Bartholomäus Grill zum Blick auf Afrika"Afrika wird entweder unterschätzt oder romantisiert“

Das Verhältnis Afrikas zum Rest der Welt werde endlich neu bewertet – von den Stimmen des Südens, sagte der Journalist Bartholomäus Grill im Dlf. Wir brauchten einen realistischeren Blick auf den Kontinent, ein gerechteres Wirtschaftssystem und seriösere Berichterstattung auch zur Flüchtlingsproblematik.

Bartholomäus Grill im Gespräch mit Anja Reinhardt | 24.10.2021

Karte des Kontinents Afrika auf einem Puzzle-Globus mit den einzelnen Staaten in unterschiedlichen Farben.
„Das Verhältnis Afrikas zum Rest der Welt wird neu bewertet“, sagte der Journalist Bartholomäus Grill im Dlf (imago images / Arnulf Hettrich)
Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Tsitsi Dangarembga und erst kürzlich die Bekanntgabe des diesjährigen Literaturnobelpreises für Abdulrazak Gurnah aus Tansania - jahrzehntelang wurde Afrika bei wichtigen internationalen Kulturpreisen mehr oder weniger ignoriert, stattdessen stand der Kontinent als Problem im Fokus. Politisch oder wirtschaftlich instabile Staaten, Kriege, Krankheiten – über Afrika wird oft im Problemmodus gesprochen. Auch in Bezug auf die Corona Pandemie.
Der Ausschnitt aus einer Reproduktion des "Katalanischen Atlas" von 1375 zeigt den König von Mali, Mansa Musa, auf einem Thron sitzend
Afrikas Geschichte
Bei afrikanischer Geschichte denken wir an die Wiege des Homo sapiens, an Pharaonen, an die Kolonialzeit. Aber was ist mit den Jahrhunderten dazwischen? Im Mittelalter herrschten in Afrika mächtige Könige. Dass wir von ihnen nichts wissen, liegt am kolonialen Geschichtsverständnis.

Klischees über Afrika

Der Journalist und Buchautor Bartholomäus Grill versucht seit den Achtzigerjahren immer wieder, mit seinen Reportagen gegen die klischeehaften Bilder anzuschreiben, unter anderem mit seinem neuen Buch "Afrika! Rückblicke in die Zukunft eines Kontinents". Klischees gebe es aber nicht nur in Bezug auf die Probleme, sondern auch auf die positiven Seiten, sagte er im Dlf: "Es gehört auch zum klassischen Wahrnehmungsmodus Afrikas, dass man diesen Kontinent romantisiert oder auch überschätzt oder irgendwie jüngst als Zukunftskontinent bezeichnet, als Kontinent der unendlichen Möglichkeiten. Das ist im Grunde nur das Gegenbild zu diesem düsteren Afrikabild, das man zeichnet", so Grill. Es brauche Berichterstattungen, die möglichst viele Sichtweisen einbezögen und auf tiefgehenden Recherchen beruhten. Im schnellen digitalen Zeitalter werde es allerdings immer schwerer, sich die notwendige Zeit zu nehmen und lange Berichte unterzubringen.

"Angst vor Migrantenflut blanker Unsinn"

Ein großes Problem sieht Bartholomäus Grill auch in der Angst der Europäer vor den Flüchtlingsströmen aus Afrika. Die Politik der europäischen Staaten bestehe darin, die "Festung Europa" zu stärken und die Außenmauern immer weiter nach Afrika hinein zu verlagern. Dabei sei die Angst vor einer riesigen Migrantenflut "blanker Unsinn". Seriösen Migrationsforschern und -forscherinnen zufolge liege Mitte des 21. Jahrhunderts der Anteil afrikanisch-stämmiger Menschen in Europa bei zwei bis drei Prozent und nicht bei 150 oder 200 Millionen oder ähnlichen Schreckensszenarien. "Diese angstgetriebenen Prognosen bestimmen auch das politische Handeln", so Grill.
Und auf der anderen Seite bekämen wir vom Leid flüchtender Menschen innerhalb Afrikas kaum etwas mit. Solche Nachrichten erzeugten keine Quote und würden entsprechend schnell verschwinden. Gerade auch in der Corona-Pandemie habe sich gezeigt, dass wir uns immer selbst am nächsten sind – und die Afrikaner und Afrikanerinnen wie üblich hintenüberfallen. "Der südafrikanische Präsident Ramaphosa hat von einer Impf-Apartheid gesprochen, aber das wird auch auf uns zurückwirken. Denn wenn in Afrika vielleicht drei bis fünf Prozent der Menschen geimpft sind, dann heißt das auch, dass uns das Virus noch lange begleiten wird", sagte der Journalist.
Mitarbeiter eines Impfzentrums in Germiston, Südafrika, mit dem Impfstoff von Pfizer
WHO zu Impfstoffmangel in Afrika
In Afrika sind erst rund drei Prozent der Menschen geimpft. Die Medizinerin und WHO-Mitarbeiterin Fiona Braka warnt, dass die niedrige Impfquote auch ein Risiko für die Entstehung neuer Varianten darstellt.

Wirtschaftliche Ausbeutung

Die Ungleichbehandlung Afrikas zeige sich auch nach wie vor beim Durchsetzen unserer wirtschaftlichen Interessen, das sich seit der Kolonialzeit eigentlich nicht verändert habe. "Das heißt, afrikanische Staaten liefern nach wie vor Rohstoffe und unverarbeitete Agrarerzeugnisse und die Wertschöpfung findet anderswo statt, nämlich bei uns. Das kann man durchexerzieren bei Agrargütern wie Kakao oder Kaffee. Der Kakaobauer oder die Kaffeebäuerin in Afrika verdient am allerwenigsten an diesem Produkt und diese Ungleichheit ist geblieben", so Bartholomäus Grill.
Mitarbeiter eines Stahlwerks an der Elfenbeinküste
Deutsche Wirtschaft in Afrika - Chance oder Ausbeutung?
Vor allem bei Infrastrukturprojekten sind deutsche Unternehmen in afrikanischen Ländern weniger stark vertreten als Investoren aus China. Das sollte sich ändern, meint der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft.
Einen Teil des Problems sieht er aber auch in Konkurrenzverhältnissen innerhalb der afrikanischen Staaten. Die Afrikanische Union sei oft beschlussunfähig, es fehle an finanziellen Mitteln und an institutioneller Struktur. Auch wenn es gute Pläne gebe, würden sie dann nicht ausgeführt.

"Eine neue Generation spricht mit stärkerer und klarerer Stimme"

Doch der Journalist blickt auch optimistisch in die Zukunft: Mittlerweile gebe es eine neue Generation, die zur sogenannten postkolonialen Bewegung gehöre, die mit einer wesentlich stärkeren und klareren Stimme spreche. Das hänge auch zusammen mit der digitalen Revolution. "Afrika kann mehr gehört werden und wir sind jetzt in einer Phase, wo die Kolonialgeschichte und das Verhältnis Afrikas zum Rest der Welt neu bewertet wird. Und zwar von den Stimmen des Südens, von Afrikanern und Afrikanerinnen. Also das ist sozusagen eine Umkehrung der Weltsicht. Und das gilt eben dann auch für die Wirtschaft, für die Kultur, für alle Bereiche des Lebens. Da haben wir die Deutungsmacht bisher gehabt und die wird in Frage gestellt durch die postkoloniale Theorie und deren Aktivisten."