet das Gerät zurzeit, also gut 33.000 Euro. Krankenkassen erstatten die Kosten zurzeit nach Einzelfallprüfung, manchmal aber nur anteilig. Das Interesse sei dennoch groß, sagt Tabita Rüegg. Schließlich ermögliche der Rollstuhl den Kunden, freier und selbstbestimmter durchs Leben zu fahren. 

"Es sind oftmals nicht die großen Treppen oder die langen Treppen. Dort hat es irgendwo immer einen Lift. Sondern es sind einzelne Stufen vor einem Restaurant oder vor einem Einkaufsladen, die halt das Hindernis im Alltag werden. Und wir sagen auch: Es braucht weiterhin barrierefreies Bauen. Aber wir sagen auch, dass wir mit unserem Gerät einen Teil dazu beitragen können."

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