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StartseiteDlf-MagazinWas Flüchtlinge über den Asylstreit denken21.06.2018

BerlinWas Flüchtlinge über den Asylstreit denken

Obergrenzen, Ankerzentren und Zurückweisungen an der Grenze beschäftigen nicht nur Politiker. Geflüchtete in Berlin zeigen teils Verständnis für den deutschen Asylstreit - teils haben sie Angst, dass nun die Gesetze restriktiver werden.

Von Manfred Götzke

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In Berlin lebende Flüchtlinge demonstrieren für den Familiennachzug (Imago)
In Berlin lebende Flüchtlinge demonstrieren für den Familiennachzug (Imago)
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Ali Farahi verstaut seine Spiegelreflex kurz in der Kamera-Tasche, hebt ein großes weißes Leinen-Transparent an: 

"Ich hab mit den anderen die Plakate hier gemacht: Ankerzentrum = Gefängnis. Ich bin kein Verbrecher, es ist - glaub ich - klar, dass wir keine Kriminellen sind."  

Farahi wäre ein potentieller Insasse der Ankerzentren, die Innenminister Horst Seehofer plant. Er ist Flüchtling aus dem Iran, seit knapp zwei Jahren in Deutschland. Der 20-Jährige ist an diesem Mittwochabend zu einer Kundgebung vor dem Reichstag gekommen. Er und 25 weitere Flüchtlinge aus Syrien, dem Iran und Kamerun demonstrieren gegen die neue Regelung zum Familiennachzug, vor allem aber gegen die Flüchtlingspolitik von Seehofer und seiner CSU.

"Dass neue Flüchtlinge alle im Heim gehalten werden müssen und sie dürfen nicht raus, und - was ich mir vorstelle – es gibt auch keine Deutschkurse, keine Schule, keine Kita, nichts: Ich glaube, das ist unmenschlich."

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) spricht über den Streit über die Asylpolitik in der Union. (imago stock&people)Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU)hat die Idee der Ankerzentren ins Spiel gebracht, möchte aber auch bereits in einem anderen Land registrierte Flüchtlinge gleich an der Grenze zurückweisen lassen (imago stock&people)

Ruf nach Obergrenze nachvollziehbar

Farahi verfolgt ziemlich genau, wie zurzeit in der Großen Koalition oder genauer innerhalb der Union über Asyl, Flüchtlinge und Migration gestritten wird. Die Frage der Zurückweisung von registrierten Geflüchteten an der Grenze regt ihn dabei gar nicht mal so sehr auf. Der junge Filmemacher kann auch nachvollziehen, dass ein Teil der deutschen Gesellschaft eine "Obergrenze" will: 

"Das ist nicht hundertprozentig unmenschlich, das ist verständlich. Aber dass gar keine Flüchtlinge kommen dürfen, ist nicht so gut. Ich hab gehört, dass maximal 220.000 Flüchtlinge pro Jahr kommen dürfen, das ist verständlich." 

Der Iraner packt seine Kamera wieder aus, fotografiert und filmt die paar verstreut herumstehenden Demonstranten und deren Plakate. Sonst dreht er mit seinem Bruder Videos gegen das iranische Mullah-Regime. Seit der Streit in der Union eskaliert, macht ihm vor allem eines Angst: dass Merkel zurücktreten könnte – und die Asyl-Politik noch restriktiver wird. Sein Antrag wurde nämlich abgelehnt. 

"Wenn wir zurückgehen, dann sind wir 100 Prozent tot."

Reporter: "Und Sie haben Angst, dass das passieren könnte?"

"Ja, klar!"

Weniger Familiennachzug wird als ungerecht empfunden

Ein paar Meter entfernt diskutiert Fahdi Musali mit syrischen Bekannten darüber, wie es für sie weiter gehen könnte. Schon das neue Gesetz über die Beschränkung des Familiennachzugs, das der Bundestag vergangene Woche beschlossen hat, lässt für sie so viele Fragen offen. Wer gehört nun zu den wenigen Auserwählten, die ihre Familie nach Deutschland holen können?   

"Das ist ein Scheißgesetz, das ist ungerecht, das ist gegen unser Recht hier in Deutschland. Sie haben uns begrüßt 2015, und jetzt sagen sie: kein Anspruch auf Familiennachzug. So geht es nicht."

Und dann gibt es ja eben noch das, was vom "Masterplan Migration" des Innenministers bekannt ist: 

"Was Seehofer macht, ist ganz komisch. Jeder weiß, er muss eine Wahl in Bayern gewinnen und deswegen lässt er alles beiseite und sagt: Ok, wir haben einen Skandal im Bamf, wir haben kriminelle Flüchtlinge, wir machen die Grenzen zu. Das ist gegen das Gesetz auch, wissen Sie: Wenn eine Frau über Griechenland nach Deutschland kommt und ihr Mann ist da, darf sie grundsätzlich hier bleiben. Der Streit ist komisch. Angela Merkel, ich respektiere sie, sie versucht Stabilität zu bringen. Aber diese CSU und besonders Herr Seehofer, das ist nicht in Ordnung."

Allgegenwärtige Ablehnung

Musali hört gar nicht mehr auf zu reden. Der 43-jährige Syrer ist vor knapp sechs Jahren nach Deutschland gekommen. Was er derzeit neu erlebt: allgegenwärtige Ablehnung.  

"Die Gesellschaft jetzt, sie sagt immer Flüchtlingskriminalität und so weiter - diese Reden jetzt, das hilft doch nicht weiter! Wir sind Menschen, wie die anderen auch."  

Milad Ahmadi dippt ein Chicken-Nugget nach dem anderen in die Currysoße und schlingt es herunter. Er ist direkt vom Gymnasium in den Gemeinschafts-Garten der Flüchtlingsinitiative "Nachbarschafft" – mit zwei ff, wie in "schaffen" - in Berlin-Wilmersdorf gekommen. Katja Kittelmann, die Frau, bei der er wohnt und die er manchmal schon Mama nennt, hat ihm sein Essen mitgebracht.  

Der 18-Jährige verfolgt zwar nicht jede Kapriole im Berliner Koalitionszwist, dafür hat der Afghane gar keine Zeit - der Gymnasiast sucht sich gerade einen Ausbildungsplatz. Doch auch er hat den Asylstreit mitbekommen. Ahmadi nennt Seehofer nur "euren Heimatminister": 

"Er hat auch gesagt, Islam gehört nicht zu Deutschland, das war das erste Thema für ihn. Und dieser Begriff Heimat, der macht mir gerade Angst eigentlich, weil wir überhaupt nicht hierher gehören, wir sind Geflüchtete, und der Begriff Heimat ist nur für die Deutschen." 

"Wir hängen in der Luft"

Mittlerweile hat sich sein Kumpel Dschawad Asisi neben ihn auf die selbstgebaute Europaletten-Bank gesetzt, er ist zwei Jahre älter, macht eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Wie sein Freund könnte auch er jederzeit nach Afghanistan abgeschoben werden, da auch sein Asylgesuch abgelehnt wurde. Das Verfahren gegen den Entscheid läuft seit einem Jahr.

"Was wird geschehen, nachdem vielleicht ein neues Gesetz kommt: Werden wir dann vielleicht auch abgeschoben? Wir hängen in der Luft und wissen nicht, wie es weiter geht. Das macht uns ein bisschen Angst." 

Und während beide darauf warten, dass über ihr Schicksal entschieden wird, verschärfe sich Tag für Tag die Stimmung gegen Flüchtlinge, sagen sie. Und: Es verschärfen sich nun voraussichtlich auch die Gesetze.

"Dass die Flüchtlinge so begrenzt werden, Menschen, die vor Krieg weglaufen, das ist einfach nicht fair, nicht menschlich. Weil Menschen helfen einander - ich hab so viele Freunde hier gefunden, meine Freunde sind alle Deutsche und die helfen mir! Das sind wir Menschen, wir helfen einander, wo wir Hilfe brauchen." 

Die beiden jungen Afghanen erleben die Spaltung der deutschen Gesellschaft in der Flüchtlingspolitik jeden Tag. Auf der Straße werden sie jetzt häufiger angepöbelt als noch vor zwei Jahren. Und trotzdem, sagen sie, fühlen sie sich hier in Deutschland noch zu Hause, bei ihren Freunden in der "Nachbarschafft".

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