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StartseiteCorso"Du kannst dich nicht umfärben!"15.07.2020

Berlin Alexanderplatz 2020"Du kannst dich nicht umfärben!"

Burhan Qurbani hat Alfred Döblins Literaturklassiker "Berlin Alexanderplatz" ein drittes Mal verfilmt. Nur schlägt sich Franz Biberkopf bei ihm als illegalisierter Drogendealer Francis herum. Über die Fluchtgeschichte seiner Eltern sagte der Regisseur im Dlf: "Ich leb das in den Figuren meiner Filme aus."

Burhan Qurbani im Gespräch mit Sigrid Fischer

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Welket Bungué und Jella Haase in "Berlin Alexanderplatz" von Burhan Qurbani. (2019 Sommerhaus / eOne Germany / Stephanie Kulbach)
Mieze (Jella Haase) nimmt sich Francis (Welket Bungué) an. (2019 Sommerhaus / eOne Germany / Stephanie Kulbach)
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Generationen von Schülern mussten Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" in der Schule lesen. Ebenso Burhan Qurbani. Er ist der dritte Regisseur, der den Stoff verfilmt hat. Nach Phil Jutzi (1931) und (Rainer Werner Fassbinder) 1980. Dessen 13-teilige Serie (plus Epilog) hat Filmgeschichte geschrieben und ist derzeit in der Arte Mediathek zu sehen.

"Ich will gut sein"

Aber davon hat Qurbani sich nicht beeindruckenkassen. Er hat seine Version für das 21. Jahrhundert gefunden: Bei ihm ist die Hauptfigur Franz Bibkerkopf ein Gelflüchteter aus Guinea Bissau. Er heißt Francis und versucht ein guter Mensch zu sein - was er nicht immer war. Aber im Moloch Berlin in der Flüchtlingsunterkunft mit Schwarzarbeit auf dem Bau gelingt das nicht so richtig. Er wird von Reinhold, auch eine zentrale Figur im Roman, zum Drogendealen verführt, obwohl er mit der Prostituierten Mieze das richtige Leben führen könnte. 

Auf der Berlinale kam der Film gut an, ging aber leider leer aus. Eigentlich sollte der Film bereits im April 2020 in die Kinos kommen, nun läuft er mit drei Monaten Verzögerung an und kommt gerade rechtzeitig. Im Zusammenhang mit den aktuellen Debatten um strukturellen Rassismus zeigt er Berlin aus der Perspektive eines Mannes, der als Schwarzer inmitten des bürgerlichen Stadtparks zum Unsichtbaren wird.

Die Wahl dieser Perspektive hat viel mit Burhan Qurbanis Familiengeschichte zu tun, wie er im Interview erzählte.

"Fick dich Rainer, das ist mein Set"

Sigrid Fischer: Burhan Qurbani, da mussten Sie gegen zwei Klassiker andrehen, gegen den Roman von Alfred Döblin und die Fassbinder-Serie Berlin Alexanderplatz. Die erste Verfilmung mit Heinrich George war ja nicht so wirkmächtig. Wie groß waren die Schatten an der Wand?

Burhan Qurabani: Ich war da sehr ignorant. Vielleicht auch weil unser Ansatz nie am Klassiker gerührt hat. Wir wollten niemals ein period piece machen, wo wir mit Rainer Werner in Konflikt geraten wären. So sehr ich seine Arbeit schätze, so sehr unterscheide ich mich, glaube ich, auch von ihm in der Arbeitsweise und im Stil. Es gab aber schon einen Abend vor dem Dreh, wo ich geträumt hab, ich war auf meinem Set, und Rainer Werner Fassbinder kam vorbei und hat Regie geführt. Und die anderen haben nicht mehr auf mich gehört. Und ich hab im Traum geschrien: "Fick Dich, Rainer, lass mich alleine, das ist mein Set!" Aber das war der einzig Moment, wo es mich wirklich belastet hat.

"Unsichtbar für die bürgerliche Mittelschicht"

Fischer: Die Übersetzung des Romans "Berlin Alexanderplatz" von 1929 in die Jetztzeit, ergibt Sinn. Auch dass die Hauptfigur Franz Biberkopf jetzt ein Geflüchteter aus Afrika ist und in der Berliner Hasenheide Drogen verkauft. Wie im Roman Biberkopf möchte Francis eigentlich ein anständiges Leben führen, was aber schwer gelingt unter seinen Lebensbedingungen. Das ist ja wenig fiktional, oder?

Qurbani: Für mich hat das viel damit zu tun – ich hab zu dem Zeitpunkt über zehn Jahre schon an der Hasenheide gelebt und war halt ständig konfrontiert mit diesem gutbürgerliche Park, wo es einen Minigolfplatz gibt, ein Freilichtkino, einen Streichelzoo und die Menschen, die mit ihren Familien dadurch laufen und auf der anderen Seite ständig konfrontiert sind mit den leider hauptsächlich subsaharischen Drogendealern. Es gibt ein ekelhaftes Ist-Gleichzeichen: schwarz = Drogendealer.

Der Gedanke kam mir in diesem Park und auch nur in Zusammenhang mit diesen Männern. Gute Ideen sind so rar, man hinterfragt die dann nicht, man versucht das dann mal auszuarbeiten. Und ich fand einfach die Parallelen zu Franz Biberkopf, der auch ausgegrenzt ist, der ein kleinkrimineller Tagelöhner ist, der irgendwie versucht, seinen Weg durch Berlin zu machen, der nicht wirklich integriert ist in die Gesellschaft und in seinem parallelen Universum lebt, das unsichtbar ist für die bürgerliche Mittelschicht – das hab ich gesehen bei diesen Jungs im Park. Oder das waren Parallelen, die ich für mich übersetzen konnte.

Porträt des Regisseurs Burhan Qurbani, im weißen Pullover (picture alliance / dpa-Zentralbild / Britta Pedersen)Der Regisseur Burhan Qurbani kleidet sich wie ein Hipster und kommt doch nicht aus seiner Haut. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Britta Pedersen)

Geerbtes Trauma

Fischer: Sie, Burhan Qurbani, sind in Deutschland geboren, haben in Ludwigsburg Film studiert. Ihre Eltern kamen als politische Flüchtlinge 1979 aus Afghanistan. Hat die Idee auch mit der Geschichte Ihrer Eltern zu tun?

Qurbani: Naja, Meine Eltern kamen nach Deutschland mit zwei Koffern und sonst nichts. Sie haben alles hinter sich gelassen und mussten von vorne anfangen. Ich glaube, dass das bei ihnen ein Grundtrauma ausgelöst hat, das zu mir durchgesickert ist. Das macht was mit Dir, Du kannst das nicht abschütteln.

Ich glaube meinen Freunden und den Menschen, die mich lieben, dass sie meinen Phänotyp nicht wahrnehmen. Dass sie mich nicht sehen als was Fremdes. Das Ding ist, ich kann es aber für mich selbst nicht abschütteln. Ich unterstelle die Wahrnehmung meines Fremdseins immer dem anderen. Ich kann damit nicht aufhören. Wenn ich z.B. diese Jungs in dem Park sehe, dass sie über ihren Phänotyp Vorurteile auslösen, da entwickelt sich bei mir Brechreiz. Weil dagegen kannst Du nichts tun. Du kannst Dich nicht umfärben. Du kannst nicht von heute auf morgen anders aussehen. Vielleicht überspitze ich das, weil ich meine Haare selbst rasiere und mich wie ein Hipster anziehe, aber ich leb das in den Figuren meiner Filme irgendwie aus.

Fischer: Wie ist Ihr Verhältnis zu Afghanistan heute, falls Sie eins haben?

Qurbani: Ich weiß nicht, wer den Roman "Nach Afghanistan kommt Gott nur zum Weinen" geschrieben hat. Ich glaube, das fasst die letzten 40 Jahre recht gut zusammen. Natürlich bin ich hier geboren, aber ich bin mit Persisch  aufgewachsen, peu à peu hat sich auch die afghanische Community in Deutschland gebildet, ich definiere einen Teil meiner Persönlichkeit als afghanisch und deutsch. Aber ich kann nicht anders als heartbroken zu sein, dass wir dabei sind, dieses Land wieder aufzugeben.

Ein Beitrag zum antifaschistischen Widerstand

Fischer: Brechreiz, sagten Sie eben, wie empfinden Sie denn dann die Stimmung in Deutschland heute – gerade als jemand mit Ihrer Familiengeschichte.

Qurbani: Puh – Ich will Deutschland nicht verlassen, ich will hier arbeiten, eine Familie großziehen, ich will nicht aufgeben, daran zu glauben, dass es wieder besser wird, nachdem es erstmal schlimmer werden muss. Ich mach meine Arbeit – das haben Sie vielleicht schon woanders gelesen – ich sehe das als meinen Beitrag zum antifaschistischen Widerstand. Ich finde, wenn man Filme macht, in denen man versucht, den Blick der Menschen umzulenken, oder durch eine andere Linse zu führen, dass man dadurch  Paradigmenwechsel oder einer Umdeutung der eigenen Sicht ermöglicht. Das ist für mich das Gegenteil von dem, was Faschismus macht.

Faschismus fokussiert auf ein sehr simples, klares Weltbild, das aber vor allem denen dient, die den Blick führen. Zu sagen, die Welt ist schwarz und weiß, sie ist gut und böse, es sind die und wir, das ist für mich kein differenzierter, demokratischer, pluralistischer Blick. Ich finde das zerstörerisch. Und was ich mache in meiner Arbeit, ist, den Blick zu erweitern, aufzumachen, aber immer nur unter der Vorrausetzung eines Zuschauers, der mit offenen Augen und offenem Herzen in meine Filme reingeht.

Die Sprache der Uneinigkeit

Fischer: Sie haben 2013, 2014, als PEGIDA und AfD im Aufwind waren, Ihren Film "Wir sind jung. Wir sind stark" über rechte Jugendliche in Rostock-Lichtenhagen zur Zeit der Anschläge 1992 gedreht. Die Entwicklung rechter Tendenzen ist nicht besser geworden seit dem Film. Haben Sie das damals geahnt? 

Qurbani: Ich bin davon ausgegangen, das wird kurz anschwellen, dann ist es weg. Aber bei dem was inzwischen passiert, glaube ich, ist Deutschland nicht das Problem, es passiert ja überall. Alles zieht in die Extreme, es gibt kaum noch Berührungspunkt zwischen den Lagern, die immer extremer werden. Und das schlimmste für mich, als jemand, der Sprache so sehr liebt, wir haben keine Sprache der Uneinigkeit mehr.

Wenn ich im Netz auf einem Blog oder im Kommentarbereich nur noch versuche, stärker und aggressiver zu sein als der andere, die Diskussion zu gewinnen, statt eine Art von Konsens zu finden, dann radikalisiert man sich ja automatisch. Ich mag den Begriff der Sprache der Uneinigkeit: wir verstehen uns nicht, haben unterschiedliche Vorstellungen von etwas, aber wir können uns trotzdem auf ein Vokabular einigen, mit dem wir uns rational unterhalten können und trotzdem ein Zusammenleben in der Gesellschaft möglich ist. Wenn wir das aber nicht mehr hinkriegen, dann – das macht mir Angst.

Äußerungen unserer Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Burhan Qurbanis "Berlin Alexanderplatz" mit Welket Bungué und Jella Haase ab dem 16.07.2020 im Kino. 

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