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StartseiteBüchermarktSorge um Swetlana Alexijewitsch10.09.2020

Belarus erhöht Druck auf OppositionSorge um Swetlana Alexijewitsch

Die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch ist eines der bekanntesten Gesichter der Opposition in Belarus. Nun gerät auch die 72-Jährige unter den zunehmenden Druck der belarussischen Behörden, die gegen die Opposition vorgehen. Verleger und Schriftsteller sind in Sorge - auch in Deutschland.

Von Gesine Dornblüth

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From left to right: Andrius Pulokas, Ambassador of Lithuania Konrad Rikardson, First Secretary, Sweden Henrich Sasai, chargé d’affairs, Slovakia Swetlana Alexijewitsch Evelina Schulz, Head of Political, Press and Information Section, EU Delegation Asta Andrijauskiene, Deputy Head of Mission, Lithuania Aloisia Wörgetter, Ambassador of Austria Tomas Pernicky, Ambassador of Czech Republic Viorel Mosanu, Ambassador of Romania (Swedish MFA)
Diplomaten aus mehreren Ländern, wie Schweden, Rumänien und Litauen, haben Svetlana Alexijewitsch zur Unterstützung in ihrer Wohnung besucht - wo Unbekannte versuchten, sie einzuschüchtern (Swedish MFA)
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Anton Orech, Kolumnist bei dem russischen Radiosender Echo Moskwy, schreibt, die Ereignisse in Belarus erinnerten an die Sowjetunion. Jetzt müsse nur noch die Literaturnobelpreisträgerin ausgewiesen werden, so wie es seinerzeit Leonid Breschnjew mit dem Russen Aleksander Solschenizyn tat.

So schlimm steht es noch nicht. Gestern allerdings klingelten maskierte Männer bei Swetlana Alexijewitsch. Die 72-jährige, die sonst eher selten mit Journalisten spricht, lud daraufhin zu einer Pressekonferenz direkt vor ihrer Wohnungstür. Und klagte an:

"Das ist Terror: Terror eines einzelnen Menschen gegen sein eigenes Volk."

"Schutzwall der Aufmerksamkeit" für die Autorin

Alexijewitschs Verleger in Deutschland, Jo Lendle, hat zurzeit keinen direkten Kontakt zu der Schriftstellerin. Er verfolgt das Geschehen mit Sorge.

"Die Einschläge kommen da näher, deswegen sind wir in Sorge, auch weil sie das letzte noch auf freiem Fuß und im Land befindliche Mitglied des Präsidiums des belarussischen Koordinierungsrates ist – und die Hinweise verdichten sich, dass Lukaschenko da jetzt keine Rücksicht mehr nimmt."

Alles, was man tun könne, sei, für Öffentlichkeit zu sorgen.  

"Es geht jetzt darum, dass eine Autorin, die ja auch hierzulande viele Leserinnen und Leser hat, die mit den wichtigsten auch politischen Preisen des Landes geehrt wurde, Europäischer Preis zur Verständigung, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und so weiter, dass da auch in der Stunde der Not man sagt, jetzt gucken wir hin und versuchen, einen Schutzwall der Aufmerksamkeit um sie zu legen."

Journalistin und Autorin Swetlana Alexijewitsch (14.10.2013). (dpa / picture-alliance / Arno Burgi) (dpa / picture-alliance / Arno Burgi) Swetlana Alexijewitsch - Literatur, Journalismus und Geschichtsschreibung
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Europäer müssen "mehr machen"

Ob das hilft, ist offen. Lukaschenko scheint auf seinen internationalen Ruf keinen Wert zu legen. Gestern besuchten Botschafter verschiedener EU-Staaten Alexijewitsch in ihrer Wohnung. Ein gutes Zeichen, findet der Osteuropahistoriker Karl Schlögel, aber zu wenig. Die Deutschen sollten sich von der Vorstellung verabschieden, bei den dramatischen Ereignissen in Belarus nur Zaungäste zu sein.

"Es passiert in allernächster Nachbarschaft etwas Ungeheuerliches. Nämlich eine große demokratische friedliche Volksbewegung, die seit Wochen auf den Straßen ist, unglaublich einfallsreich, eigentlich ein Wunder in Europa, und wir müssten irgendwie mehr machen."

Das internationale und zahlreiche nationale PEN-Zentren, darunter auch das deutsche, haben mittlerweile gegen die Festnahme mehrerer Mitglieder des belarussischen PEN-Zentrums protestiert. Die Dichterin und Übersetzerin Hanna Komar war am Dienstag mit zwei Kollegen während friedlicher Proteste in Minsk festgenommen worden, Komar wurde mittlerweile zu neun Tagen Haft verurteilt.

Ein "kleines, stolzes Volk wird zertrampelt"

Swetlana Alexijewitsch wandte sich gestern auf der Internetseite des von ihr geleiteten belarussischen PEN-Zentrums an die "russische Intelligenzija". Sie schrieb, so wörtlich: "Warum schweigt ihr? Wir hören nur selten unterstützende Stimmen. Warum schweigt ihr, wenn ihr seht, wie ein kleines, stolzes Volk zertrampelt wird. Wir sind doch immer noch eure Brüder.".

Verschiedene russische Schriftsteller haben inzwischen darauf reagiert. So schreibt Ljudmila Ulizkaja:

"Liebe Swetlana, wir alle, ich spreche von meinen Freunden und Gleichgesinnten, die nicht wenige sind, verfolgen die Nachrichten aus Belorus mit großer Anspannung. Wir wissen von den Verhaftungen, und wir verstehen, dass, was eurem Land geschehen ist, das morgen auch in Russland geschehen kann. Ich schicke dir einen herzlichen Gruß, wünsche dir Gesundheit und Kraft, und wünsche dir, in einem Land zu leben, das frei ist von der stumpfen und Übelkeit erregenden Macht. Und mir, meine Liebe, wünsche ich dasselbe."

"Sie haben Kraft, wenngleich sie wenige sind"

Der russische Dichter Lew Rubinstejn, der selbst in der russischen Protestbewegung 2011/2012 aktiv war, setzt sich in seiner Antwort mit dem von Aleksijewitsch benutzten Begriff der "Intelligenzija" auseinander, an die sie sich wandte.

"Dieses Wort wird zu dreist von allen möglichen Schurken übernommen, die das Recht in Anspruch nehmen, im Namen der "russischen Intelligenzija" und sogar des "russischen Volkes" zu sprechen und zu handeln. Ich zitiere von Zeit zu Zeit eine Stelle aus den Briefen Tschechows, die ich vollständig unterstütze: ‚Ich glaube an einzelne Menschen, ich sehe Rettung in einzelnen Persönlichkeiten, die hier und dort in Russland verstreut sind – egal, ob sie Intelligente sind oder einfache Kerle – sie haben Kraft, wenngleich sie wenige sind.‘ So ist es! Und ja, sie sind wenige!"

Die Menschen um Alexijewitsch würden siegen, da sei er sicher, schließt Rubinschtejn.

"Vielleicht nicht heute und nicht morgen, aber irgendwann ganz bestimmt."

Maria Kolesnikowa: belarussischen Reisepass zerrissen

Allerdings haben viele Aktivisten das Land mittlerweile verlassen oder verlassen müssen. Einer der Journalisten an Alexijewitschs Wohnungstür fragte die Nobelpreisträgerin, ob sie vorhabe, zu gehen. Ihre Antwort war eindeutig.

"Nein. Ich will das nicht. Und wir haben ja Möglichkeiten. Maria Kolesnikowa hat der Praxis, die Leute auszuweisen, auf eindrucksvolle Art ein Ende gesetzt."

Aus Belarus kommen inzwischen weitere beunruhigende Nachrichten. Die entführte und verhaftete Maria Kolesnikowa, eine der Identifikationsfiguren der Proteste, wurde nach eigenen Angaben von Polizisten und Geheimdienst-Mitarbeitern mit dem Tod bedroht. Kolesnikowa hatte, als der belarussische Geheimdienst sie zur Grenze in die Ukraine fuhr, ihren Reisepass zerrissen.

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