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StartseiteLange NachtBasic Instincts18.08.2007

Basic Instincts

Die Lange Nacht der Lebensgrundlagen

Nach zweihundert Jahren ständiger industrieller Revolutionen ist es schwer zu glauben, dass es nicht immer so weiter gehen sollte mit Wachstum und Wohlstand. Mittlerweile zeigt sich jedoch sehr scharf, dass mit den Kontereffekten der Wachstums-Ära nicht zu spaßen ist.

Von Michael Langer und Uwe Pralle

Dem Klimawandel werden inzwischen gravierende ökonomische Wirkungen attestiert. (Stock.XCHNG / Steve Ford Elliott)
Dem Klimawandel werden inzwischen gravierende ökonomische Wirkungen attestiert. (Stock.XCHNG / Steve Ford Elliott)

Dem Klimawandel werden inzwischen gravierende ökonomische Wirkungen attestiert, Mobilität und Technologisierung zehren rasend die Träger benötigter Energien sowie andere Ressourcen auf, während die Dynamik globaler Kapitalströme das Dilemma ständig weiter antreibt. "Erneuerbar" ist am Ende der großen Wachstums-Party offenbar viel weniger, als gehofft wird.

Wie reagieren die "Basic Instincts", wenn nicht mehr selbstverständlich ist, dass alles immer mehr wird, sondern die Substanz sogar längst schrumpft?

Prof. Dr. Arno Gahrmann, Lehrstuhl für Finanz- und Rechnungswesen an der School of International Business der Hochschule Bremen
idw-online.de
hs-bremen.de
humonde.de

Arno Gahrmann
Zukunft kann man nicht kaufen
Ein folgenschwerer Denkfehler in der globalen Ökonomie.
2004 Horlemann
Unter den Schlagworten Wirtschaftlichkeit und Kosteneffizienz werden blühende Landschaften in Sozialbrachen verwandelt, und der Terror des Gewinnwahns stürzt weltweit immer mehr Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut.

Der Autor, Professor für Finanzierung und Investition an der Hochschule Bremen, zeigt anhand von drastischen Beispielen aus der aktuellen Debatte, wie die politisch diskutierten und auch umgesetzten alten Ansätze, in deren Mittelpunkt fast ausschließlich Kosten und Gewinn stehen (sei es als Maßstab für die Preise zum Beispiel öffentlicher Leistungen im Gesundheits- oder Kulturbereich oder als alleiniges Kriterium für Überleben oder Sterben von Betrieben), in die Katastrophe zu führen drohen. Und wie beim real unveränderten Widerspruch zwischen Ökonomie und Ökologie kann wieder nicht sein, was nicht sein darf: Dass der Fehler in der Ökonomie liegt!

Wer glaubt andererseits ernsthaft, dass dieses ökonomische System nach einer globalen Katastrophe weiter Bestand haben wird? Plötzlich ständen Leben, Sicherheit und Gemeinsamkeit im Vordergrund, statt Rendite, Kosten und globaler Konkurrenz einen kleinen Vorgeschmack lieferten da die diversen Überschwemmungen der letzten Zeit.

Wir müssen freilich nicht warten, bis Fluten oder gesellschaftlich-politische Stürme die vorgeblichen ökonomischen Sachzwänge hinwegschwemmen oder -fegen.

Dieses Buch soll auch - und gerade neben den Managern, Politikern und Wissenschaftlern - einem breiten Publikum die Augen dafür öffnen, dass eine wesentliche Ursache für das ständige Dilemma zwischen Wollen und ökonomischen Sachzwängen in einem pervertierten Gewinn- (und daraus abgeleiteten Kosten-)Begriff liegt.
Es wird gezeigt, dass diese wie selbstverständlich verwendeten Leitgrößen allen wirtschaftlichen Handelns spätestens mit den immer schnelleren Strukturveränderungen durch Deregulierung und Globalisierung ihren ursprünglichen Sinn einer existenzsichernden "Substanzvermehrung" verloren haben und vielfach nur noch virtuelle Wahngrößen sind, die sich wie ein Virus in das reale Leben eingenistet haben und sich seiner immer weiter bemächtigen.

Dagegen soll ein System gestellt werden, das unter sinnvoller Steuerung über den Markt das Wirtschaften an realen Zielen von Leben, Nachhaltigkeit und Menschlichkeit anstelle einer virtuellen Gewinn- und Kostengröße ausrichtet.

Prof. Dr. Hans-Peter Dürr, Physiker, bis 1997 Direktor am Max-Planck-Institut für Physik in München, Gründer der Initiative "Global Challenges Network"

"Wir brauchen ganz dringend Entwürfe für positive, in vollem Sinne lebenswerte, ökologisch nachhaltige Lebensstile. Es gibt solche Entwürfe, und deshalb wird auch ein Wandel nicht ausgeschlossen sein. Wir müssen den Wandel nur wirklich wollen. Alle sind dazu aufgefordert, dabei mitzudenken, diesen Wandel mitzugestalten und vor allem ihn "katalytisch" richtig auf den Weg zu bringen."
Global Challenges Network

Wikipedia: Hans-Peter Dürr

Eine Auswahl der von Hans-Peter Dürr erschienenen Veröffentlichungen

Prof. Dr. Wilhelm Ripl, Süßwasserökologe
Institut für Ökologie an der Technischen Universität Berlin
tu-berlin.de

"In der heutigen Gesellschaft ist das Bewusstsein dafür, was Basis des menschlichen Lebens, was Zivilisation und Kultur sind, zurückgegangen und in mancher Hinsicht überhaupt nicht mehr vorhanden. Die Basis sind die von jedem Bürger täglich benötigten Leistungen der Natur: Wasser, Atmosphäre, Nahrungsmittel, Rohstoffe sowie der Schutz notwendiger Naturfunktionen wie Atmosphärenfunktion, Klima, Bodenfruchtbarkeit. Sie sind in hohem Grade gefährdet. Erst wenn die Subsistenz für die Menschheit gesichert ist, können wir uns fragen: Welche anderen Dienste, Produkte, gesellschaftlichen Einrichtungen und kulturellen Gebräuche können wir uns darüber hinaus leisten? Dazu gehört beispielsweise unser Umgang mit den natürlichen Ressourcen."
Aus dem "Memorandum zum Klimawandel" von Wilhelm Ripl und Hermann Scheer, Berlin, Juli 2007

Hermann Scheer
Energieautonomie
Eine neue Politik für erneuerbare Energien.
2005 Kunstmann

Fred Pearce
Wenn die Flüsse versiegen
2007 Kunstmann
Alle Welt redet von schwindenden Energieressourcen; dass sich daneben eine ungleich gravierendere Wasserkrise anbahnt, ist bis jetzt kaum ins Bewusstsein gedrungen. Selbst wer umweltbewusst zu Hause Wasser spart, weiß selten, wieviel "virtuelles Wasser" er über Nahrung und Kleidung tatsächlich verbraucht: 5.000 Liter Wasser sind nötig, um ein Kilo Reis zu erzeugen, 11.000 Liter für das Rindfleisch eines Hamburgers, unglaubliche 20.000 Liter stecken in 1kg Kaffeepulver. Kein Wunder, dass sich die Flüsse der Welt in atemberaubendem Tempo leeren während durch Überregulierung andererseits die Flutgefahr dramatisch steigt. Längst weiß man, dass gigantomanische Bewässerungs- und Staudammprojekte eine enorme ökologische und ökonomische Verschwendung darstellen. Doch schon geht man weltweit dazu über, auch die unterirdischen Wasserreservoirs leer zu pumpen. Ressourcenkriege um Wasser bahnen sich an, denn: Ohne Öl können wir zur Not leben, ohne Wasser sicher nicht. Fred Pearces Berichte lesen sich wie Kriminalgeschichten und geben zugleich einen umfassenden Überblick über die Wasserkrise und ihre Auswirkungen.


"Wie sehr prägen doch die Flüsse die Welt, in der wir leben!
Gibt es ein großartigeres Buch über Amerika als die in Huckleberry Finn beschriebene Reise auf dem Mississippi? Kann man London besser erkunden als mit einer Bootsfahrt auf der Themse nach Greenwich? Einige der größten Abenteuerreisen der Menschheit haben sich an Flüssen abgespielt: Den Orinoko hinauf auf der Suche nach Eldorado oder die Erforschung der Quelle des Nils. Inzwischen ist etwas irritierendes geschehen. Ich wurde mir dessen erst ganz allmählich bewusst, durch die ein oder andere Nachrichtenmeldung. Die Karten in meinem Atlas schienen nicht mehr mit der Wirklichkeit übereinzustimmen. Ganze Binnenmeere und Seen waren verschwunden. Die alten Lektionen aus dem Erdkundeunterricht, wonach ein Fluss in den Bergen entspringt, das Wasser aus den Nebenflüssen aufnimmt und seine angeschwollenen Massen schließlich ins Meer ergießt, waren plötzlich überholt. Da ich Journalist bin, legte ich eine Mappe mit Zeitungsausschnitten an. Der Nil in Ägypten, der Gelbe Fluss in China, der Indus in Pakistan, der Colorado und der Rio Grande in den USA - von allen wird berichtet, dass sie im Sand versickern, manchmal Hunderte Meilen vom Meer entfernt. Nichts wird für die Zukunft der Menschheit auf unserem Planeten im kommenden Jahrhundert von derartiger Bedeutung sein wie das Schicksal unserer Flüsse. Ohne Öl können wir zur Not leben, ohne Wasser sicher nicht.
(Aber) ich bin Optimist. Denn letztlich ist nichts so erneuerbar wie das Wasser."
(Fred Pearce)

Hermann Scheer, Publizist und Politiker, Träger des Alternativen-Nobelpreises
hermannscheer.de
bundestag.de

Hermann Scheer
Energieautonomie
Eine neue Politik für erneuerbare Energien.
2005 Kunstmann
Die Erdölvorräte gehen zur Neige; Ressourcenkonflikte schüren die "neuen Kriege" unseres Jahrhunderts. Bei gleichzeitig steigendem Energieverbrauch rast die Welt auf eine existenzielle Krise zu. Hermann Scheer beschreibt in seinem neuen Buch die vielfältigen mentalen Barrieren, die die "ungebrochene Macht tradierten Energiedenkens" zementieren. Er beleuchtet aber auch schlüsselhafte Initiativen, mit denen der Wechsel zu Erneuerbaren Energien gelingen kann. Der archimedische Punkt und das Leitmotiv dafür ist die "Energieautonomie" - als vielfältig realisierbares politisches, technologisches und wirtschaftliches Konzept. Das Buch ist ein ideeller und praktischer Leitfaden für die Ablösung atomarer und fossiler Energien, die schneller und umfassender erfolgen kann, als allgemein angenommen wird - und eine Weltentwicklung nach sich ziehen wird.

Raoul Vaneigem, Künstler, Auto, Kulturphilosoph
Wikipedia: Raoul Vaneigem

medico-Rundschreiben 4/2003 - Raoul Vaneigem: An die Lebenden! Streitschrift gegen die Welt der Ökonomie

The author of Treatise on Living for the Young Generations pursues his quest for happiness.

Peter Kafka, Physiker.

"Eine wichtige Einsicht kommt immerhin allmählich in die Diskussion über mögliche Auswege für den Standort Deutschland: Um in der internationalen Konkurrenz an der Spitze zu bleiben, würde es ja nicht genügen, dass wir - wie früher einmal - die Speerspitze der Forschung und Entwicklung darstellten. Die Anstrengungen in dieser Richtung müssten vergebens bleiben, weil unter den Bedingungen zunehmender Vereinheitlichung
der Welt jeder von uns gemachte Fortschritt von allen anderen sofort nachvollzogen würde. Es hilft also in diesem Wettlauf gar nichts, erster zu sein! Man leistet doch dadurch nur Schrittmacherdienste für die zweiten und dritten, die im Windschatten laufen dürfen!
Müsste nicht, wenn diese Einsicht sich ausbreitete, etwas Unglaubliches geschehen? Die ganze Läuferkolonne könnte plötzlich langsamer werden und schließlich stehen bleiben! Ja womöglich tritt jeder ein paar Schritte hinter seinen Nachbarn zurück und bietet diesem mit einer freundlichen Handbewegung den eigenen Platz an. Zum Lachen, nicht wahr? Wir wissen doch genau, warum dies nicht geschehen kann. Es handelt sich ja nicht um einen Wettkampf der Läufer, sondern um den der Sponsoren! Es geht ums Geld. Irgendwie ist es dem Geld gelungen, sich unsere Lebensgrundlagen anzueignen. Die der einzelnen, wie die ganzer Nationen. Wenn wir nicht so laufen, dass sich das Geld unserer Sponsoren vermehrt, kriegen wir nicht einmal mehr zu essen oder ein Dach über dem Kopf."

Peter Kafka
Gegen den Untergang
Schöpfungsprinzip und globale Beschleunigungskrise
Carl Hanser Verlag München Wien, 1994
langelieder.de
peterkafka.de

Richard Buckminster Fuller
Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde und andere Schriften
Hrsg. v. Joachim Krausse
1998 Philo Verlagsges.
"Wenn wir nur von unserem energetischen Sparkonto leben, indem wir die fossilen Brennstoffe verfeuern, in denen die Sonnenenergie von Milliarden von Jahren gespeichert ist, oder indem wir nur von unserem Kapital leben und die Atome unserer Erde verfeuern, dann zeugt das von todbringender Ignoranz, und es ist in höchstem Maße unverantwortlich gegenüber kommenden Generationen und ihrer Zukunft."

Friedhelm Decher, Psychobiologen, Philosoph, Schriftsteller

Friedhelm Decher: "Das gelbe Monster Neid. Neid als philosophisches Problem"

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