Archiv

BayernStreit über den Ausbau der Stromtrassen

Besonders dekorativ sind sie nicht, die Hochspannungsmasten, mit denen der Strom durch die Republik transportiert wird. Wegen der Energiewende sollen es dennoch bald deutlich mehr werden. Vor allem in Bayern ist der Widerstand groß. Heute endet dort die Einspruchsfrist gegen die Pläne - und Einwände gibt es offenbar viele.

Von Susanne Lettenbauer | 15.05.2015

Ein Hochspannungsmast in Bayern
In Bayern gibt es viel Widerstand gegen neue Stromtrassen. (dpa / picture-alliance / Sven Hoppe)
"Also es wäre schon fatal, wenn hier neue 80 Meter hohe Masten gebaut werden würden, unser Schachblumenvorkommen, das hier übrigens im bayerisch-hessischen Grenzgebiet das größte in Europa ist, wenn hier diese Strommasten gebaut würden."
Lioba Zieres, die Bürgermeisterin des kleinen unterfränkischen Örtchens Obersinn im Spessart versteht die Welt immer weniger. Gerade sind auf ihren Naturschutz-Wiesen die letzten Schachblumen verblüht, das Markenzeichen ihrer Region. Über 2.000 Besucher, auch aus dem nahen Frankfurt am Main, kamen Mitte April zum überregional bekannten Schachblumenfest. Genau hier soll nach den Plänen der Bundesnetzagentur und des Netzbetreibers TenneT eine Alternativtrasse mit ein, vielleicht zwei, wahrscheinlich sogar drei der umstrittenen Gleichstromleitungen nebeneinander gebaut werden:
"Meine erste Reaktion: Ja, ich war empört, weil ich denke, alles, was keiner haben will, schiebt man ins Sinntal."
"Bei der Atomkraft hat es genügt und bei der Solarkraft soll es nicht genügen. Wieso? Der Strom ist genau so viel, den sie brauchen", meint ein Anwohner, der aus der Schweiz zugezogen ist.
Ortschaften gegeneinander ausgespielt
Fast 100 Alternativvorschläge für den Trassenverlauf liegen mittlerweile auf dem Tisch von TenneT, von den Bürgern in den Informationsveranstaltungen selbst eingereicht. Eine sichere Methode, um die einzelnen Ortschaften gegeneinander auszuspielen, meint Willi Balkie von der Bürgerinitiative Sinngrund-Allianz:
"Da gibt es Bürgerinitiativen, die diskutieren ganz enorm die Energiewende sogar mit, dann gibt es andere, die lehnen Südlink kategorisch ab, andere, das sieht man dann schon, die lehnen eigentlich nur den Trassenbereich bei sich ab, woanders ist es dann okay."
Schon längst geht es den Anwohnern nicht mehr nur um die optische Beeinträchtigung durch die Höhe der Masten oder um die fehlenden Studien zu gesundheitlichen Auswirkungen des für Deutschland neuen Gleichstromübertragungsnetzes. Seit der zuständige Netzbetreiber TenneT erstmals seine Pläne für die sogenannte Südlinktrasse vorgestellt hat, wächst die Zahl der Unklarheiten, ob die Trasse überhaupt benötigt wird.
"An der reinen Transportautobahn Südlink, da ist einfach der Sinn nicht zu verkaufen, zumal der Bedarf nicht nachgewiesen ist, dass wir das brauchen, damit bei uns hier der Kühlschrank läuft. Der läuft auch weiter ohne Südlink, da sind wir uns sicher."
Auch Parteien uneins
Bis heute können Bürger gegen den Netzentwicklungsplan schriftlich Stellung beziehen bei der Bundesnetzagentur. Im Sinngrund hofft man auf genügend Gegenstimmen. Das Argument: Weder die Bundesnetzagentur in Berlin noch der bayerische Energiedialog von Oktober bis Februar überzeugte bislang Gegner und Befürworter von der Notwendigkeit der Trassen.
Wirtschaftsministerin Ilse Aigners Schlussfolgerung: Bayern brauche zwei minus x Trassen, das sind zwei, eine oder null Trassen. Seitdem Stillstand. Der Koalitionsgipfel Mitte Juni in Berlin könnte eine Entscheidung bringen, sicher ist es nicht. Ministerpräsident Horst Seehofer steht noch immer vehement an der Seite der protestierenden Bürger und geht damit in Konfrontation zu Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel.
Mittlerweile gärt es nicht nur bei den Bürgerinitiativen, sondern auch bei den Parteien in Bayern. Die Nerven liegen blank. Der Grünen-Regionalverband Bayreuth-Land hat sich öffentlich distanziert von den Bayern-Grünen. Die SPD-Genossen lavieren in ihren Aussagen hin und her. Nur der bayerische SPD-Bundestagsabgeordnete Florian Post tritt als einziger öffentlich für die Trassen ein.
Heute Nacht 24 Uhr endet die Frist, als Bürger gegen den aktuellen Netzentwicklungsplan und damit gegen die jetzige Stromtrassenplanung Stellung zu beziehen. Laut Bundesnetzagentur nutzten bisher gut 20.000 Bürger diese einzige rechtliche Möglichkeit der Mitbestimmung. Bis zum dritten Quartal diesen Jahres, so die Bundesnetzagentur, wird der Netzentwicklungsplan in Teilen genehmigt.