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Berliner Geschichte
Homosexualität als Identitätsmerkmal

Schon im 19. Jahrhundert galt Berlin als Paradies für Homosexuelle. Es wurden nicht nur wilde Partys gefeiert, sondern auch gleiche Rechte eingefordert. Der Autor Robert Beachy skizziert in seinem neuen Buch "Das andere Berlin", wie in der Hauptstadt eine einzigartige Subkultur entstehen konnte.

Von Stephanie Rohde | 10.08.2015

    Berlin hat eine lange Tradition im Kampf für die Rechte Homosexueller
    Berlin hat eine lange Tradition im Kampf für die Rechte Homosexueller (dpa/picture alliance/Andreas Gebert)
    Denkt man an Berlin nach dem Ersten Weltkrieg, dann kommt man wohl nicht gleich als erstes darauf, die Stadt als "Tagtraum des Arschfickers" zu bezeichnen. Genau das war sie aber, schwärmte Wystan Hugh Auden. Der englische Dichter war einer der berühmtesten "Sextouristen" Berlins, das international bekannt war für ausschweifende homosexuelle Kostümbälle und weitverbreitete männliche Prostitution.
    Was aber nur die Wenigsten wissen: Die homosexuelle Identität existierte in Berlin schon lange vor den wilden 1920er Jahren. Robert Beachy zufolge hat sich die "homosexuelle Spezies" schon ab den 1860er Jahren in Deutschland herausgebildet.
    "Ich denke, dieses Verständnis von Identität und vom Wesen der Homosexualität, ist meiner Meinung nach eine Berliner Erfindung. Hier haben Menschen zum ersten Mal über gleichgeschlechtliches Begehren gesprochen als etwas, mit dem du geboren wirst und was Teil von dir ist."
    Die Überzeugung, dass Homosexualität angeboren ist, etablierte sich demnach im deutschen Diskurs von politischen Aktivisten, Wissenschaftlern, Ärzten und Schriftstellern. Beachy verweist darauf, dass der einflussreiche Neologismus "Homosexualität" im Jahre 1869 vom Schriftsteller und Journalisten Karl Maria Kertbeny geprägt wurde. Und schon früh, in den 1870er Jahren forderten erste Aktivisten Rechte für Homosexuelle – auch das beschleunigte die Entstehung einer einzigartigen deutschen Homosubkultur.
    "Es gab natürlich überall Subkulturen, aber ich versuche das anhand der Gesetzeslage zu erklären. In Frankreich nach Napoleon zum Beispiel gab es kein sogenanntes Sodomiegesetz und deshalb bestand nie diese Notwendigkeit für einen politischen Aktivismus für die Rechte von Homosexuellen, und diesen gab es deshalb in Frankreich auch nicht so wie in Berlin."
    Berlin als Zentrum der Homosexuellen-Subkultur
    Eine weitere überraschende These von Beachy lautet:
    Dass die Subkultur florieren konnte, verdanken die Homosexuellen der Berliner Polizei. Schon früh, also um 1885 herum, hatten die verantwortlichen Beamten entschieden, Homosexuelle eher zu überwachen, statt zu bestrafen. So konnten sich im ansonsten strengen Preußenreich schon vor der Jahrhundertwende berühmte Lokale wie der Pariser Keller etablieren, ein berüchtigter Club im französischen Botschaftskomplex am Pariser Platz. Und wie Beachy offenlegt, wurden die Homosexuellen an diesen Orten auch zum Studienobjekt: Regelmäßig besuchten Sexualwissenschaftler, Psychiater und Schriftsteller die Berliner Szene – und zwar auf Einladung des Berliner Polizeipräsidenten. Auf seinen ungewöhnlichen Forschungsexkursionen gewährte er seinen Gästen einen einzigartigen Einblick in diese Subkultur.
    "Dieser aufgeklärte Umgang mit einer schillernden Gemeinde sexueller Minderheiten trug mit dazu bei, eine im entstehen begriffene Identität zu definieren und schließlich fest zu verankern."
    Einer dieser "Exkursionsteilnehmer" war der Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld. Er gründete 1897 mit dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee die weltweit erste Organisation, die sich für die Rechte homosexueller Menschen einsetzte. 22 Jahre später eröffnete er das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin, eine weltweit einzigartige Hochschuleinrichtung, die die Bevölkerung über unterschiedliche Sexualitäten ebenso aufklären sollte wie über Fetischismus, Masochismus und Sadismus.
    Laut Beachy war Homosexualität nicht nur in der Wissenschaft schon in der wilhelminischen Zeit ein vieldiskutiertes Thema, auch in der Politik avancierte sie dazu: Im Zuge der "Harden- Eulenburg-Affäre" in den Jahren 1907-1909 wurde zum ersten Mal in einer breiten Öffentlichkeit über Homosexualität gesprochen. Konkret ging es um Gerichtsverfahren, in denen prominenten Mitgliedern des Kabinetts von Kaiser Wilhelm II. homosexuelles Verhalten vorgeworfen wurde.
    Forschungsobjekt Homosexualität
    "Die Eulenburg-Affäre im engeren Sinn und die zahlreichen anderen Affären und Skandale, die sie enthüllte, wurden als typisch deutsch aufgefasst. Doch Eulenburg und die Personen in seinem Umfeld trugen auch dazu bei, dass sich die Vorstellung verbreitete, dass der homosexuell veranlagte Mensch eine Minderheitsvariante im Spektrum der modernen sexuellen Persönlichkeiten darstellt."
    Beachy brilliert darin, Biografien von homosexuellen Aktivisten präzise nachzuzeichnen mit Anekdoten aus Tagebüchern, Zitaten aus Gerichtsprotokollen oder witzigen privaten Fotografien der Beschriebenen – sein Quellenverzeichnis umfasst 58 Seiten!
    Die Kapitel sind wie Essays angelegt, was dazu führt, dass Beachy seine These immer wieder aus den Augen verliert und einige Themen mehrfach anschneiden muss.
    In Anbetracht der vielen aufwändig recherchierten Geschichten ist es bedauerlich, dass kaum homosexuelle Frauen erwähnt werden und es vage bleibt, wie Lesben die "homosexuelle Spezies" mitgeprägt haben:
    "Es war eine männliche Erfindung, und in gewisser Hinsicht ist das auch ein großes Defizit des Buches, aber die meisten Akteure waren eben hauptsächlich Männer, in den 1920ern gehörten alle Zeitschriften und Zeitungen Männern, auch diejenigen, die für Frauen waren. Natürlich gibt es einige Ausnahmen - und denen habe ich zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Aber ja, es ist eine männliche Konstruktion, und ein bisschen ist es auch meine männliche Konstruktion der Vergangenheit."
    Abwesenheit homosexueller Frauen
    Nach seiner rund sechsjährigen Recherche legt der amerikanische Historiker Beachy mit "Das andere Berlin" eine fundierte und facettenreiche Geschichte der - größtenteils männlichen - Homosexuellenkultur in Berlin vor, die durch überraschende Thesen, einen eleganten Erzählstil und einen beeindruckenden Quellenfundus besticht – auch wenn seine Ausgangsthese, dass die "homosexuelle Spezies" in Berlin erfunden wurde, nicht gänzlich überzeugt. Fraglich bleibt nämlich, inwiefern man überhaupt davon ausgehen kann, dass eine klar umrissene Charakterisierung der "modernen Homosexualität" möglich ist.
    Mit seinem historischen Streifzug will Beachy die Deutschen im 21. Jahrhundert an ihre Vorreiterrolle beim Kampf um Homosexuellenrechte erinnern:
    "Es gab sehr vorausschauende, kluge und umsichtige Denker, die einen riesigen Einfluss auf die deutsche Kultur und Gesellschaft hatten. Und mit Blick darauf bin ich geneigt zu sagen: Ehre, wem Ehre gebührt. Und vielleicht würde genau das helfen, die Einführung der gleichberechtigten gleichgeschlechtlichen Ehe zu beschleunigen."
    Robert Beachy: "Das Andere Berlin. Die Erfindung der Homosexualität. Eine Deutsche Geschichte 1867 - 1933" Übersetzt von Hans Freundl und Thomas Pfeiffer. Siedler Verlag. ISBN: 978-3827500663