Mittwoch, 18. Mai 2022

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Belek
Das Elend der Flüchtlinge in der Türkei

Mehr Moral und Ethik beim Umgang mit Flüchtlingen. Dieses Signal wollte die Türkei auf dem G20-Gipfel von Belek setzen. Doch nur fünf Kilometer vom noblen Tagungsort entfernt leben syrische Flüchtlinge mitten im Geröll. In Zelten und mit zerschlissenen Schuhen. Ein Besuch vor Ort macht deutlich, warum diese Menschen wieder nach Hause wollen - oder nach Deutschland.

Von Benjamin Hammer | 19.11.2015

Blick auf die Füße von mehreren Männern mit zerschlissenen Schuhen oder barfuß
Ein Blick auf die Füße weist auf das Elend der Flüchtlinge in der Türkei hin. (DLF / Benjamin Hammer)
Eine Schotterpiste in der Nähe von Belek, Provinz Antalya. Die Suche nach den Flüchtlingen aus Syrien war nicht leicht gewesen. In Belek hatten die Menschen abgewunken: Flüchtlinge? Haben wir hier nicht. Dann finden wir sie, der Reporter und vier Freiwillige aus Antalya, die den Menschen helfen wollen. Auf einem Feld neben der Schotterpiste sind etwa zehn weiße Zelte zu sehen.
Mit Steinen haben sich die Menschen hier Feuerstellen gebaut, es wird bald Abend, im Hintergrund sind die Ausläufer des Taurusgebirges zu erkennen. In den Zelten haben die Flüchtlinge dünne, abgenutzte Matratzen gestapelt, nachts werden sie direkt auf den Geröllboden gelegt. Manche Bewohner tragen keine Schuhe und manche haben Schuhe, die kurz davor sind, sich aufzulösen. Als Toiletten werden Löcher im Feld benutzt, verdeckt mit Plastikplanen.

Flüchtlinge in Belek, Türkei
Flüchtlinge in Belek, Türkei. (DLF / Benjamin Hammer)
"Es geht uns hier schlecht", sagt ein Mann, er ist etwa dreißig Jahre alt, trägt einen Vollbart. Seine Schuhe werden den Winter kaum überstehen. Aber, sagt er, es geht uns besser, als in Syrien. In Syrien standen wir vor der Wahl: Mit den Kurden kämpfen. Oder mit Daesch, dem "Islamischen Staat". Wir wollten aber keine Soldaten werden. Also sind wir geflohen.
Freiwillige Helfer
Die Bewohner kommen aus der Provinz Hasakah. Die Region liegt im Nordosten Syriens, an der Grenze zur Türkei und zum Irak. Seit Monaten kämpfen hier kurdische Einheiten gegen den selbsternannten "Islamischen Staat". Der IS hatte Teile der Region Anfang 2014 unter seine Kontrolle gebracht. In diesem Jahr setzten die Kurden, unterstützt von US-Luftschlägen, zum Gegenangriff an. Die sunnitischen Flüchtlinge von Belek, sie flohen nicht vor dem IS. Sie flohen, so erzählen sie uns, vor den Kurden und den Bomben der USA.
Vor wem die Menschen geflohen sind, auf welcher Seite sie stehen. Die Freiwillige Özlem Yapar will nicht, dass das für sie eine Rolle spielt. "Mir geht es um die Frauen und Kinder, denen will ich helfen."
Kinder in Belek, vor einfachen Zelten.
Flüchtlinge in Belek, Türkei. (DLF / Benjamin Hammer)
Özlem erklärt, unter welchen Bedingungen die Flüchtlinge hier leben. Die Zelte und das Grundstück werden von türkischen Bauern gestellt. Für ein Zelt fordern sie umgerechnet 30 Euro im Monat. Die Männer aus Syrien können auf Baustellen oder Feldern arbeiten. Dafür bekommen sie dann umgerechnet 10 Euro am Tag, halb so viel, wie einem türkischen Arbeiter gezahlt wird. Eigentlich dürfen die Flüchtlinge gar nicht arbeiten. Der Staat toleriert die Schwarzarbeit jedoch. Im Grunde werden sie ausgebeutet, sagt Özlem: "They are mostly abused."
Nur fünf Kilometer von dem Lager entfernt liegt der Badeort Belek. Hier gibt es weitläufige Golfplätze mit sattem Grün, Vögel singen, viele Bäume spenden Schatten. In dieser Gegend gibt es fast nur Fünf-Sterne-Hotels. Mit Pools, Strandbars und Tennisplätzen. Hier tagten bis Montag die Staats- und Regierungschefs der G20. Und überlegten sich, wenige Kilometer von den Zelten der Flüchtinge entfernt, wie man denn ihre Lage verbessern könne. Für die Flüchtlinge war der Tagungsort unendlich weit weg. Belek eine Hochsicherheitszone, abgeschirmt von blickdichten Zäunen.

Auf dem Gipfel sprach auch Emine Erdogan, die Frau des türkischen Präsidenten. Es sollte ein Grundsatz aller entwickelten Länder sein, sagte sie, den Wert eines Menschen nicht hintenan zu stellen. Sie lade die internationale Gemeinschaft ein, in der Flüchtlingskrise eine Haltung mit mehr Ethik und Moral einzunehmen.
Liegen an einem Hotelpool in Belek, Türkei
Eines der Luxushotels, in denen die Delegationen der G20 untegebracht waren. (DLF / Benjamin Hammer)
1.000 Euro für einen Krankenhaus-Aufenthalt
Die türkische Regierung rühmt sich, dass sie den Flüchtlingen helfe, so gut es eben gehe. Sie würden in Krankenhäusern kostenlos versorgt, die Kinder dürften eine Schule besuchen. Die Flüchtlinge von Belek winken jedoch ab. Nein, das stimme nicht, sagen die Männer, sie bekämen keine Hilfe: "Mafiesch, mafiesch." Ein Mann im Camp, Ende 20, will uns etwas sagen: "Meine Frau war schwanger, wir sind dann ins Krankenhaus. Uns wurde geholfen. Aber wir mussten dafür 3.000 Lira bezahlen." Das sind 1000 Euro.
Als die weiblichen Freiwilligen mit den Frauen im Camp sprechen, alleine und ohne die Männer, sagen die syrischen Frauen: "Unsere größte Angst ist, dass wir wieder schwanger werden. Aber das passiert immer wieder. Wir haben hier keine Verhütungsmittel."
Gökhan Erkutlu ist Geschäftsführer der Hilfsorganisation Hayata Destek. Er sagt, offiziell stünden türkische Schulen und Krankenhäuser den Flüchtlingen offen. In der Realität gebe es aber Probleme, etwa, wenn die Syrer in Provinzen Hilfe brauchen, in denen sie sich nicht registriert haben. Das enorme Ausmaß des Elends, in dem die Menschen nahe Belek wohnen, kann das aber nicht erklären.
Die Leute sollten endlich die Erlaubnis bekommen, legal und in Würde arbeiten zu dürfen
"Die Regierung konzentriert sich auf die sehr großen Flüchtlingsunterkünfte, die sie aufgebaut hat. Dort ist die Versorgung in Ordnung. Davon gibt es 25 für insgesamt 250.000 Flüchtlinge. Wir haben im Moment aber über zwei Millionen Flüchtlinge im Land." Wer außerhalb der Camps lebe, der müsse auf viel Unterstützung verzichten. Camps für zwei Millionen Menschen zu bauen, das mache doch auch keinen Sinn, sagt Gökhan Erkutlu. Die Leute sollten endlich die Erlaubnis bekommen, legal und in Würde arbeiten zu dürfen. "Wir haben den Menschen eine Zukunft versprochen", sagt er. "Aber sie haben einfach keine". "Die Leute ertrinken weiter in der Ägäis, auf ihrem Weg nach Europa. Warum machen sie das? Warum wollen sie die Türkei verlassen? Die Erwachsenen riskieren nicht nur ihr Leben, sie riskieren auch das Leben ihrer Kinder."
Die Flüchtlinge in der Nähe des Gipfelortes Belek haben zwei Wünsche. Der erste: Sie wollen wieder nach Hause. Der zweite: Sie wollen nach Deutschland. "Wir wurden von Schleusern angesprochen", sagt einer der Männer. Für 3.000 Euro werde man uns nach Deutschland bringen. Manche von uns haben das gemacht. Manche sind dabei ertrunken. Und dann sagt er noch: Er würde es trotzdem wagen. Aber er habe nicht so viel Geld. Die Menschen in den Zelten, sie sind bettelarm. "Wenn der Winter kommt", so erzählen sie uns noch, "dann legen wir uns alle gemeinsam in ein Zelt und umarmen uns." Dann ist es nicht so kalt.