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StartseiteUmwelt und VerbraucherBeeinflusst Essen aus der Dose den Hormonhaushalt? 11.08.2017

Belastete LebensmittelBeeinflusst Essen aus der Dose den Hormonhaushalt?

Lebensmittel aus der Konserve enthalten oft Rückstände von Bisphenol A: Eine Substanz mit hormonähnlicher Wirkung. Kritiker fordern deshalb ein Verbot von Bisphenol A im Lebensmittelbereich. Doch wie gefährlich ist die Chemikalie wirklich?

Von Dieter Nürnberger

Eine geöffnete Dose Ölsardinen auf weissem Hintergrund (picture-alliance / dpa / perschfoto)
Raus aus der Dose, rauf auf die Pizza: Doch enthalten Sardinen und andere Lebensmittel aus der Dose Bisphenol A? (picture-alliance / dpa / perschfoto)
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Bisphenol A ist eine Chemikalie, die unter anderem für die  Innen-beschichtungen von Getränke- und Konservendosen verwendet wird, damit die Tomatensuppe oder Maiskörner in der Konserve nicht mit dem Metall des Behältnisses reagieren.  Bisphenol A selbst ist nicht sehr giftig, aber der Substanz wird eine hormonähnliche Wirkung nachgesagt und das bedeutet, dass die Chemikalie hormonell gesteuerte Prozesse im Körper beeinflussen könnte.

BUND testet Lebensmittel aus Konserven

Tatsächlich werden fast alle unsere Stoffwechselprozesse von Hormonen gesteuert, unser Schlaf und –Wachrhythmus, die Ausschüttung der Verdauungsenzyme nach dem Essen oder das Hungergefühl. Ein Eingriff in den komplexem Hormonhaushalt bedeutet immer eine Gefährdung auch deshalb macht diese Untersuchung des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) misstrauisch. Die Umweltschutzorganisation hatte mehrere Lebensmittelkonserven verschiedener Handelsketten untersucht.

Untersucht wurden Lebensmittel, die in Konservendosen angeboten werden. Sie stammen aus Sortimenten von Lebensmittel-Discountern. Im Labor wurde gezielt nach der Substanz Bisphenol A gesucht, weil diese erfahrungsgemäß in der Innenbeschichtung von Konservendosen verarbeitet wird.

Bei 74 Prozent der geprüften Konserven wurde Bisphenol A gefunden

Statistisch gesehen ist die Untersuchung des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland zwar lediglich eine Stichprobe, keine repräsentative Untersuchung, doch die Ergebnisse seien eindeutig, sagt Manuel Fernández, er ist Chemikalienexperte der Umweltorganisation:

"Es ging hauptsächlich um Thunfisch, Tomaten und Kokosnussmilch. Wir haben auch noch andere Konservenprodukte untersucht, allerdings in einem geringeren Maß. Bei diesen drei Produktgruppen haben wir aber eine Trefferquote von 74 Prozent. Dabei haben wir Bisphenol A in unterschiedlichen Konzentrationen gefunden. Die liegen zwischen 9 und über 500 Mikrogramm pro Kilogramm."

Über Bisphenol A wird schon lange geforscht und auch wissenschaftlich gestritten. So gesehen sind die BUND-Stichprobenergebnisse keine große Überraschung.

Wie schädlich ist Bisphenol A?

In Deutschland ist das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) für die gesundheitliche Sicherheit von Lebensmitteln und den Verbraucherschutz zuständig. Auch in den Veröffentlichungen des BfR wird Bisphenol A als Substanz mit einer geringen akuten Giftigkeit bezeichnet. Als für die Verbraucher gefährlich wird es jedoch nicht eingestuft, sagt Karla Pfaff, sie ist Leiterin der Fachgruppe Sicherheit von Produkten mit Lebensmittelkontakt. Beim BfR orientiert man sich an der Einschätzung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, kurz EFSA:

"Die EFSA hat eine sehr umfangreiche Expositionsabschätzung durchgeführt. Dabei wurden auch andere Quellen berücksichtigt – wie etwa Spielzeug und Hausstaub sowie Kosmetik und vor allen Dingen Thermopapier. Diese Schlussfolgerung gilt für alle Bevölkerungsgruppen – das bezieht auch Säuglinge, schwangere Frauen und Jugendliche mit ein. Grundsätzlich empfehlen wir aber immer – und das gilt nicht nur für Bisphenol A – sich nicht einseitig zu ernähren. Beispielsweise nicht nur Lebensmittel zu nutzen, die aus Dosen kommen. Das gilt für alle möglichen Kontaminanten, um ein möglich geringes Niveau zu sichern."  

Empfehlung: Grenzwerte sollten verschärft werden

Bislang gilt für Bisphenol A in Europa ein Grenzwert für den Übergang auf Lebensmittel von 0,6 Milligramm (600 Mikrogramm) pro Kilogramm. Der ist allerdings schon über 10 Jahre alt. 2015 schlug die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit eine Verschärfung vor –aufgrund neuerer Erkenntnisse. Diese Empfehlung wurde allerdings bisher nicht umgesetzt.

Karla Pfaff vom Bundesinstitut für Risikobewertung über die möglichen Gesundheitsgefahren durch Bisphenol A:

"Wenn Sie sich auf Wirkungen am Menschen beziehen, dann zeigen einige epidemiologische einen statistischen Zusammenhang – zwischen Bisphenol A-Belastung und Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Die Studien wurden in der aktuellen Risikobewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA bewertet und es wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass aus diesen Studien aber ein ursächlicher Zusammenhang nicht abgeleitet werden kann. "

Kritiker fordern: Bisphenol A in Lebensmittelverpackungen verbieten

Für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland ist der behördliche Umgang mit dem Problem Bisphenol A zu lasch. Chemikalienexperte Manuel Fernández hofft, dass Maßnahmen anderer Länder, wie etwa Frankreich, wo die Substanz in einzelnen Lebensmittelverpackungen längst verboten wurde, Schule machen.

"Die deutschen Behörden haben sich der Bewertung der Europäischen Lebensmittelbehörde angeschlossen. Die sagen: Mit dieser tolerierbaren und täglichen Aufnahme, die von der EU-Behörde festgelegt wurde, sind wir alle auf der sicheren Seite. Weil wir alle deutlich weniger aufnehmen. Aus unserer Sicht ist es fahrlässig, so etwas zu behaupten. Wenn man Essen aus einer Konserve isst, wird man nicht krank werden. Wenn man aber häufiger konservierte Lebensmittel isst, dann steigt das Risiko. Von daher ist es für uns ein klassischer Fall, in dem eigentlich das Vorsorgeprinzip greifen müsste."     

Die Umweltorganisation sucht nun auch Kontakt zu Herstellern, um die Substanz im Lebensmittelbereich zurückzudrängen. Den Verbrauchern empfiehlt man mehr frische und auch unverpackte Ware einzukaufen.

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