Informationen am Morgen / Archiv 15.09.2016

Ben FerenczDer letzte Mann von NürnbergVon Mareike Aden

Porträt von Ben Ferencz (Deutschlandradio / Mareike Aden)Ben Ferencz ist heute 97 Jahre alt und lebt im Süden Floridas (Deutschlandradio / Mareike Aden)

Heute vor 69 Jahren begann in Nürnberg der sogenannte Einsatzgruppenprozess gegen 23 NS-Kriegsverbrecher. Sie hatten in Osteuropa zusammen mit fast 3.000 anderen SS-Männern wohl mehr als eine Million jüdische Zivilisten sowie Roma und Sinti erschossen. Chefankläger wurde der erst 27-jährige Ben Ferencz. Heute ist er mit 97 Jahren der letzte noch lebende Chefankläger der Nürnberger Prozesse.

Der Mann, der in Nürnberg Massenmörder der SS vor Gericht stellte, lebt in einem hell getünchten Bungalow mit einem orangeroten Flachdach in Delray Beach in Florida. Das Haus steht in einer der vielen sogenannten 55-plus-Residenzen im Bundesstaat, in die es ältere Amerikaner aus dem ganzen Land zieht.

Eine Pflegerin öffnet. Ben Ferencz, ein kleiner, sehniger Mann kommt mit zügigem Schritt hinzu.

Ferencz: "My dear wife, she is like me 97 years old."

Seine Frau Gertrude Ferencz ist 97 Jahre alt, genauso alt wie er. Sie liegt auf dem Sofa, wirkt erschöpft, viel gebrechlicher als ihr Mann.

Ben Ferencz führt mich in sein kleines Arbeitszimmer mit einem Computer. Hier schreibt er immer noch Reden und Fachartikel und kommuniziert mit Menschen weltweit per E-Mail und am Telefon. Er zeigt mir Werke, die er über Internationales Recht verfasst hat und einige der vielen Bücher, die weltweit über ihn geschrieben wurden. Dann nimmt er ein Schwarzweiß-Foto in die Hand.

"Ich wollte immer etwas gegen Verbrechen tun"

"Das ist ein berühmtes Foto. Das in der Mitte bin ich beim Nürnberger Prozess. Ich war der Chefankläger des größten Mordprozesses in der Geschichte der Menschheit. Gegen die Einsatztruppen: Sie hatten die Aufgabe, ohne Mitleid und Reue jeden Juden zu töten, egal ob Mann, Frau oder Kind. Diese Mordkommandos fielen mit der deutschen Armee in die ehemalige Sowjetunion ein. Und sie ermordeten auch Roma und Sinti, und alle, die sie als Feinde des Reiches sahen.

Ben Ferencz beginnt von sich zu erzählen: Er hat jüdische Wurzeln, wurde 1920 in einem ärmlichen Dorf in den Karpaten geboren, das damals zu Ungarn gehörte. In der Hoffnung auf ein besseres Leben emigrierte die Familie in die USA. Später studierte er Jura an der Elite-Universität Harvard.

"Ich wollte immer etwas gegen Verbrechen tun. Ich wuchs auf in einem Stadtteil mit viel Kriminalität. Mein Leben lang schon treibt mich eine Leidenschaft für eine friedlichere Gesellschaft an. Aber ich bin auch sicher, dass meine vielen traumatisierenden Erlebnisse eine gewisse Rolle spielen."

Als US-Soldat landete er am D-Day in der Normandie. Direkt nach dem Krieg war es seine Aufgabe, in den Konzentrationslagern Beweise für die Verbrechen der Nazis zu sammeln. Später half er aus Berlin bei der Vorbereitung der Nürnberger Prozesse. Eines Tages fand ein Mitarbeiter von ihm im ehemaligen Außenministerium der Nationalsozialisten einen Ordner mit dem Titel "SS-Ereignismeldungen aus der UdSSR".

"Ich hatte all ihre streng geheimen täglichen Berichte von der Front, darin war aufgelistet, welche Einheit im Einsatz war, wie viele Juden sie getötet hatten, wer der Kommandeur war."

Ferencz wird Chefankläger im ersten Prozess

Seine Vorgesetzten sagten, es gäbe weder Budget noch Personal für einen weiteren Prozess. Ferencz ließ nicht locker und wurde so selbst Chefankläger – es war sein erster Prozess. Der Anführer der Einsatzgruppen und 22 andere Mitglieder wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und anderer Kriegsverbrechen angeklagt. Für alle Männer der Einsatzgruppe, knapp 3.000, sei auf der Anklagebank nun mal kein Platz gewesen, sagt Ferencz. Es ging ihm darum, ein Zeichen zu setzen.

Ein Schwarz-Weiß-Foto des Chefanklägers der Nürnberger Prozesse Ben Ferencz in jungen Jahren. (Ben Ferencz)Der Chefankläger der Nürnberger Prozesse Ben Ferencz in jungen Jahren. (Ben Ferencz)"Ich eröffnete den Prozess mit einem Plädoyer dafür, wie wichtig Gesetze sind für die Menschheit und die Menschlichkeit. Ich sagte, Strafe und Rache seien nicht unser Ziel. Es gehe in diesem Fall um das Recht aller Menschen, in Frieden und Würde zu leben, egal wer sind sie und woher sie kommen."

Alle Angeklagten wurden schuldig gesprochen, vierzehn von ihnen vom Richter zum Tode verurteilt – in zehn Fällen wurde die Todesstrafe später in lebenslange Haft umgewandelt. Ferencz hatte nicht ausdrücklich die Todesstrafe gefordert, aber hält sie bis heute für angemessen.

"Diese Männer hatten eine Million Menschen ermordet. Man hätte fordern können, sie in eine Million Stücke zu zerreißen und an Hunde zu verfüttern. Es gibt keine Strafe, die auch nur ansatzweise ihren Verbrechen gerecht werden würde. Ich wollte den Prozess nutzen, um in der Zukunft solche Verbrechen zu verhindern. Und das versuche ich bis heute."

Auch Ankläger im ersten Prozess in Den Haag

Ben Ferencz zeigt mir Fotos aus der Zeit in Deutschland. In den ersten Jahren nach dem Krieg habe sich nie jemand bei ihm entschuldigt für die Taten oder für das Schweigen. Aber jetzt sei das anders. Die Deutschen, sagt er, hätten, ihre Lektion gelernt. Als die Bundesregierung ihm 2010 das Verdienstkreuz verleihen wollte, besprach er sich mit Überlebenden des Holocaust und den Angehörigen von Opfern.

"Ich denke immer an die Täter und die Opfer. Ich sagte ihnen, dass ich das Gefühl hatte, dass Deutschland aufrichtig Abbitte leisten wollte. Dass es ein Schlag ins Gesicht des jetzigen Deutschlands wäre, wenn ich ablehnen würde, denn sie tragen keine Schuld an den Sünden ihrer Väter. Die Überlebenden stimmten mir zu, und jetzt bin ich also Träger des Verdienstkreuzes erster Klasse."

Vor allem der Vietnamkrieg brachte ihn dazu, sich immer intensiver für die Gründung eines Internationalen Strafgerichtshofes einzusetzen – und mit 92 Jahren war er Ankläger im ersten Prozess, der je in Den Haag verhandelt wurde. Damals ging es um Kindersoldaten in Uganda. Ben Ferencz bedauert, dass ausgerechnet die USA den Internationalen Strafgerichtshof so wenig unterstützen.

"Wenn zwei Staatschefs sich streiten, schicken sie junge Menschen in ein Land, von dem die vielleicht noch nie gehört haben, um sich gegenseitig zu töten. Dann erklären beide ihren Sieg und fangen nach kurzer Pause wieder an. Das ist abscheulich, absurd und dumm. Ich will das ändern – mit Gesetzen und Rechtssprechung. Und sagt mir nicht, das ist unmöglich. Ich sehe dauernd, dass Unmögliches geschieht."

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