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StartseiteKultur heuteBemerkenswert zwiespältig15.02.2011

Bemerkenswert zwiespältig

Bulgakows "Der Meister und Margarita" am Stuttgarter Schauspiel

Eine Satire auf das Russland der 20er und 30er Jahre: auf Geheimdienste, Politprominenz und die Verführbarkeit von Menschen. Christian Weise hat Bulgakows Roman für die Bühne adaptiert. Ein teuflisches Spektakel. Doch am Ende geht dem diabolischen Reigen mit viel Bühnenblut die Luft aus.

Von Cornelie Ueding

Corinna Harfouch spielt den Satan in Bulgakows "Meister und Margarita" (AP)
Corinna Harfouch spielt den Satan in Bulgakows "Meister und Margarita" (AP)
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Staatstheater Stuttgart: Spielplan Schauspiel

In einer heruntergekommenen Moskauer Wohnküche strömen alle zusammen: Wodka kippende, sozialistisch-realistische Schriftsteller und ihre Kritiker, KGB-Spitzel sowie, edel und einsam im Flor einer rosa Kunstpelzmütze und mit treuem Trauerblick: Margarita. Geliebte und Muse des schreiend unglücklichen Meisters. Ein Dichter, dessen Werk die Zensur unterdrückt, und der seinen Namen verloren hat; in Christian Weises Stuttgarter Bühnen-Aversion von Bulgakows Roman ein Verschnitt aus Jesus und einem gescheiterten Philosophie-Privatdozenten.

"Und dann fragte er mich doch, wer mich darauf gebracht habe, einen Roman ausgerechnet über Pontius Pilatus zu schreiben. Ich hatte genug von ihm und fragte ihn geradezu, ob er den Roman nun drucken würde oder nicht. Da wurde er nervös, nuschelte etwas und erklärte mir endlich, dass die Frage des Drucks meines Romans, wie er sich ausdrückte – ’entfalle’!"

Ganz selbstverständlich mitten drin in diesem Politthriller und zugleich zwischen Tür und Angel: der Teufel, Satan, Mephisto und seine grelle, brutal-komische Entourage: ein riesiger Katzenmensch, ein großkarierter Tausendsassa und ein Ganove mit einem Gebiss aus Stahl. Angeführt von Corinna Harfouch als funkelnd intelligenter, dirigistisch aalglatter Teufelin, einer dialektisch geschulten Strategin, deren liebenswürdiges Interesse an den atheistischen Theorien der Moskauer Politprominenz sekundenschnell in lauernde Tücke und triumphierende Bösartigkeit umschlägt. Denn wer Gott leugnet, leugnet auch den Teufel. Und das ist zu viel!

Es klopft: Tür auf und schwupp, schon steht die nächste Gruppe fragwürdiger Subjekte vor diesem glatzköpfig asexuellen Richter und seinen knurrenden, Messer schwingenden Henkern. Anfangs ist das umwerfend komisch und für Momente zutiefst erschreckend: Wenn Bonhomie und Bosheit, kolloquialer Ton und abgründige Gemeinheit aufeinandertreffen und jeden, ob er will oder nicht, ins System pressen.

Ein mehr als doppelbödiges Arrangement, denn der Teufel schlägt die Politchargen mit den eigenen Waffen. Jeder ist verdächtig. Jeder wird zum Delinquenten gemacht. Und in Sekunden wird die Badewanne zum Folterinstrument, die enge Schlafkammer zur Gummi- und Isolationszelle; das Wohnzimmer mutiert zum teuflischen Volksgerichtshof, und Todesurteile an den Funktionären werden von den diabolischen Gehilfen lässig und genüsslich beinahe im Minutentakt vollstreckt.

Gleich daneben, hinter gehäkelten Küchengardinen, öffnen sich Höllenschlünde im Miniaturformat, lauern teuflisch grienende Geheimdienstleistende ebenso wie – alles in rasend schnellen, bisweilen synchronen Wechseln – Jesus im Dialog mit Pontius Pilatus, der unfreiwillig zum Vollstrecker seines Todesurteils wird. Ein hintergründiges Spiel mit gelenkten Puppenfiguren und zugleich über Videoprojektionen ins Gigantische vergrößert.

Wände fallen, Küchenschranktüren werden zu Pforten in die Unterwelt oder zur Guillotine, Omnibusse verwandeln sich in Raumschiffe. Die Zimmertür wird zum Einsteig in die vorüberfahrende Straßenbahn, und der Gott-Sei-Bei-Uns verschwindet wiedermal spurlos aus dem Raum.

Die Puppenstube als Weltgericht – und den Figuren wie auch dem erstaunten Publikum vergehen in den geglücktesten Momenten drehschwindelartig Hören und Sehen in dieser Simultanreise durch Raum und Zeit und unterschiedliche Wirklichkeits- und Spielebenen.

Doch eine derartig imaginative Omnipotenz lässt sich kaum über eine fast dreistündige Spieldauer halten, geschweige denn steigern. Und so wird aus schillernder Bosheit bemühte Provokation, die sich in gelangweiltem Wühlen in der Sadomaso-Ekelkiste erschöpft. Als der Teufel am Ende mit seinem grimassierenden Gefolge lieb winkend ins kosmische Irgendwohin abgeht, und der frisch erlöste Meister mitsamt seiner getreuen Margarita leblos in der Badewanne hängt, soll man merken: Die Luft ist raus.

Da geht’s den Figuren wie lange schon der Aufführung, deren zweiter Teil ein einziges wüst-schrilles Spektakel ist. Um es unverblümt zu sagen: Je mehr Bühnenblut fließt in dieser Mischung aus barockem Mysterienspiel und Rocky Horror Picture Show mit einem Schuss Götterdämmerung, umso blutleerer wird die Geschichte von Gott und Teufel, von dem Autor und dem KGB und Margarita, von Pilatus und Jesus und Erlösung von dem Übel. Schade.

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