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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenUtopie oder Unwirtlichkeit?10.01.2019

Bauhaus-ArchitekturUtopie oder Unwirtlichkeit?

Die Architektur im Bauhaus-Stil eroberte nach dem Krieg die Städte und trennte sie in Funktionsräume auf. Ein Fehler – denn das Lebensgefühl geht dabei verloren, wissen Stadtplaner heute. Trotzdem kann die Architektur heute noch vom Bauhaus lernen.

Von Ingeborg Breuer

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Blick auf das historische Bauhaus-Ensemble in Dessau (Sachsen-Anhalt), aufgenommen am 07.09.2015. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Nicht nur die Kunstschule in Dessau propagierten den Geist der Technik und der Geometrie in der Architektur (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
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Jubiläumsjahr 2019: 100 Jahre Bauhaus

"Was wir in Inseraten lesen, in Zeitungen, ‚Bauhaus-Villa zu verkaufen‘. Darunter versteht man das Bauhaus, das ist vielleicht so ein Marktbild geworden vom Bauhaus."

Jeder weiß, was mit einer "Bauhaus-Villa" gemeint ist, so Benedikt Stahl, Professor für Architektur und Stadtraum an der Alanus-Hochschule in der Nähe von Bonn. Eine Bauhaus-Villa - das ist ein weißer, schnörkelloser Kubus mit Flachdach. Doch hinter dieser Form verbirgt sich für Benedikt Stahl mehr: Der Kubus nämlich war damals nicht nur Mode. Er war gebaute Philosophie:

"Das ist für mich viel mehr als ein weißer Kubus, es ist eine ganz besondere Lebensidee, die nach was Neuem sucht. Also dieses Alte hinter sich zu lassen, dieses Wilhelminische Zeitalter, dieses Historisierende. Der Aufbruch in eine neue Gesellschaftsordnung, eine demokratische Gesellschaft braucht neue Formen."

Was dieses Neue bestimmte, erläuterte Mies van der Rohe, Bauhaus-Direktor von 1930 bis 1933, im amerikanischen Exil, wohin er vor den Nazis fliehen musste:

"Architektur gehört zur Epoche. Und seitdem ich weiß, dass wir unter dem Einfluss von Wissenschaft und Technologie stehen, frage ich mich: Was resultiert aus dieser Tatsache?"

Die Form folgt der Funktion

Das Resultat war eine Architektur, die ganz im Zeichen der Vernunft stand. In der alles schmückende Beiwerk, alles, was bloß Ornament oder Dekor war, weggelassen wurde – wenn es keine Funktion hatte:

"Ich werfe alles hinaus, was nicht vernünftig ist. Ich will nicht ‚interessant‘ sein."

Schon im Gründungsmanifest des Bauhauses im Jahr 1919 hatte es geheißen: "Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau". Doch erst seit dem Jahr 1925, als die Kunstschule aus dem konservativen Weimar in die Industriestadt Dessau umzog, rückte die neu eingerichtete Architekturabteilung zunehmend in den Mittelpunkt der schulischen Ausbildung:

"Dann kommt sicher eine größere Konzentration auf Architektur mit dem Wechsel nach Dessau, wo Gropius dann eben die neue Schule baut, die für viel Furore gesorgt hat mit der großen Glasfassade und den neuen Details, wo sich dann die Gemüter zerrieben haben an dieser neuen Sprache der Architektur."

Die Bauwerke, die damals gebaut wurden, waren durch nüchterne Klarheit geprägt. Eine Klarheit, die aus dem Geist der Technik und der Konstruktion lebte. Gebäude wurden auf ihre kubische Grundform reduziert, auf alles Überflüssige wurde verzichtet. Zugleich herrschte eine Art "moralischer Ehrlichkeit", insofern jedes Bauteil seine Konstruktion zeigte. Keine Schraube wurde versteckt, kein Rohmaterial durch schmückende Ziselierkunst verheimlicht. "In jedem Schiebefenster ein Stück Zukunftsstaat" ironisierte schon damals der Philosoph Ernst Bloch die moralisch-utopischen Ansprüche der Bauhäusler. Und der Hamburger Architekturhistoriker Professor Gerd Kähler sieht in solch moralischen Ansprüchen durchaus Problematisches:

"Es war eigentlich zum ersten Mal in der Architekturgeschichte so, es gab eine richtige und eine falsche Architektur, was von der Sache her äußerst problematisch ist, denn was ist eine wahre Architektur? Eine barocke Kirche, die drinnen Holzsäulen hat, die mit Marmorputz verkleidet sind und so aussehen, als ob sie Marmor seien, ist natürlich eine total verlogene Architektur. Aber sie kann trotzdem wunderschön sein." 

Nicht nur das Bauhaus bevorzugte den rechten Winkel

Auch wenn die Architektur der "weißen Kiste" als "Bauhaus-Stil" in die Kulturgeschichte einging, war es nicht allein die Kunstschule in Dessau, die den Geist der Technik und die Wahrheit der Geometrie propagierte. Schon die italienischen Futuristen planten die neue Stadt, so in ihrem Manifest von 1909 "beweglich und dynamisch in all ihren Teilen und das futuristische Haus wie eine gigantische Maschine".  Die russischen Konstruktivisten wollten mit geordneten Formen und klarer logischer Planung eine moralische Kraft auf die neue sozialistische Gesellschaft ausüben. Die holländische De-Stijl-Gruppe propagierte eine Ästhetik des Rechtecks und der drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau. Und dann war da noch der schweizerisch-französische Architekt Le Corbusier, der die moderne Architektur in einer kaum zu überschätzenden Weise prägte.

"Bei Corbusier war es natürlich auch die Erfindung neuer Formen in der Architektur durch neue Techniken, also die Verwendung von Stahlbeton. Also man konnte plötzlich tatsächlich horizontale Fenster und Fensterbänder bauen, flache Dächer bauen, was vorher nicht möglich war. Das war plötzlich eine Revolution, ne Entdeckung."

Monumentale Stadtvisionen

"Meine Städte sind grün, meine Häuser bieten Sonne, Raum und Grün. Aber um einen solchen Reichtum an Sonne, Raum und Grün zu erreichen, muss man 2.000 Menschen zusammenbringen, ein großes Haus mit einem Eingang für 2.000 Menschen bauen. Dann sind sie schnell zu Hause, wo sie Ruhe und Einsamkeit finden, obwohl da 2.000 zusammen sind."

Eine Archivaufnahme von Le Corbusier. Er entwarf nicht nur architektonische Einzelwerke, sondern wollte die Stadtbauprobleme der Großstadt lösen. Er entwarf Pläne für eine "Stadt der Gegenwart" für drei Millionen Einwohner. Eine streng geometrische Anlage mit 24 Wolkenkratzern für Büros, Hotels und Wohneinheiten, darüber hinaus Baublöcke mit Stadtwohnungen für 600.000 Einwohner. Dazwischen grüne, parkähnliche Freiflächen, getrennte Verkehrswege für Fahrzeuge und Fußgänger. Die neue Stadt sollte mit allem Überkommenen brechen, sie wollte vor allem zu einer autogerechten Stadt werden. Das forderte auch unter Corbusiers Federführung die sogenannte "Charta von Athen", ein Manifest von Stadtplanern und Architekten aus dem Jahr 1933:

"Wo sich Architekten zusammenfinden und ein Manifest ausrufen, wie moderne Städte gestaltet werden sollten, nämlich so, dass man die verschiedenen Benutzer der Städte voneinander trennt, Autos auf einer anderen Ebene als Fußgänger als Radfahrer als Bahnen, Trennung von Verkehrs- und von Funktionsbereichen."

Waren vor dem Zweiten Weltkrieg nur wenige Solitäre im Stil des neuen Bauens errichtet worden, gab es in den zerstörten Nachkriegsstädten dann die Chance, die eigenen Pläne radikal zu realisieren.

"Da gibt’s eine Anekdote. Gropius ist dann auch als einer der Beteiligten eingeflogen worden von den Amerikanern und über die deutschen Städte geflogen und dann hat er denen erzählt, wie man das wieder aufbaut. Und zwar so: Jetzt muss man ganz radikal sein! Das hat man ja in vielen deutschen Städten gesehen, die Folgen."

Vision und Wirklichkeit

Zwar waren viele namhafte Architekten der 1920er Jahre während des Nationalsozialismus nach Amerika emigriert. Aber dort wurden sie oft schulebildend, so dass sich eine ganze Generation junger Architekten an ihnen orientierte. Deren Credo war, dass eine zeitgemäße Architektur überindividuell, neutral und multifunktional verwendbar sein müsse. Die Städte füllten sich mit nüchternen symmetrischen Glaskästen, in die Landschaft gestellten Betonquadern, tristen Hochhäusern, deren Geschosse wie Bienenwaben oder Eierkartons aufeinandergeschichtet wurden. Und den Verkehrsfluss garantierten breite Straßenschneisen, die von Fußgängern unterirdisch gekreuzt wurden. Der Psychoanalytiker und Schriftsteller Alexander Mitscherlich prägte damals den Begriff von der "Unwirtlichkeit der Städte":

"Es ist uns nicht gelungen, das Massenproblem bisher derart zu lösen, dass wir Lebensräume innerhalb dieser Städte gestalten, die befriedigende Bewohnung möglich machen. Weil wir nämlich einer schrecklichen Verführung erlegen sind, die Städte auseinanderzureißen in Arbeitsbereiche, in Wohnbereiche, in Vergnügungsbereiche. Das ist eine Gliederung, die sich offensichtlich für die Gestaltung eines Lebensgefühls, bei dem man gern in einer Stadt ist, abträglich ist."

"Städte bestehen aus Straßen und Gassen und Plätzen und das sind Lebensräume und das hat die Charta von Athen so nicht gesehen. Sondern die hat gesehen, das sind Funktionsräume. Und Funktionsräume unterliegen bestimmten Funktionen und werden für bestimmte Funktionen benutzt, separiert voneinander und das führt auseinander. Das trennt unsere Lebensbereiche. Das war ein Fehler, das weiß man heute, die Funktionen zu trennen und die Stadt nicht als Lebensraum zu begreifen."

Kritik am Bauen der Moderne führt zur Post-Moderne

"Die Moderne hatte immer in der Identität aus einer bestimmten Ästhetik und einem bestimmten Gesellschaftsbild oder der letzten großen Utopie einer neuen Gesellschaft eine moralische Argumentation. Und hatte damit auch so etwas wie einen totalen Anspruch. Und was sich dem nicht fügte, war moralisch verwerflich."So Gerd Kähler über den zunehmend totalitär werdenden Anspruch moderner Architektur und Stadtplanung. Ein Anspruch, der mehr und mehr kritisiert wurde:

"Es gab die Erkenntnis, dass die Welt nicht mehr mit einem Modell zu erklären war, es gab nicht mehr das Denken in einem Zentrum. Es gab eine Welt, die viele Zentren hatte."

Der amerikanische Architekt Robert Venturi war einer der ersten, der mit der Architektur der "orthodoxen Moderne" abrechnete und für eine neue Architektur plädierte. In seinem Buch "Komplexität und Widerspruch in der Architektur" von 1966 forderte er gegen die "puritanisch moralische Geste der orthodoxen modernen Architektur" "Vielfalt und Widerspruch" am Bau, da nur dies der "Vieldeutigkeit moderner Lebenserfahrung" gerecht werde. Folgerichtig warb er – hier in einer Archivaufnahme -  für Pluralismus am Bau.

"In einer Hinsicht reagierte das Buch "Komplexität und Widerspruch" gegen den Modernismus der Zeit, der den Minimalismus feierte. Alles musste minimalistisch sein und sehr puristisch. Und was ich sagte, war, lasst uns auf die Komplexität und Widersprüche von Architektur gucken, die nicht minimalistisch und puristisch sind."

Im Bauen der 1960er und vor allem der 1970er Jahre vollzog sich ein Umbruch, der schließlich als "Postmoderne" in die Annalen der Architektur einging. Die Postmoderne opponierte gegen den Wahrheitsanspruch der Moderne und hielt ihr das Unvollendete, das Fragmentarische, Verspielte entgegen. Die postmoderne Architektur zitierte historische Formen – Bögen, Architrave, Säulen – die sie in spielerisch-ironischer Freiheit neu zusammensetzte. Und schließlich begannen Architekten wie Frank Gehry, Daniel Libeskind, Rem Koolhaas oder Zaha Hadid den Kubus mit seiner klaren reduzierten Form und seinen rechten Winkeln  – buchstäblich zu de-konstruieren. Sie stellten Wände schräg, ließen Würfel ineinander stürzen, die von Diagonalen durchbohrt wurden. Und auch wenn die entstehenden Bauwerke manchmal zu einer reinen Gefälligkeitsarchitektur wurden oder von einem rücksichtslosen Interesse an Selbstdarstellung  bestimmt waren, würdigt Benedikt Stahl die Wende, die sich damals ereignete:

"Sie hat den Weg zurück gesucht nach der Schönheit des Raums oder der Schönheit der Stadt. Dass das vielleicht ein bisschen überbordet und bei dem einen oder anderen ein bisschen zu viel Form annimmt, ist eine Zeiterscheinung. Aber dann hat man begonnen, den Raum zurückzuerobern. Und das ist die Errungenschaft der Postmoderne."

Was bleibt?

Heute sind die Schlachten um die Wahrheit des Bauens geschlagen. Ideologisch hat das Bauhaus ausgedient. Es herrscht Pluralismus am Bau. Ob Spitzdach, Flachdach oder Kubus – sie dienen heute eher als Erkennungsmerkmal für das Preissegment der Neubauprojekte in den vom Wohnungsmangel betroffenen Städten. Was vom Bauhaus bleibt, ist vielmehr das, was der erste Direktor des Bauhauses, Walter Gropius, schon 1930 formulierte: Dass das "ziel des bauhauses … eben kein ›stil‹, kein system, dogma oder kanon, kein rezept und keine mode!" sei. Sondern dass es lebendig sein werde, "solange es nicht an der form hängt, sondern hinter der wandelbaren form das fluidum des lebens selbst sucht!" Was die Architektur nach wie vor vom Bauhaus lernen könne, so Benedikt Stahl, sei der freie Geist, mit dem die Baumeister von damals dem Lebensgefühl ihrer Zeit eine eigene Sprache zu geben versuchten.

"Es ist der Anspruch, neue Formen für das Leben zu suchen, und dass das dann in der Zeit ein weißer Kubus war, ist so. Und dass es in unserer Zeit etwas anderes sein kann, ist auch so. In unserer Zeit kann das wieder ein richtig solide gebautes Haus sein mit einem Satteldach. Und es ist trotzdem die gleiche Idee, dass man die neue Form passend zu dem Lebenswunsch findet."

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