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StartseiteTag für Tag"Daily-Soap statt Shakespeare-Drama"14.01.2020

Benedikt XVI. und Franziskus"Daily-Soap statt Shakespeare-Drama"

Der frühere Papst spricht sich in einem neuen Buch gegen jede Veränderung am Zölibat aus. Das Pikante: Franziskus befasst sich auch gerade mit dem selben Thema. Je mehr sich Franziskus um die Ratzinger-Fans bemüht, desto mehr lehnen sie ihn ab, sagt Christiane Florin. Es gibt zwei Kirchen in einer.

Christiane Florin im Gespräch mit Monika Dittrich

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Zwei ältere Männer in weißen Roben stehen nebeneinander. Der links Stehende hat ein goldenes Kreuz an einer Kette um den Hals, der andere hat seine Hände gefaltet. (Picture Alliance / dpa / Osservatore Romano)
Mit seinem Nachfolger unzufrieden: Der zurückgetretene Papst Benedikt (r.) versucht, sich den Veränderungen seines Nachfolgers Franziskus (l.) entgegenzustellen. (Picture Alliance / dpa / Osservatore Romano)

Monika Dittrich: Der emeritierte Papst verteidigt den Zölibat – das waren Informationen von Jörg Seisselberg. Meine Kollegin Christiane Florin ist jetzt ins Studio gekommen, um das Thema weiter einzuordnen. Frau Florin, als Benedikt 2013 als Papst zurücktrat, da versprach er, künftig für die Welt "verborgen" zu bleiben, was wohl so viel heißen sollte wie: "Ich mische mich jetzt nicht mehr ein." Jetzt mischt er sich aber doch ein und vor allem bei einer so umstrittenen Frage. Warum tut er das?

Christiane Florin: Er selbst hat sein Schweigeversprechen schon mehrfach gebrochen, was ihn aber nicht davon abhält, sich zu einem Versprechen zu äußern, das Priester abgeben müssen. Eine Kombination mit einer gewissen Komik - aber Selbstwidersprüche gehören zum Katholizismus.

Dittrich: Es ist nicht das erste Mal, das er sich einmischt.

"Einschwören auf den rechten Weg"

Florin: Benedikt hat sich nach seinem sensationellen Rücktritt 2013 nur kurze Zeit wirklich zurückgezogen. Er hat das weiße Gewand nicht abgelegt, er ist auch nicht wieder Kardinal oder Bischof oder Joseph Ratzinger geworden. Er sich den Fantasietitel 'Papa Emeritus' genehmigt. Er hat sich auch recht schnell wieder zu Wort gemeldet, fast vergessen: 2014 ist von ihm ein Grußwort an die Abspaltung der Anglikaner erschienen, die er 2009 in die katholische Kirche aufgenommen hatte. Zum fünften Jahrestag hatte er ihnen dieses Grußwort geschickt.
Er hat – auch schon 2014 - das Ende eines Aufsatzes verändert. Er hatte Anfang der 1970er Jahre in einem Aufsatz über die Ehe geschrieben, dass wiederverheiratet Geschiedene die Kommunion bekommen könnten. 42 Jahre später hat er das Ende ins genaue Gegenteil verkehrt. Das wurde 2014 schon als Einmischung aufgefasst, weil die Familiensynode anstand und genau diese Frage diskutiert hat. 
Er hat kurz vor Ostern des vergangenen Jahres im "Klerusblatt" einen Aufsatz über sexualisierte Gewalt veröffentlicht, in dem er die 68er und liberale katholische Moraltheologen beschuldigt hat.

Es ist 2016 ein Buch erschienen - "Letzte Gespräche" - mit dem Namen Benedikt XVI.

Es wird immer wieder erkennbar, dass er in einer sehr abrechnenden Weise eingreift. Man erkennt auch, dass er diese Kirche immer noch als seine Kirche begreift, die er auf den rechten Weg einschwören will.

Die aktuelle Intervention hat trotz dieser Vorgeschichte eine neue Qualität, in doppelter Hinsicht: zum einen ist sein Mitautor, Kardinal Sarah, ein Gegner des Papstes. Zum anderen, weil ein nicht mehr amtierender Papst klar Stellung bezieht zu einem Thema, mit dem sich der aktuelle Papst befasst, nämlich dem Zölibat. Es gab schon mal einen Papstrücktritt in der Kirchengeschichte, den von Coelestin V. im 13. Jahrhundert, aber ich wüsste nicht, dass der sich danach eingemischt hätte. Insofern ist das einmalig.  

"Franziskus Loyalität wird auf eine harte Probe gestellt"

Dittrich: Kann Franziskus als Papst nicht so entscheiden, wie er es für richtig hält, egal, was andere sagen?

Florin: In der Theorie kann er das, da ist er der absolute Herrscher, der Boss. Er könnte mit einem Federstrich vieles ändern oder sogar alles. Aber die katholische Kirche ist ein traditionales Herrschaftssystem. Da sagt oder schreibt ein Papst nicht einfach: "Was meine Vorgänger gelehrt haben ist Quatsch und sich setze mich darüber hinweg und lehre etwas Anderes". Es muss zumindest der Eindruck erzeugt werden, dass man als Papst loyal ist gegenüber seinen Vorgängern. Diese Loyalität von Franziskus wird jetzt auf eine harte Probe gestellt.

Franziskus hat in seinen Schreiben immer Benedikt XVI., Johannes Paul II., Paul VI. zitiert. Paul VI. zum Beispiel hat sich in den 1960er Jahren zum Zölibat geäußert, hat ihn gegen die Kritik, die es damals schon gab, verteidigt. Aber Paul VI. kann sich heute nicht mehr äußern, wir wissen nicht, was er denkt. Insofern ist es jetzt eine pikante Situation, weil Franziskus nun genau weiß, was sein direkter Vorgänger will und vor allem, was er nicht will.

Derzeit kann man bei "Netflix" den Film "Die zwei Päpst sehen". Da sieht es so aus, als würden die einander ganz gut ergänzen. Aber ich glaube, das ist Fiktion. Benedikt fühlt sich offenbar zu keiner Loyalität gegenüber Franziskus verpflichtet und nutzt die ungewöhnliche Situation, dass er sich als Vorgänger zu Wort melden kann.

Ich glaube, es geht nicht allen um diese Frage, sondern um den Kurs der Kirche. Es geht um zwei Lager, die einander gegenüberstehen, nämlich um ein autoritäres Lager, das sagt: "Wir besitzen die Wahrheit und wir wollen unbedingt diese Wahrheit den anderen aufdrücken." Und auf der anderen Seite steht ein plurales Lager im Sinne von Franziskus'. Er spricht oft vom Freimut, von Diskussion und vom synodalen Prinzip. 

Man sieht jetzt, dass es Franziskus nicht gelingt, dieses autoritäre Lager einzubinden. Im Gegenteil: Je mehr er sich um diese Katholikinnen und Katholiken bemüht, desto weniger nehmen sie ihn ernst. Wenn sie bei Twitter schauen: Da gibt es eine Fraktion, die Franziskus nicht als Papst anspricht, sondern ihn "Bergoglio" nennt, die ihm eigentlich den Gehorsam aufgekündigt hat und Benedikt als den wahren Papst verehrt.  

Nur vorsichte Veränderungen am Zölibat werden diskutiert

Dittrich: Der Zölibat ist natürlich schon lange umstritten und umkämpft – aber andererseits muss man auch sagen: Franziskus hat den Zölibat bisher immer verteidigt und es sieht gar nicht so aus, als würde er ihn ohne weiteres und grundsätzlich abschaffen. Warum meldet sich Ratzinger nun trotzdem gerade jetzt so fulminant zu Wort?

Florin: Das stimmt. Franziskus hat nie gesagt, dass er den Zölibat freistellen möchte. Er hat nie gesagt, dass er jungen Männer, die sich zum Priesteramt berufen fühlen, die Wahl lassen will, ob sie zölibatär leben oder heiraten. Das steht überhaupt nicht zur Debatte. Diese Forderung gab es vor 50 Jahren, die steht aber heute nicht ernsthaft zur Diskussion.

Heute geht es lediglich darum, ob verheiratete, sogenannte bewährte Männer, zu Priestern geweiht werden können. Die Amazonas-Synode hat sich im vergangenen Herbst dazu sehr vorsichtig geäußert, sie hat das Reizwort "Viri Probati" in ihrer Abschlussempfehlung nicht benutzt, sondern von "Ständigen Diakonen" gesprochen. Doch auch an dieser vorsichtigen Äußerung gibt es in dem neuen Buch massive Kritik. Sarah bezeichnet schon diese kleine - noch gar nicht beschlossene - Veränderung als "pastorale Katastrophe, als ekklesiologische Verwirrung, als Verdunkelung des Verständnisses des Priestertums". Das sind ganz große Bedrohungsszenarien, die da aufgebaut werden.

Man muss sehen: Es geht nicht allein um den Zölibat. Es ist eine symbolische Auseinandersetzung um den Kurs dieser Kirche. Joseph Ratzinger war Präfekt der Glaubenskongregation, er hat schon Verbote ausgesprochen, bevor die meisten überhaupt wussten, wovon da die Rede ist. Er befürchtet, dass jede kleine Veränderung große Konsequenzen nach sich zieht. 

"Er bleibt sich treu, indem er sein Schweigen bricht"

Dittrich: Will Benedikt seinem Nachfolger schaden?

Florin: Er schadet vor allem sich selbst. Was wir hier sehen ist ja nicht ein großes Shakespeare-Drama, sondern eine billige Daily-Soap. Die Entourage Benedikts tut einiges dafür, ihn als Gegenpapst oder als wahren Papst in Szene zu setzen. Kürzlich konnte man einen Hausbesuch bei Benedikt XVI. im Bayerischen Fernsehen sehen. Man sah einen gebrechlichen Mann, der kaum sprechen konnte. Wenn der Reporter den früheren Papst fragte, dann antwortete Benedikts Privatsekretär Georg Gänswein – billigste Seifenoper. 

Ich bin trotzdem nicht der Ansicht, dass Benedikt nur von Leuten wie Gänswein instrumentalisiert wird. Joseph Ratzinger war in seinen kirchlichen Ämtern immer davon überzeugt, die Wahrheit zu besitzen. Er weiß, wie die Heilige katholische Kirche aussehen muss und er ging gegen jeden vor, der davon abweicht. Er hat einen pessimistischen Blick auf die Welt. Joseph Ratzinger bleibt sich treu, indem er sein Schweigegelübde bricht.

Dittrich: Vielen Dank, Christiane Florin, für diese Einschätzungen – wir sprachen über das Buch, das morgen in Frankreich erscheint und in dem der emeritierte Papst Benedikt sich zum Zölibat äußert.

 

 

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