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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWilhelm Heitmeyer analysiert neueste Rechtstendenzen12.10.2020

Bedrohliche NetzwerkeWilhelm Heitmeyer analysiert neueste Rechtstendenzen

Was bedeutet es, wenn Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit Rechten gegen Corona-Auflagen protestieren? Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer untersucht seit mehr als 18 Jahren, wie verbreitet rechte Tendenzen und Menschenfeindlichkeit in der Gesellschaft sind. Und er schreibt diese Geschichte fort.

Von Martin Hubert

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rechts das Buchcover: Suhrkamp Verlag: Wilhelm Heitmeyer u.a. "Rechte Bedrohungsallianzen" links im Hintergrund: Demonstrierende schwenken schwarz-weiß-rote Fahnen. (Buchcover: Suhrkamp / Hintergrund: DPA/Hendrik Schmidt)
Rechte Tendenzen haben eine neue Dynamik entwickelt, schreiben die Autoren in ihrem Buch "Rechte Bedrohungallianzen" (Buchcover: Suhrkamp / Hintergrund: DPA/Hendrik Schmidt)
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Je länger Wilhelm Heitmeyer und seine Koautoren an ihrem Buch schrieben, desto besorgter müssen sie geworden sein. Befördert die Coronakrise nicht gerade die Bedrohungsallianzen, die Thema ihrer Studie sind? Und so fügten die Autoren ihrem Buch eine Vorbemerkung und ein Postskriptum zu dieser Frage hinzu. Die Pandemie, schreiben sie, erzeuge Existenzängste und Gefühle von Kontrollverlust, weil die wirtschaftliche Zukunft ungewiss ist und der Staat individuelles Verhalten einschränkt. Sie folgern:

"Nach allem, was wir über die Verarbeitung krisenhafter Ereignisse wissen, müssen wir davon ausgehen, dass autoritäre Versuchungen in einer solchen Situation eher zunehmen."

Der Gewalt- und Konfliktforscher Prof. Wilhelm Heitmeyer spricht auf einem Symposium in Kassel im Dezemer 2016 (imago/Hartenfelser)Prof. Wilhelm Heitmeyer gründete 1996 das Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (imago/Hartenfelser)Wilhelm Heitmeyer: "Autoritäre Versuchungen - Signaturen der Bedrohung"  "Deutsche Zustände" – so hieß die zehnbändige Dauerbeobachtung der Gesellschaft durch eine Gruppe Wissenschaftler unter dem Soziologen Wilhelm Heitmeyer. Darin wurden Ausprägungen von Abwertung, Diskriminierung und Ausgrenzung abgebildet.

Die Rechtsentwicklung, hat Wilhelm Heitmeyer immer wieder betont, hänge mit einer wachsenden Verunsicherung durch einen globalisierten Kapitalismus zusammen. Er erzeuge prekäre Arbeitsverhältnisse, sei kaum mehr nationalstaatlich steuerbar und unterwerfe immer mehr Lebensbereiche dem Maßstab ökonomischer Effizienzsteigerung. Im neuen Buch versucht er mit Manuela Freiheit und Peter Sitzer die aktuellen Folgen dieser Entwicklung einzuschätzen, in der die Coronakrise nochmals als Verstärker wirken kann.

AfD hat rechten Denkweisen eine Aura von Normalität verschafft

"Unsere These lautet, dass sich eine Ausdifferenzierung, Intellektualisierung und Dynamisierung des rechten politischen Spektrums beobachten lässt. Wir befassen uns mit den verschiedenen Eskalationsstufen sowie den Wechselwirkungen zwischen ihnen und beschreiben seine Dynamik, die sich oftmals in Gewaltakten entlädt."

Wie in früheren Büchern Heitmeyers dient das Modell des "konzentrischen Eskalationskontinuums" dazu, das Spektrum rechter Tendenzen einzufangen. Im äußersten Kreis des Modells finden sich etwa 15 Prozent der deutschen Bevölkerung, die menschenfeindliche Einstellungen aufweisen, vom Antisemitismus bis zur Abwertung von Muslimen und Migranten. Im Zentrum sind rechte terroristische Zellen angesiedelt. Zwischen dem Außenbereich und der manifesten Gewalt im Zentrum vermitteln weitere Kreise: Parteien und Bewegungen wie AFD oder Pegida, systemfeindliche Milieus wie Kameradschaften und Identitäre sowie konspirative Planungs - und Unterstützernetzwerke rechter Gewalttäter. Im Prinzip bleibt es auch in diesem Buch bei dieser Aufteilung.

Neu ist für die Autoren vor allem, dass die AFD inzwischen einen stabilen Wählerstamm besitzt und rechten Denkweisen die Aura gesellschaftlicher Normalität verschafft. Deren Kern sei ein "autoritärer Nationalradikalismus", das radikale Eintreten für eine hierarchische Gesellschaft, die dem deutschen Volksinteresse dienen soll:

"Um destabilisierende Veränderungen zu erreichen, greift der autoritäre Nationalradikalismus überwiegend auf dichotome Welt- und Gesellschaftsbilder zurück. 'Volk' versus 'Elite', 'Wir' versus 'Die', 'Reinheit' versus 'Überfremdung', 'Ungleichwertigkeit' versus 'Gleichwertigkeit'. Sie gehören zum politischen Werkzeugkasten der extremen wie der gemäßigten Rechten."

Bei einer Coronademo in Berlin trägt ein Teilnehmer, der Angehöriger einer rechtsextremen Bewegung ist, ein T-Shirt mit dem Slogan: Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. (imago-images / IPON / Stefan Boness)Teilnehmer ein Corona-Demonstration in Berlin. Verschwörungstheorien untergraben das Vertrauen in die demokratische Ordnung und die Medien. (imago-images / IPON / Stefan Boness)

Wobei nach Ansicht der Autoren nicht nur die Grenzen zwischen der gemäßigten und der extremen Rechten durchlässiger werden. Vor allem differenziert und dynamisiert sich die extreme Szene selbst. Kameradschaften, autonome Nationalisten, Identitäre und rechte Intellektuelle vernetzen sich zunehmend. Sie gründen Betriebe und Bildungsinstitute, kandidieren für kommunale Parlamente, konzentrieren sich auf Schwerpunktorte und arbeiten an Bündnissen.

Rechte nutzen Signalereignisse für Aufmerksamkeit

Während Rechte früher Gedenktage nutzten, um größere öffentlichkeitswirksame Aktionen durchzuführen, sind sie heute in der Lage, rasch auf aktuelle Ereignisse zu reagieren. Die Autoren sprechen von "Signalereignissen" und zeigen am Beispiel der Chemnitzer Ausschreitungen im August 2018, welche Faktoren dafür zusammenkommen müssen:

"In Chemnitz war das entscheidende Signalereignis der Tod des jungen Bürgers. Er ereignete sich in einem Kontext, der durch die weitverzweigte rechtsextreme bis neonazistische Szene, gruppenbezogen-menschenfeindliche Einstellungen in Teilen der Bevölkerungen sowie die Anwesenheit von Migrantinnen bzw. Flüchtlingen gekennzeichnet war."

Protestierende zünden Feuerwerk während einer spontanen Demonstration Rechtsextremer in Chemnitz am 27. August 2018. (picture alliance / AP Photo / Jens Meyer)Rechtsextreme reagieren heute schneller auf "Signalereignisse", um Aktionen durchzuführen, wie z.B. mit einer Demonstration in Chemnitz im August 2018. (picture alliance / AP Photo / Jens Meyer)

Rechte Tendenzen in der Polizei, dem Verfassungsschutz, der Bundeswehr und den Gewerkschaften sind für die Autoren ein weiteres Indiz dafür, dass die Rechtsentwicklung eine neue Dynamik gewinnt. Parallel dazu untergraben Verschwörungstheorien das Vertrauen in die demokratische Ordnung und die Medien. All das bereitet ein Klima, in dem sich Einzeltäter wie in Halle und Hanau Waffen und Ideologie aus dem Internet besorgen.

Plädoyer für eine Streitkultur

Trotz alledem, schreiben die Autoren, sei Gegenwehr möglich:

"Wo Konflikte offensiv angegangen und ausgetragen werden, können rechte Bedrohungsallianzen nur schwer Fuß fassen und gedeihen."

Wilhelm Heitmeyer, Manuela Freiheit und Peter Sitzer geben einen breiten Überblick über diese Entwicklung, und das ist verdienstvoll. Doch sie beschreiben vor allem Fakten und allgemeine Mechanismen. Die Feinanalyse der unterschiedlichen Motivationen, sich nach rechts zu wenden, bleibt zu kurz. Der unterstellte Zusammenhang von Krise und autoritärer Entwicklung allein ist zu grob, um herauszufinden, wer nur aus Protest rechts wählt und wer bereits ans extreme rechte Lager verloren ist. Insofern bleibt den Autoren nur der Appell an die Politik und jeden Einzelnen, den neuen Bedrohungsallianzen entgegen zu treten.

Wilhelm Heitmeyer, Manuela Freiheit, Peter Sitzer: "Rechte Bedrohungsallianzen, Signaturen der Bedrohung II",
Suhrkamp Verlag, 325 Seiten, 18 Euro.

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