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StartseiteInterview"Wir befürchten Engpässe bei Obst und Gemüse"26.03.2020

Bauernverband in der Coronakrise"Wir befürchten Engpässe bei Obst und Gemüse"

Das Corona bedingte Einreiseverbot für Saisonarbeiter müsse möglichst bald aufgehoben werden, sagte Joachim Rukwied, Vorsitzender des Deutschen Bauernverbandes, im Dlf. Das Stammpersonal könne nicht durch ungelernte Kräfte ersetzt werden. Im schlimmsten Fall könne es zu Ernteausfällen kommen.

Joachim Rukwied im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

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Spargelernte Spargel (picture alliance/Armin Weigel/dpa)
"Wir können uns keinen Ausfall der Ernte leisten", sagte Joachim Rukwied, Vorsitzender des Deutschen Bauernverbandes, im Dlf. (picture alliance/Armin Weigel/dpa)
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Ann-Kathrin Büüsker: Über das Einreiseverbot für Saisonarbeiter habe ich vor dieser Sendung mit Joachim Rukwied gesprochen, Vorsitzender des Deutschen Bauernverbandes, und ich wollte zunächst noch einmal von ihm wissen, welche Bereiche aus seiner Sicht gerade Probleme bekommen könnten.

Joachim Rukwied: Wir beschäftigen im Schnitt rund 300.000 ausländische Saisonarbeitskräfte pro Jahr in Deutschland in unseren Betrieben. Schwerpunktmäßig werden diese Arbeitnehmer im Gemüse-, im Obst- und Weinbau, in den Sonderkulturen beschäftigt, aber sie finden auch Arbeit in den Ställen, beispielsweise beim Füttern, beim Melken. Sie sind in vielen landwirtschaftlichen Betrieben ein Stück weit Stammpersonal.

Büüsker: Warum wird denn überhaupt so viel Personal aus dem Ausland eingesetzt?

Rukwied: Wir haben in den letzten 20, 25 Jahren feststellen müssen, dass am heimischen Arbeitsmarkt nicht genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, und insofern haben sich dann mit beginnenden 90er-Jahren auch langfristige Arbeitsverhältnisse entwickelt mit Saisonarbeitnehmern, die hauptsächlich aus Osteuropa kommen. Die sind erfahren, die kennen sich aus und wie gesagt, die sind zum Teil seit Jahren, manche seit Jahrzehnten in den Betrieben in Deutschland in der Saison beschäftigt.

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"Die Arbeit ist doch anstrengend"

Büüsker: Sie haben jetzt gesagt, es stehen schlichtweg in Deutschland nicht genügend einheimische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung. Welche Erklärung haben Sie denn dafür, weil wir haben ja durchaus auch eine Menge Arbeitslose immer noch in Deutschland?

Rukwied: Wir haben schon Ende der 90er-Jahre versucht, gemeinsam auch damals mit den Arbeitsämtern, heimische Saisonarbeitskräfte für die Landwirtschaft zu gewinnen. Das war leider nicht sehr stark von Erfolg geprägt. Die Arbeit ist doch anstrengend, ist draußen in der Natur, und wir müssen auch beispielsweise, wenn es regnet, ernten, da muss Kohl geschnitten werden, da muss Salat geerntet werden, und da hat es sich gezeigt, dass hier der heimische Arbeitsmarkt nicht genügend Arbeitskräfte aufbieten kann.

Büüsker: Weil die Deutschen sich zu fein sind, im Regen Spargel zu stechen?

Rukwied: So will ich das nicht sehen. Wir sind auch jetzt offen. Wir freuen uns über jede helfende Hand. Aber bis dato, obwohl wir auch schon vor 20 Jahren über Internet-Plattformen geworben haben, die wir jetzt wieder aktiv bespielen, haben wir einfach nicht genügend Arbeitskräfte finden können. Unsere osteuropäischen Arbeitskräfte, die kommen gerne zu uns und sind auch bereit, diese durchaus etwas härteren Arbeiten in der Natur auch bei Wind und Wetter zu erledigen.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Coronavirus (imago / Science Photo Library)

"Das können wir mit ungelernten Kräften nicht ersetzen"

Büüsker: Wie ist denn das jetzt? Sie haben eben betont, dass da Menschen sind, die diesen Job tatsächlich auch schon eine ganze Weile machen, die wissen, worum es geht. Kann man das jetzt einfach so mit ungelernten Kräften ersetzen?

Rukwied: Nein, das können wir mit ungelernten Kräften nicht ersetzen. Wir brauchen als Stammpersonal unsere bewährten Saisonarbeitskräfte. Sonst wird das nicht funktionieren. In Ergänzung und zur Abmilderung der jetzigen Situation freuen wir uns, wenn wir heimische Arbeitskräfte bekommen, die dann auf den Feldern arbeiten werden, aber ohne den Stamm an osteuropäischen Saisonkräften wird es nicht funktionieren. Wir befürchten dann Engpässe bei Obst und Gemüse. Aber für uns hat Priorität, dass der Einreisestopp baldmöglichst wieder aufgehoben wird.

Büüsker: Aber können Sie trotzdem nachvollziehen, dass die Politik sich jetzt zu diesem Schritt entschieden hat?

Rukwied: Wir begrüßen jeden Schritt der Politik, den Arbeitsmarkt für heimische Arbeitskräfte zu öffnen. Wir begrüßen auch das, was jetzt schon auf den Weg gebracht wurde, beispielsweise bei kurzzeitig Beschäftigten die Maximaldauer von 70 auf 115 Tage anzuheben. Wir begrüßen auch, dass Menschen, die jetzt in der Kurzarbeit sind, hinzuverdienen dürfen. Allerdings sind wir der Meinung, dass diese Hinzuverdienstgrenze angehoben werden muss. Wir sind auch der Meinung, dass beispielsweise bei geringfügig entlohnten Beschäftigten, den 450-Euro-Jobs, dass man da, natürlich alles befristet bis auf Weiteres, die 450-Euro-Grenze aufheben sollte, damit auch hier heimische Arbeitskräfte dann in der Landwirtschaft die Möglichkeit zum Arbeiten bekommen.

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"Was Obst und Gemüse anbelangt, sehen wir Versorgungslücken"

Büüsker: Schauen wir noch mal aktuell auf die Folgen mit den Entscheidungen, die jetzt getroffen wurden. Welche Folgen erwarten Sie?

Rukwied: Wir sind nach wie vor sehr sicher, dass die Grundversorgung mit Grundnahrungsmitteln wie Brot, wie Milch, Käse, Fleisch, Wurst, dass wir dazu in der Lage sind, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Was Obst und Gemüse anbelangt, sehen wir Versorgungsrisiken, Versorgungslücken, wenn wir nicht genügend Arbeitskräfte haben, die beispielsweise jetzt das Obst pflegen oder aber bei der Pflanzung dabei sind, bei der Pflege dann des Gemüses mitarbeiten können, und insbesondere dann bei der Ernte. Wenn wir hier nicht auf die bewährten Saisonarbeitskräfte zurückgreifen können, dann wird es hier zu Versorgungsengpässen, bei der einen oder anderen Kultur möglicherweise auch zu Ausfällen kommen.

Büüsker: Ernteausfälle bedeuten ja immer auch etwas für die Bilanz der jeweiligen Betriebe. Können die deutschen Bauern das überhaupt stemmen? Können die sich das leisten, keine volle Ernte zu bekommen?

Rukwied: Wir können uns keinen Ausfall der Ernte leisten. Wir haben seit einigen Jahren schlechte Unternehmensergebnisse und wir sind angewiesen auf entsprechende Ernten, auf die entsprechenden Einnahmen. Für den einen oder anderen Betrieb kann sich das durchaus zur Existenzfrage entwickeln, denn er hat die Vorkosten, er hat die Flächen in Bewirtschaftung, er hat die Maschinen, die Technik, die Lagerhallen, die Kühlhallen. Er hat alles vorgehalten. Er hat auch oft schon das Pflanzgut geordert, das er dann auch bezahlen muss, und wenn dann die Produktion nicht läuft, dann kann das zur Existenzfrage werden.

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Büüsker: Im Moment muss man ja oft vorm Supermarkt etwas länger anstehen, wenn man einkaufen möchte. Viele machen ihre Einkäufe im Moment auch bewusster, planen das Ganze bewusster. Man bekommt auch nicht immer alles. Ist das jetzt vielleicht auch eine Chance, dass die Menschen in Deutschland Lebensmittel wieder etwas mehr zu schätzen wissen?

Rukwied: Ja, wir Bauern hoffen, dass die Wertschätzung für Lebensmittel jetzt wieder zunimmt. Wir arbeiten auf Hochtouren, dass die Grundversorgung gesichert ist, und eine Eigenversorgung mit Lebensmitteln gerade in Krisenzeiten stärkt natürlich ein Land und da wollen wir auch weiter dazu beitragen als deutsche Landwirtschaft mit den Familien und den zahlreichen Mitarbeitern, die bei uns arbeiten, dass diese Grundversorgung auch zukünftig sicher ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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