Mittwoch, 17. April 2024

Berlinale
Kommentar: Kulturinstitutionen geraten politisch unter Druck

Die Kulturinstitutionen in Deutschland würden gegenüber politischer Einflussnahme zu leicht einknicken, kommentiert Vladimir Balzer. So etwa die Berlinale, die sich mit dem Ausladen von AfD-Abgeordneten dem moralischen Druck von außen gebeugt habe.

Ein Kommentar von Vladimir Balzer | 15.02.2024
Model Papis Loveday, der ein Schild mit den Worten No Racism, No AfD hochhält,  und Schauspielerin Pheline Roggan, die eine Kette mit den Buchstaben FCK AFD trägt, bei der Festivaleröffnung der Berlinale.
Model Papis Loveday und Schauspielerin Pheline Roggan mit deutlichen Botschaften gegen die AfD. Kulturinstitutionen sollten Orte für freie Kunst, für offenen Austausch und das Aushalten von Widersprüchen bleiben, meint Vladimir Balzer. (IMAGO / ZUMA Wire, Marina Takimoto)
Was seit Monaten schon im akademischen Betrieb passiert, das greift immer mehr auf den Kulturbetrieb über. Und das wird vermutlich auch die Berlinale zu spüren bekommen: die de facto Geiselnahme von Institutionen des freien Denkens für politische Anliegen. Diese können dabei sehr unterschiedlich sein. Das reicht vom Nahost-Krieg bis hin zum Umgang mit der AfD. 
Beim Thema Nahost war es so: Nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober sollte es allerorten öffentliche Bekenntnisse zu Israel geben. Dies ging so weit, dass diverse Entscheidungsgremien alles absagten, was auch nur entfernt nach Israel-Kritik klang.

Kapern von Kulturveranstaltungen

Kurz darauf kam es unter dem Eindruck des Gaza-Krieges zu einer Art inoffiziellen Gegenbewegung mit der ganz anderen Erwartungshaltung: dass man sich für die Palästinenser einsetzen müsse und dass auch Kulturinstitutionen sich in diesen Dienst zu stellen hätten. Im Gegensatz zu der eingeforderten Solidarisierung mit Israel - die eher als offizielle Erwartungshaltung verstanden werden konnte -  wurde jedoch die Parteinahme für die Palästinenser viel konfrontativer eingefordert.
Das führt in der Folge dazu, dass immer häufiger Kulturveranstaltungen von selbst ernannten "Aktivistinnen" gekapert und politisch instrumentalisiert werden. Künstlerinnen - wie etwa letztens in der Kunsthalle Hamburger Bahnhof in Berlin bei einer Performance passiert - werden niedergebrüllt, beleidigt, von der Bühne gedrängt.

Verständnisvolles Diskutieren statt Hausrecht durchsetzen

Anstatt hier konsequent das Hausrecht durchzusetzen, wählen Direktorinnen und Kuratoren oft den Weg der direkten Kommunikation und beginnen verständnisvoll zu diskutieren und auf die Störer einzugehen. Im Hamburger Bahnhof beispielsweise dauerte es 20 Minuten, bis der aggressive Mob das Haus verließ. Aber nicht etwa, weil die Truppe rausgeschmissen wurde, sondern weil sie selbst entschied zu gehen. Die Kunstfreiheit ist bedroht, wenn solche Szenen zum Normalzustand werden.
Diese Vorgänge zeigen aber auch, wie überfordert der Kulturbetrieb hierzulande mit sich verschärfenden politischen Konflikten ist: international nach den Erschütterungen durch den Nahost-Krieg. Und national, wenn es um den Umgang mit der AfD geht. Die ist in den Parlamenten dieses Landes nun mal vertreten und kontrolliert - demokratisch legitimiert - die Kulturausgaben mit.

Orte für offenen Austausch und Aushalten von Widersprüchen

Das ist angesichts der offensichtlichen Kulturfeindlichkeit der AfD natürlich ein Widerspruch. Aber den muss man aushalten. Und da sind wir wieder bei der Berlinale. Die hat sich - wie die meisten Kulturinstitutionen hierzulande - einem moralischen Druck von Außen gebeugt und in diesem Fall demokratisch gewählte Abgeordnete der AfD wieder ausgeladen. Warum? Wird damit diese Partei auch nur einen winzigen Deut geschwächt? Keineswegs.
Die Schlussfolgerung von alldem ist klar: Kulturinstitutionen müssen sich endlich entscheiden. Sind sie ein Ort für die freie Kunst, für offenen Austausch, für das Aushalten von Widersprüchen? Oder sind sie moralische Anstalten, die sich immer und überall politisch bekennen müssen? Sie sollten sich für das erstere entscheiden. Alles andere würde sie überfordern.