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StartseiteForschung aktuellWie der Klimawandel unsere Gesundheit bedroht03.12.2020

Bericht "Lancet Countdown 2020"Wie der Klimawandel unsere Gesundheit bedroht

Forschende aus 35 akademischen Einrichtungen und UN-Agenturen haben mitgearbeitet am jährlich erscheinenden "Lancet Countdown" - ein Bericht zu den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels. Darin ist von besorgniserregenden Trends die Rede. So hat etwa die Zahl der Hitzetoten deutlich zugenommen.

Von Volker Mrasek

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Ein analoges Thermometer vor blauem Himmel zeigt 40 Grad Celsius an. (Arnulf Hettrich / imago-images)
Durch den Klimawandel bedingte Hitzewellen stellen zunehmend ein Gesundheitsrisiko dar. (Arnulf Hettrich / imago-images)
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In den letzten zwei Jahrzehnten haben Todesfälle durch Hitzewellen unter Seniorinnen und Senioren um mehr als die Hälfte zugenommen. Der weltweite Kohleverbrauch stieg zuletzt wieder an, durch die Schadstoffemissionen der Kraftwerke stirbt jedes Jahr eine Million Menschen vorzeitig. In vielen Ländern erhöhen zunehmende Waldbrände das Risiko für Leib und Leben. Die Bedingungen für die Ausbreitung von Mücken, die Infektionskrankheiten wie Dengue-Fieber oder Malaria übertragen, haben sich rapide verbessert.

Bildnummer: 53915477 Datum: 03.02.2010 Copyright: imago/Stefan M Prager Prof. Dr. med. Claudia Traidl-Hoffmann / Zelluläre Immunologie / ZAUM - Zentrum Allergie und Umwelt an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie / Technische Universität München am 03.02.2010 People Wirtschaft Gesellschaft Medizin Shooting Porträt kbdig xmk 2010 quer Focus Portrait Wissenschaft Bildnummer 53915477 Date 03 02 2010 Copyright Imago Stefan M Prague Prof Dr Med Claudia Hoffmann Immunology Bridle Center Allergy and Environment to the Clinic and Clinic for Dermatology and Allergology technical University Munich at 03 02 2010 Celebrities Economy Society Medicine Shooting Portrait Kbdig xmk 2010 horizontal Focus Portrait Science (Imago Images / Stefan M. Prager) Claudia Traidl-Hoffmann (Imago Images / Stefan M. Prager)

Das sind einige der Kernaussagen im neuen Lancet Countdown über gesundheitliche Risiken durch den Klimawandel und dessen Auslöser. Der Bericht enthält auch ein Dossier für Deutschland. Daran mitgeschrieben hat Claudia Traidl-Hoffmann, Direktorin für Umweltmedizin im Helmholtz-Zentrum München und im Uni-Klinikum Augsburg:

"Infektionen: Wir steuern im Prinzip auf eine Entwicklung hin, dass wir hier in Deutschland vermehrt Borreliose, aber auch zum Beispiel Malaria haben werden. Also die Mücke ist schon da. Wir brauchen nur noch den Parasiten in der Mücke."

Hitzeextreme als größtes Gesundheitsrisiko

Drei Viertel der Bundesbürger leben in Städten, in denen zusätzlich ein Hitzeinsel-Effekt auftritt, durch die dichte Bebauung und Straßen, die sich im Sommer aufheizen. Viele Kommunen betrachten Hitzeextreme daher als größtes Gesundheitsrisiko durch die Klimaerwärmung. Doch es fehle an nötigen Konzepten für den Ernstfall, kritisiert die Medizinerin:

"Wir Deutsche sind da wirklich nicht gut, weil wir da insgesamt keine guten Hitzeaktionspläne haben. Die Schweiz ist gut, noch besser sind die Franzosen. Es ist wirklich in Frankreich ganz klar, was passiert, welche alte Frau zu welchem Zeitpunkt dann auch Wasser bekommt. Und das braucht es! Die Sommer, die wir jetzt in den letzten Jahren als heiß empfunden haben, werden in Zukunft die kühleren Sommer."

  (Sean Gallup / Getty Images) (Sean Gallup / Getty Images)

Die Bevölkerung sei dabei verletzlicher geworden. Das dürfe man nicht außer Acht lassen, mahnt die Helmholtz-Forscherin: "Wir haben eine Gesellschaft, die gealtert ist. Und gerade die ganzen Hitzetage wirken vermehrt auf die verletzlichen älteren Personen. Da haben wir’s wieder: nicht nur Corona, auch die Hitzetage!"

Auch Allergien dürften zunehmen

Claudia Traidl-Hoffmann geht auch davon aus, dass die Zahl der Allergiker in Deutschland weiter steigt. Das hat damit zu tun, dass sich die Vegetationsperiode verlängert und damit auch die Zeit, in der allergieauslösende Pflanzen blühen. Oder es machen sich neue bei uns breit wie die Beifuß-Ambrosie. In beiden Fällen wächst die Exposition gegenüber den Pflanzenpollen und damit auch das Risiko, sich einen Heuschnupfen einzuhandeln.

Manchmal geschieht das aber auch unbedacht durch eigentlich gut gemeinte Maßnahmen. Die Medizinerin nennt hier Berlin als Beispiel:

"Nachhaltige Städteplanung bedeutet, dass man alle an einen Tisch bringt, die Ahnung haben, sprich: die Mediziner miteinbeziehen. Oder läuft es so wie am Potsdamer Platz, dass da eine Birke neben der anderen steht und die Birken eben die Bäume sind, die die stärksten Allergieauslöser in Deutschland sind? Wir haben nun mal 40 Prozent Allergiker in Deutschland – eine Masse von Menschen, die man durchaus berücksichtigen sollte."

Im Argen liegt in Deutschland auch immer noch die Klima- und Gesundheitsbelastung durch Pkw und Lkw. Das ist nicht nur der Sektor, der weiterhin viel zu viel CO2 ausstößt. Durch Feinstaub aus dem Autoverkehr gebe es auch mehr als 40.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr, heißt es im neuen Lancet Countdown. Daher der Appell im Report: Städte sollten mehr verkehrsberuhigte oder autofreie Zonen einrichten und das Radwegenetz ausbauen.

Umdenken bei Stadt- und Verkehrsplanung 

Eine Forderung, die auch Michael Kopatz unterstützt. Der Sozialwissenschaftler arbeitet beim Wuppertal-Institut im Forschungsbereich Stadtwandel:

"Beim Radverkehr gibt’s einige Städte, die jetzt ambitionierter sind wie gerade Berlin. München zum Beispiel betätigt sich im Parkplatzrückbau. Was aber in 95 Prozent der Städte passiert, ist das Gegenteil: dass immer mehr Parkplätze entstehen. Wenn ich jetzt ‘mal nur meine Heimatstadt Osnabrück nehme: In Osnabrück ist CO2 sogar um elf Prozent gestiegen – allein, weil’s immer mehr Autos werden "

Auch die Europäische Umweltagentur veröffentlichte in dieser Woche einen neuen Bericht zur Anpassung an den Klimawandel. Die Botschaft deckt sich mit der des Lancet Countdowns: Es sei dringend nötig, dass die EU-Staaten Maßnahmen entwickeln und umsetzen, um besser vorbereitet zu sein – nicht nur auf Hitzewellen und Dürren, sondern auch auf mehr Starkregen und Überschwemmungen.

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